Das Gespräch

Wir sehnen uns nach Verbundenheit

Der Egoismus unserer Zeit macht uns krank und sorgt für politische Krisen in ganz Europa. Der Philosoph Dr. Christoph Quarch meint: Wir leben falsch

Dr. Christoph Quarch© Achim Hehn

Unsere Gesellschaft lehrt: „Du musst zuerst mal auf dich achten!“ Oder: „Kämpf dich durch!“. Sie sagen: „Unser Wesen ist Verbundenheit.“ Leben wir falsch?
Falsch klingt so moralisch, aber: Ich glaube, in unserer Gesellschaft läuft einiges schief. Ich nehme seit einigen Jahren einen ausgeprägten Egozentrismus wahr, freundlich gesagt: einen Hang zum Individualismus.

Sie halten das für gefährlich?
Diese Denkweise spaltet unsere Gesellschaft. Bei allem, was wir tun, fragen wir: Was habe ich davon? Was bringt mir das? Dieser Egozentrismus ist inzwischen in allen Bereichen des Lebens anzutreffen: in der Schule, im Sportverein, in der Politik und leider auch in der Kirche. Es ist eine aus der Ökonomie herrührende Denkweise, die dort nicht fehl am Platze ist, außerhalb der Wirtschaft aber dazu führt, dass der innere Zusammenhalt der Gesellschaft porös wird, weil sich alle darum bemühen, ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, und damit so beschäftigt sind, dass sie keinen Blick mehr für den Menschen neben sich haben.

Wir leben nicht miteinander, sondern nebeneinander her?
Ja, und das kann schnell auch in ein Gegeneinander ausarten, weil das ökonomische Denken sehr stark von der Idee des Wettbewerbs geprägt ist. Manche behaupten, das liege im Naturell des Menschen. In Wahrheit ist diese Denkweise von Menschen gemacht. Sie stammt aus dem 16.  Jahrhundert, als der Philosoph Thomas Hobbs den berühmten Satz prägte: „Der Mensch ist der Wolf des Menschen.“ Der Naturzustand sei ein Krieg aller gegen alle. Wenn wir aber weiter zurückgehen, landen wir bei dem Philosophen Aristoteles, der meinte, der Mensch sei ein „Zoon politikon“, ein Wesen der Gemeinschaft. Das ist nicht nur philosophisches Wortgeplänkel: Wie wir uns als Menschen deuten, prägt die Art, wie wir uns zueinander verhalten und wie wir die Welt einrichten.

Also leben wir doch falsch?
Es ist falsch in dem Sinne, dass die ökonomische Lebensform dem Wesen des Menschen nicht wirklich genügt. Wir leben weit unter unserem Potenzial, wir leben flach. Das Leben könnte sehr viel tiefer, sehr viel umfassender sein. Wir haben es auf eine Facette von Lebenswirklichkeit reduziert. Deshalb sind wir von Krisen geschüttelt, ökologisch, ökonomisch, sozial. Immer mehr Menschen, gerade hier im Westen, werden krank und durchleiden Sinnkrisen.

Aber ist es denn nicht normal, dass man gewinnen will? Das wollen doch schon kleine Kinder ...
Natürlich gibt es die Lust am Wettbewerb in uns. Aber wichtiger als zu gewinnen ist, uns zu zeigen in der Welt, unsere Potenziale zu entfalten. So funktioniert ja die ganze Natur: Der Baum möchte aus seinem kleinen Samenkorn zu einem großen prächtigen Baum werden, das ist sein Wesen, der Sinn seines Lebens. So auch wir Menschen: Wir wollen groß werden, wachsen, reifen. Aber das geschieht nicht auf Kosten anderer, es geht nur im Miteinander mit anderen.

Gibt es eine Sehnsucht nach diesem Miteinander, nach Verbunden-Sein?
Ich glaube ja. Wir sind Wesen der Gemeinschaft, und das lässt sich nicht verleugnen. Es liegt im Naturell des Menschen, dass er sich nach Gemeinschaft sehnt. Das ist für mich auch der Grund, warum die sozialen Netzwerke im Stil von Facebook so unglaublichen Erfolg haben. Allerdings befriedigen sie diese große Sehnsucht des Menschen auf eine falsche Weise. Sie liefern ein billiges Surrogat. Sie bedienen ein tiefes Bedürfnis allenfalls oberflächlich und lassen die Menschen unbefriedigt zurück.

Trafen sich im Biergarten zum Interview: stadtgtottes-Redakteurin Christina Brunner und Dr. Christoph Qarch© Achim Hehn
Trafen sich im Biergarten zum Interview: stadtgtottes-Redakteurin Christina Brunner und Dr. Christoph Qarch

Um ein Wir-Gefühl aufzubauen, suchen manche die Abgrenzung. „Wir – und die“ heißt es dann ...
Diese Denkweise ist leider weit verbreitet. Das liegt auch daran, dass sie sich politisch dienstbar machen lässt. Doch führt sie in die Irre. Wirkliche Zusammengehörigkeit entsteht nicht durch Abgrenzung zu anderen. So kann man Wir-Gefühle erzeugen, aber sie sind nicht nachhaltig stabil. Echte menschliche Gemeinschaft entsteht aus geteilter Begeisterung für eine gemeinsame Mission, eine Vision, oft auch aus einem gemeinsamen spirituellen Grund, aus dem man schöpft. Das Wir aus Abgrenzung hingegen ist aus Angst und Egoismus geboren. Das Wir der AJD ist die Summe des Egozentrismus derer, die sich zu kurz gekommen fühlen. Das ist aber kein Geist der Verbundenheit, sondern ein Wir, das meint, seinen Egozentrismus auf Kosten anderer ausleben zu müssen.

Und was hat das alles mit Gott zu tun?
Gott ist der Grund der Verbundenheit. Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, dann fällt mir als Erstes der Spitzensatz aus dem 1.  Johannesbrief ein: Gott ist die Liebe. Liebe – das ist nichts anderes als die Grundessenz von Verbundenheit. Der Gott, den das Christentum predigt, ist ein Gott, dessen Wesen Verbundenheit ist. Er ist die Kraft, die die Welt im Innersten zusammenhält.

Aber viele Menschen wollen doch mit Religion nichts zu tun haben, erst recht nicht mit Kirche. Bietet die Kirche dieses Gefühl der Verbundenheit nicht mehr?

Ich fürchte, so ist es! Ich kenne die Kirche recht gut, ich habe ja beim Deutschen Evangelischen Kirchentag gearbeitet und auch in verschiedenen Medien, die der Kirche nahe sind. Ich rede jetzt als evangelischer Christ. Ich konstatiere in der gegenwärtigen Mainstream-Kirche oder Volkskirche eine radikale Krise, eine Krise, die buchstäblich die Wurzel – radix – trifft. Das Herz, die Wurzel dieser Religion ist die Liebe, von der es heißt, Gott sei sie und wer in ihr sei, sei in Gott. Die Liebe, von der Jesus sagt, sie sei die Erfüllung des höchsten Gebots. Die christliche Theologie wie die christliche Spiritualität haben das zu sehr aus den Augen verloren. Man hat die Liebe zu einer moralischen Haltung degradiert und vergessen, dass sie ein Sein ist. Genau dieses Sein, das die Welt im Innersten zusammenhält und das Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Umwelt, zwischen allen Menschen schafft. Die Kirchen stecken zwar in einer Krise, aber sie sind reformfähig. Weil sie sich darauf besinnen können, was ihr eigentliches Wesen ausmacht: die Religion der Liebe.

Was müsste angesichts dieser radikalen Krise passieren?
Notwendig wäre eine theologische Besinnung. Denn es gibt eine unheilvolle Reduktion von Religion auf Moral, die im Protestantismus eher politisch geprägt und im Katholizismus eher auf das Individuelle konzentriert ist. Das ist nicht gut. Es geht nicht darum, dass Menschen moralisch integer sind und Werke der Barmherzigkeit verrichten. Das ist gut, aber es ist nicht das, worum es im Christentum geht. Es geht darum, mit dem Sein Gottes, das Liebe ist, in Beziehung zu treten und so das eigene Menschsein zur Entfaltung zu bringen. Dafür braucht man weniger Predigten und Ansprachen, sondern eine lebendige Spiritualität, die den Menschen im Herzen berührt und die Lebendigkeit, die in ihm schlummert, zur Blüte bringt. Kirche wäre dann wie ein Gewächshaus, in dem das Pflänzchen der Liebe zum Wald wird.

Dr. Christoph Quarch© Achim Hehn

Würde das das Christentum wieder attraktiv machen?
Wenn das überhaupt geschehen kann, dann so! Auf diese Art und Weise würde Religion den Menschen da berühren, wo in ihm etwas lebendig sein möchte. Wenn es gelingen könnte, dieses Liebespotenzial der christlichen Religion neu zu wecken, dann hätten wir auch das so dringend benötigte Gegengewicht zur Instrumentalisierung und Ökonomisierung der Welt.

Ist das nur ein Traum, oder gibt es einen Ort, wo so etwas geschieht?
Solche Orte gibt es. Einer, den ich selbst kennenlernen durfte, ist Taizé. Die Taizé-Spiritualität öffnet das Herz der Menschen. Das ist für mich ein gutes Beispiel, wie Liebe nicht als moralisches Konzept gelehrt werden, sondern als existenzielle Seinsform wachsen kann.

Ist das der Grund, warum Taizé für junge Leute so attraktiv ist?
Ganz sicher. Denn junge Menschen sind sehr empfänglich für die Liebe, sie haben die Bereitschaft, sich zu öffnen für das, was ist. Und wo man mit vielen Menschen aus allen Ländern zusammenkommt, da kann der Geist der Agape sich entfalten.

Ihre Idee eines Europäischen Bürgerdienstes, den junge Leute als Pflichteinsatz leisten sollen, setzt genau bei diesen jungen Leuten an, oder?
Junge Menschen sind gerne bereit, sich für etwas Sinnvolles in die Pflicht nehmen zu lassen. Sie wollen etwas Größerem dienen. Die Idee hinter dem Bürgerdienst ist: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, das mich auch in Dienst nehmen darf, denn meinen Rechten als Bürger entsprechen auch Pflichten. Ich meine, dass es Europa guttäte, wenn wir einen Bürgerdienst etablierten, der alle jungen Europäerinnen und Europäer in die Pflicht nähme, ein Jahr ihres Lebens in den Dienst des europäischen Gemeinwesens zu stellen und diesen Dienst in einem anderen europäischen Land zu verrichten. Bei dieser Gelegenheit lernte man ganz praktisch europäische Gemeinschaft kennen, die Werte, für die Europa steht.

Aber es gibt ja auch junge Leute, die sich überhaupt nicht für Politik oder für Europa interessieren.
Stimmt. Es gibt viele, die nur um sich selbst kreisen, denen das Wohl und Wehe dieses Gemeinwesens egal ist. Ein politisches Bewusstsein ist selten anzutreffen. Die Demoskopen bestätigen uns, dass es noch nie eine so unpolitische Studentengenera­tion gab wie gegenwärtig. Die Werte, die die sogenannte „Generation Y“ vertritt, sind hochgradig individualisierte Werte. Der Sinn fürs Politische droht uns abhandenzukommen, das tut uns nicht gut. Es tut uns nicht gut vor dem Hintergrund der vielfältigen Angriffe, denen wir in unserer westlichen Zivilisation ausgesetzt sind. Ich denke da an die neue Rechte, den islamistischen Terror, aber auch an die wirtschaftlichen Krisen, die Südeuropa getroffen haben. Sobald Krisen auftauchen, müssen die Menschen näher zusammenrücken, weil keiner diese Krisen allein bewältigen kann. Wir brauchen ein Mehr an Gemeinsinn. Einen Gemeinsinn, der sich daraus speist, dass die Menschen in dieser Gesellschaft für die gleichen Ideale eines europäischen Miteinanders eintreten und auch bereit sind, etwas dafür zu leisten.

Wird so ein Bürgerdienst kommen?
Eine solche Aktion müsste vom Europäischen Rat beschlossen werden, dann müsste jedes einzelne Mitgliedsland das für sich beschließen. Und das wird nicht gelingen. Aber das sogenannte „Kerneuropa“ könnte beginnen, indem sich Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich zusammenschließen und diesen Dienst etablieren. Aber es ist ja auch nicht so wichtig, dass sich meine Idee durchsetzt. Ich verstehe sie als Stein des Anstoßes, der uns zu Bewusstsein bringen will, dass Europa mehr ist als ein Wirtschaftsraum.

Christina Brunner

April 2017

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Zur Person

Dr. phil. Christoph Quarch (*1964 in Düsseldorf), Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Vortragender und Berater. Er veranstaltet philosophische Seminare und Reisen und ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland. Von 2000 bis 2006 war er Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags; von 2006 bis 2008 Chefredakteur von „Publik-Forum“. Er ist Autor und Herausgeber von knapp 40 Büchern, zuletzt erschien: „Rettet das Spiel“ (zusammen mit dem Hirnforscher Gerald Hüther).