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Nach 50 Jahren ist mein Sohn wieder da

Sie hatte nicht mehr daran geglaubt. Und doch: Nach einem halben Jahrhundert fand Angelika ihren geliebten Jungen wieder

Glücklich vereint: Angelika und ihr Sohn Ralf. „Wir sind so froh, dass wir uns haben“, sagen beide© Micus
Glücklich vereint: Angelika und ihr Sohn Ralf. „Wir sind so froh, dass wir uns haben“, sagen beide

Jedes zweite Wochenende deckt Angelika, 73, besonders liebevoll den Tisch, kocht leckeres Essen und freut sich auf den Besuch ihres Sohnes Ralf, 54. Der Medienberater aus Güstrow fährt gut eine Stunde ins mecklenburgische Ludwigslust, um mit seiner Mutter und oft auch den fünf Brüdern ein herrliches Wochenende zu verbringen.

Es wird viel gelacht und erzählt. Meistens geht es um die Vergangenheit. Kein Wunder, denn Angelika und ihr Sohn haben sich 50 Jahre lang nicht gesehen, sind erst seit September 2015 wieder vereint. „Man hat mir meinen Jungen als Baby gestohlen, und niemand kann uns das verpasste gemeinsame Leben zurückgeben“, sagt Angelika. „Aber ich will nicht verbittert sein, ich bin froh, dass wir uns noch gefunden haben.“ Ralf nickt. „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber voller Lebensfreude in die Zukunft sehen. Und die machen wir uns so schön wie möglich.“

Angelikas Leben ist von Anfang an tragisch. Ihre Mutter stirbt, als sie drei Monate alt ist. Ihren Vater kennt sie nicht. Sie wächst in einem Kinderheim in Güstrow auf. Als sie sich mit 17 Jahren in einen gleichaltrigen Jungen verliebt, wird sie prompt schwanger. Sie soll abtreiben, aber da sie gerade 18 geworden ist, kann sie selbst entscheiden, was mit dem Baby passiert. „Ich war glücklich, weil in mir ein Mensch wuchs, der zu mir gehörte“, erinnert sie sich an ihre tiefen Gefühle damals. Als Ralf  am 10. August 1962 geboren wird, kullern ihr Tränen des Glücks. Endlich nicht mehr allein, endlich ist jemand da, der zu ihr gehört.

Sie träumt von einer Familie
Ralf kommt ins benachbarte Säuglingsheim, Angelika lebt weiter im Kinderheim, ist aber viele Stunden am Tag bei ihm. „Ich musste nur durch den Garten gehen, konnte ihn stillen und, sooft ich wollte, mit ihm spielen.“ Doch Angelika ist blutjung, sie träumt weiter von einer Familie. 1963 lernt sie den gleichaltrigen Bauingenieur Peter kennen, wird wieder schwanger. Im Sommer 1964 heiratet sie, im Dezember kommt Sven auf die Welt. Jetzt könnte es das lang ersehnte Happy End geben. Doch die kleine Familie findet keine Wohnung. Angelika lebt weiter im Kinderheim oder mit Sven bei den Schwiegereltern. In dieser Zeit bekommt Angelika Post vom Jugendamt. Ralf ist bald drei Jahre alt, kann dann nicht mehr im Säuglingsheim bleiben. Sie soll seiner Verlegung ins Kinderheim zustimmen. Angelika kennt die Sachbearbeiterin vom Jugendamt seit vielen Jahren. „Ich habe ihr vertraut“, sagt sie und schüttelt rückblickend den Kopf. Denn der Zettel, den Angelika, ohne zu zögern, unterschreibt, ist die Adoptionsfreigabe ihres Kindes. „Ich hatte keine Ahnung“, beteuert Angelika. „Ich wollte am nächsten Tag meinen Sohn sehen, aber er war nicht mehr da. Die Schwester sah sie nur an, meinte: Wieso? Ralf ist adoptiert.“

Den Schmerz, den sie damals empfand, kann sie nicht in Worte fassen. „Es war, als ob man mir das Herz in zwei Stücke gerissen hätte“, sagt sie leise. Sie bricht vor den Schwestern zusammen, kommt in eine Klinik. Die Erinnerung an diese schlimme Zeit verschwimmt hinter einem Tränenschleier. Nach der Entlassung sucht sie ihr Kind, fragt die Schwestern, wer Ralf geholt hat. Doch sofort schaltet sich ihr Vormund ein, der Chef der SED-Kreisleitung ist. „Er meinte, ich solle vorsichtig sein, ich hätte ja noch ein Kind. Wenn ich nicht Ruhe gäbe, würde ich ihn auch verlieren.“

Ralf, als er noch ein Kleinkind war. Lange Zeit das Einzige, was Angelika von ihrem Sohn blieb© privat
Ralf, als er noch ein Kleinkind war. Lange Zeit das Einzige, was Angelika von ihrem Sohn blieb

Täglich denkt sie an Ralf
Angelika hat niemanden, der ihr hilft. Mit ihrem Mann zieht sie nach Ludwigslust, bekommt nach Ralf und Sven noch vier Söhne. Doch es vergeht kein Tag, an dem sie nicht an den verlorenen Ralf denkt. „Ich hatte ein Loch im Herzen, eine tiefe Wunde. Sie ist in all den Jahren nicht verheilt.“ Angelika feiert jeden Geburtstag ihres ältesten Sohnes, backt ihm eine Torte, weint, weil sie nicht weiß, wo er lebt. „Am schlimmsten war die Angst, es könnte ihm schlecht gehen oder er würde glauben, ich hätte ihn freiwillig weggegeben.“ 1989, gleich nach der Wende, schaltet sie westdeutsche Suchorganisationen ein, hofft, ihren geliebten Ralf zu finden. Und die Vergangenheit wiederholt sich. „Ein ehemaliger Stasimitarbeiter stand bei mir, zischte: Ich warne Sie, lassen Sie das Suchen sein.“

Doch Angelika ist keine hilflose junge Frau mehr. Sie ist verheiratet, hat fünf prächtige Söhne. Sie alle unterstützen sie dabei, jetzt nicht noch einmal aufzugeben. Jahrelang schreibt sie viele Einrichtungen an, ohne Erfolg. Schließlich wendet sich ihr Sohn Felix, 27, an einen Fernsehsender, bittet um Hilfe. Ein Fernsehteam fährt mit Angelika zum Kinderheim. Als sie das Gebäude sieht, weint sie bitterlich. „Plötzlich waren sie wieder da, die Bilder meines Jungen. Ich hörte sein Lachen, sah seine wasserblauen Augen.“ Wochen später bekommt sie eine Einladung. Man müsse noch etwas mit ihr klären. Und dann findet sich Angelika in einer Livesendung wieder. Und jetzt steht er vor ihr, Sohn Ralf, nach 50 Jahren. Tränenüberströmt liegen sich die beiden in den Armen. „Ich lasse dich nie wieder los“, schluchzt Angelika. Und Ralf murmelt: „Ich bleibe bei dir, für immer.“

In den Tagen danach bringt Ralf Licht in 50 Jahre Dunkelheit. Er hat einen Brief vom Sender bekommen und erst damals erfahren, dass er adoptiert ist. Ein Schock, denn der große, kräftige Mann hatte keine Ahnung. Von seinen Eltern, die er bis dahin für seine leiblichen hält, kann er nur Gutes berichten. „Ich hatte eine wunderbare Jugend“, beruhigt er Angelika. „Sie haben alles für mich gemacht. Ich habe beide jahrelang gepflegt.“ 2012 stirbt sein Vater, 2013 seine Mutter. Ralf ist Single. „Und dann bekam ich Post, und das ganze Leben stand Kopf. Plötzlich hatte ich nicht nur eine Mutter, sondern auch fünf Brüder.

Und Ralf versucht seitdem nachzuholen, was er verpasst hat. Jedes zweite Wochenende fährt er die 100 Kilometer und besucht seine verwitwete Mutter. Angelika liebt diese Stunden. Immer wieder nimmt sie dann ihren Ralf in den Arm, drückt ihn fest, sagt: „Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe! Mit jedem Tag, den Ralf wieder bei mir ist, heilt die Wunde in meinem Herzen ein kleines Stückchen mehr.“

Andrea Micus

Mai 2017

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Leser-Kommentare

  • Bettina Taubinger
    26.04.2017 05:57 Uhr

    So ein schönes Happy End nach so vielen Jahren der Sorge!
    Gottes Segen der ganzen Familie!

  • Hermine Bauer 64 j.
    25.04.2017 16:58 Uhr

    Sehr rührend dass mir die Tränen nahe standen.
    Ich finde es sehr gut,dass sie ihren verlorenen Sohn gefunden hat.
    Ein Mutter kann ihr Kind nicht einfach vergessen.

    Mein Baby ist in der 5. Monat im Bauch gestorben.
    Das sind auch schon 35 Jahre her.
    Man kann es nicht vergessen.

    Wünsche der Angelika und Ralf noch viele Gemeinsame Stunde..

 
 

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