Gesellschaft

Vom Bildungszug abgehängt

Jeder siebte Schüler bekommt keinen Ausbildungsplatz. Deshalb fordern Lehrer, Bildungsexperten und Politiker eine gemeinsame Schule, besser ausgebildete Lehrer plus Ganztagsunterricht – und eine Verpflichtung, schlummernde Talente zu fördern

Die Schüler schauen fasziniert auf das Smartphone, der Lehrer kommt dagegen nicht an © shutterstock
Die Schüler schauen fasziniert auf das Smartphone, der Lehrer kommt dagegen nicht an

Montag, 8 Uhr, der Gong hallt durch die Gänge einer bayerischen Hauptschule. Der Ort tut nichts zur Sache, die Situation ist, fragt man ältere Lehrer, die schon rumgekommen sind, überall gleich. Auch alle Namen in diesem Bericht wurden auf Wunsch der Beteiligten geändert. Gerlinde Schäfer, 52, GSE-Lehrerin (Geschichte, Sozial- und Erdkunde), betritt den Klassenraum einer Neunten. „Guten Morgen!“ Keine Reaktion. Vier der 22 Hauptschüler, 14- und 15-Jährige, schauen gelangweilt auf, die übrigen unterhalten sich weiter, lautstark, schreiend. In der hintersten Bank raufen Erik und Achmed. Die Lehrerin geht dazwischen. „Ruhe jetzt.“ Sie will heute mit den Schülern über Widerstandskämpfer im Dritten Reich reden. Vorerst keine Chance: Nico kriecht unter die Bank, weil ihm sein Federmäppchen runtergefallen ist („Setz dich bitte wieder auf deinen Stuhl!“). Bina schreibt unterm Tisch ihrem Freund eine SMS („Bina, gib mir bitte das Handy!“). Währenddessen hat Erik seinen Banknachbarn vom Stuhl geschubst. Achmed geht auf Erik los. „Achmed, du setzt dich jetzt hier in die erste Bank!“ – „Das ist ungerecht, der Erik hat angefangen! Und von Ihnen lass´ ich mir gar nichts sagen!“

Die Lehrer sind überfordert
Khaled hinten rechts hat von alledem nichts mitbekommen. Sein Kopf liegt auf dem Pult, er schläft.
Alltag an Hauptschulen. Die Schüler, die ehrgeizig sind und gute Noten schreiben wollen, haben es mit oft überforderten Lehrern zu tun, deren Aufmerksamkeit von desinteressierten Rabauken absorbiert wird. Nein, es sind nicht die Flüchtlingskinder, die den Unterricht sprengen. Elke Müller, die Deutsch als Zweitsprache unterrichtet: „Kinder aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea sind hoch motiviert. Sie wollen einmal einen guten Beruf erlernen. Die meisten träumen davon, nach einer Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren zu können.“ Darauf freuen sie sich.

Aber Nico, Bina, Erik – sie wissen, dass sie im Bildungszug die rote Laterne halten, weil sie es nicht geschafft haben, aufs Gymnasium oder wenigstens zur Realschule zu gehen. Und sie trösten sich auch nicht mit dem bildungspolitischen Schönreden, der die Hauptschule zur Mittelschule etikettiert hat. Für sie ist es die Restschule. Konsequenz: 1,7 Millionen Schüler, das ist jeder siebte eines Jahrgangs, bekommen in Deutschland keinen Ausbildungsplatz, weil sie entweder keinen Abschluss haben oder ihre Schulbildung mangelhaft ist. Die Ursachen dafür liegen für Bildungswissenschaftler auf der Hand. Detlef Träbert, 63, viele Jahre Bundesvorstand der „Aktion humane Schule“ und ausgebildeter Hauptschullehrer: „Die Arbeitsbedingungen an den Hauptschulen haben nichts mit den sozialen Realitäten zu tun.“

Schwierige Eltern
Das größte Problem, über das alle Lehrer klagen: Die Disziplinlosigkeit der Schüler steigt rapide. Wenn das Nein eines Lehrers kein Nein mehr ist, kann Unter­richt nur sehr schwer stattfinden. Mit den Eltern reden? Meist sinnlos. Schulleiter Andreas Wagner, 53: „Die überwie­gende Anzahl unserer Schüler kommt aus einem sozial schwierigen Umfeld.“ Damit nicht genug. „Immer mehr Eltern stehen in Konfrontation zum Lehrer“, weiß Detlef Träbert. Vor allem, wenn sie aus patriarchalen Kulturen kommen, in denen der Vater der Einzige ist, der seinem Kind etwas zu sagen hat. Auf all diese Situationen sind Lehrer weder vorbereitet, noch sind sie dafür ausgebildet worden. Sie sollen, verlangen die Schulgesetze der Bundesländer, Wissen vermitteln und erziehen. Aber interkulturelles Verständnis, psychologische Kompetenz, sozialpädagogische Fähigkeiten sind heute unverzichtbar; davon ist die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands Simone Fleischmann, 46, überzeugt. 

Lehrer fühlen sich überfordert. 30 Prozent leiden unter psychischen Problemen, die Zahl ihrer Krankheitstage hat sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Wenn das Schulsystem so bleibt und weiter so viele Schulabgänger in die Arbeitslosigkeit rutschen, bedeutet das, dass über kurz oder lang die Sozialhilfesätze abgesenkt werden müssen. Cem Özdemir, 51, Chef der Grünen und selbst Vater von zwei Schulkindern, fordert: „Ein gerechtes Bildungssystem muss den Anspruch haben, jedes Kind zu fördern und gesellschaftliche Blockaden durch das Aussortieren von Kindern nicht auch noch zu verfestigen.“ Und seine Parteikollegin, die Bundestagsabgeordnete Beate Walter-Rosenheimer, 52, Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung, ergänzt: „Bildung entscheidet über Teilhabe oder Ausschluss. So ge­sehen hängt unsere Zukunft entscheidend von mehr Bildungsgerechtigkeit ab.“
Was also tun? Nur ein radikaler Umbau des deutschen Schulsystems hilft, sagen Bildungsforscher und Lehrerverbände. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert „eine Schule für alle“, die Kinder nicht, „wenn sie erst neun Jahre alt sind, sortiert nach ,schlau’ und ,dumm’“. 

Verbandspräsidentin Simone Fleischmann konkretisiert: „Wir brauchen eine längere gemeinsame Schulzeit von zehn Jahren und Ganztagsschulen.“ Erst dann sollte sich entscheiden, ob ein Schüler einen beruflichen oder akademischen Weg geht. „Erfahrene Lehrer“, sagt Simone Fleischmann, „erkennen schon eine Woche nach Schulbeginn, ob ein Kind Gefahr läuft, in seiner Schullaufbahn zu scheitern.“ Deshalb sollten alle Kinder die Möglichkeit haben, kostenlos Nachhilfe zu bekommen, im Sportverein mitzumachen, ein Musikinstrument zu lernen. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein. Ein so reiches Land wie Deutschland könne es sich nicht leisten, Talente einfach untergehen zu lassen.
Das kostet viel Geld. Aber Simone Fleischmann ist davon überzeugt, dass eine vorsorgende Investition ins Bildungssystem wesentlich preiswerter ist als die Kosten, die die Sozialsysteme später für Schulversager aufbringen müssen. Die Grünen-Politikerin Beate Walter-Rosenheimer ergänzt: „Als große Industrie- und Wissensnation, die wir sein wollen, müssen wir zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung bereitstellen.“ 

Woher das Geld für mehr Chancengleichheit an den Schulen kommen soll? Der Philosophie-Professor Richard-David Precht, 52, hat zum Thema ein Buch geschrieben: „Anna, die Schule und der liebe Gott – Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern.“ Er macht einen Vorschlag: Senkt das Kindergeld, das derzeit Arme und Reiche gleichermaßen bekommen, auf zehn Euro ab und fördert mit dem Rest jene Kinder und Familien, die es für eine bessere Zukunft brauchen.

Albert Herchenbach

Mai 2017

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