Das Gespräch

Kirche muss die Jugendlichen ernst nehmen

Jugend und Kirche, das scheinen zwei getrennte Welten. Dass es dabei nicht bleiben muss, meint Patrik Höring, Professor für Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichtes an der Hochschule der Steyler in Sankt Augustin

Dr. Patrik Höring kam zum Interview mit stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner in die Räume der Redaktion in Sankt Augustin© Tobias Böcher
Dr. Patrik Höring kam zum Interview mit stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner in die Räume der Redaktion in Sankt Augustin

Zwischen Jugend und Kirche klaffen Welten. Stimmt dieser Eindruck?
Zunächst ja. Aber Jugendliche unterscheiden sich darin gar nicht so sehr von den Erwachsenen. Grundsätzlich gilt: Vieles, was wir an Jugendlichen beobachten, zeigt, was sich gesamtgesellschaftlich verändert hat.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen wir das Verhältnis zur Kirche. Die Mehrheit der Jugendlichen findet es durchaus gut, dass es die Kirche gibt. Für ihr persönliches Leben aber hat sie keine Bedeutung. Junge Menschen unterscheiden deutlich zwischen ihrem persönlichen Glauben und der Lehre der Kirche. Natürlich gibt es Jugendliche, bei denen persönlicher Glaube und kirchliche Tradition größere Schnittmengen haben. Es sind vor allem jene, die sich in kirchlichen Gruppen und Verbänden engagieren. Aber für den Großteil der Jugendlichen sind das getrennte Welten. Und das ist bei den meisten Erwachsenen nicht so viel anders!
Ein anderes Beispiel: Ehrenamtliches Engagement. Jugendliche sind nicht weniger freiwillig engagiert als Erwachsene - im Gegenteil. Aber für ihre Bereitschaft mitzumachen gilt: Sie wollen Spaß haben, sie wollen interessante Menschen treffen, sie wollen ihre Kompetenzen einbringen und erweitern, sie wollen mitbestimmen und – vor allem – sie wollen durch ihr Tun etwas erreichen. Und diese Kriterien gelten auch für das freiwillige Engagement der meisten Erwachsenen! Nur noch eine geringe Zahl engagiert sich aus einem Pflichtgefühl oder aus purer Gewohnheit heraus.

Wie entsteht denn das Bild „Jugend hier – Kirche dort“?
Schon in einer jahrtausendealten Keilschrift in Babylonien heißt es, dass die nächste Generation gottlos sei, verrucht und die Gesellschaft nicht vorwärtsbringe. Damit beschrieb man die traditionellen Abgrenzungs-prozesse zwischen der jungen von der älteren Generation. Überraschend ist heute eher, dass diese Konflikte kaum noch existieren. Die jungen Leute von heute sind überraschend angepasst und pragmatisch, traditionelle Werte haben wieder neu Konjunktur. Allerdings profitiert die Kirche nicht von dieser Renaissance.

Es gibt ja viele Angebote für Jugendliche: das Mega-Event Weltjugendtag oder Jugend­kirchen in jeder Stadt. Ist das der verzweifelte Versuch, Jugendliche zu gewinnen nach dem Motto: Kommt doch!
Ein bisschen schon. Auch eine einladende, offene Kirche wartet immer noch darauf, dass die Menschen zu ihr kommen. Der Weg der Kirche müsste aber umgekehrt aussehen: zu den Menschen hin, dort, wo sie leben und arbeiten. Events wie der Weltjugendtag haben daher nur eine begrenzte Wirkung. Vor allem bleiben die Jugendlichen zu sehr in einer Konsumentenrolle und werden nicht wirklich zu Subjekten der 

Angebote, zu Mitgestaltern. Wie müsste Kirche also sein, damit sie attraktiv ist?
Ein Grundzugang für Menschen jeder Altersklasse ist das Stichwort „Partizipation“. Jugendliche wollen ernst genommen werden. Ohne faires und ehrliches Begegnen auf Augenhöhe geht es nicht. Und zwar von Anfang an. Das heißt: Nicht versuchen, neue Angebote zu entwickeln, sondern zuerst das Gespräch mit den Menschen suchen und hören, was sie bewegt.

„Die Jugend“ gibt es ja nicht, gibt es vielleicht auch nicht „die Jugendpastoral“?
So ist es. Wichtig ist, wahrzunehmen, dass es verschiedene Lebenswelten gibt, wie uns die moderne Milieuforschung zeigt, und dass daher Angebote nach dem Motto „Eines passt für alle“ nicht mehr funktionieren. Denn es gibt Jugendliche, die sich in vorgegebenen Strukturen eher zurechtfinden, also die eher kirchennahen, familienorientierten, bürgerlichen. Denen ist wichtig, sich als Teil einer großen Gemeinschaft zu erleben. Das sind die Jugendlichen, die auch bei einem Weltjugendtag begeistert mitmachen oder in Chören, Messdienergruppen etc. Daneben gibt es auch junge Leute, die sehr viel lieber die Dinge selbst entwickeln. Die brauchen eher Unterstützung oder sanfte Begleitung und nicht ein fertiges Konzept.

Für 2018 hat der Papst ja die Bischöfe der Welt zu einer Synode über die Jugend zusammengerufen. Was müsste da gesagt werden, was uns weiterbringt?
Wichtig ist, dass Jugendliche dort selbst mitdenken und mitreden können. Aber da geht es schon los: Welche Jugendlichen sollten das denn sein? Weltweit leben die jungen Menschen in so unterschiedlichen Kontexten, dass die Situation in Mitteleuropa kaum vergleichbar ist mit den Lebenswelten in Afrika oder Lateinamerika. Ich fürchte, dass die Synode in allgemeinen Appellen stecken bleibt und wenig Konkretes dabei herauskommt.

Dr. Patrick Höring ist habilitierter Theologe© Tobias Böcher

Aber was müsste sie denn sagen, um ernsthaft gehört zu werden?

Es muss das ehrliche Bestreben spürbar sein, junge Menschen als Dialogpartner auf Augenhöhe ernst zu nehmen. Das ist ja sogar in einer normalen Kirchengemeinde nur selten der Fall. Kinder und Jugendliche sind sehr willkommen, wenn sie im Rahmen des Bekannten mitwirken, also zum Beispiel den Gottesdienst aufhübschen. Wie etwa die armen Kommunionkinder, die schmale Zettelchen für die Fürbitten in der Hand halten, mit einem Satz, den sie selber kaum verstehen. Das ist letztlich ein Missbrauch junger Menschen. Wo Bischöfe unter sich bleiben oder höchstens Verbandsfunktionäre und ein paar Vorzeigejugendliche dazuholen, ist das ähnlich. Gemeinsames Ringen um die Zukunft der Kirche oder um das Evangelium entdecke ich da kaum. Wenn man wirklich ernst nimmt, dass jeder getaufte und gefirmte Jugendliche das Recht und die Pflicht zur Mitwirkung zum Apostolat hat, dann müssten andere Formen des Gespräches entwickelt werden.

Nämlich wie?
Indem man sich als Gleiche unter Gleichen begegnet und nicht von vorneherein mit der Haltung agiert: Das haben wir immer schon so gemacht. Wenn Jugendliche Ideen haben, dann lasst sie uns doch mal ausprobieren! Auch auf der Ebene der Lokalpolitik bekommen junge Menschen doch kaum eine Möglichkeit, wirklich mitzuwirken und mitzuentscheiden. Wäre doch toll, wenn Kirche da eine Alternative wäre! Man könnte etwa den Kirchenvorstand oder den Pfarrgemeinderat auch nach Proporz besetzen, weil Außenseiter und Minderheiten (und dazu zählen oft auch die Jugendlichen) kaum eine Chance haben, gewählt zu werden.
Vielleicht ist das in anderen Erdteilen anders, wo die jungen Christen auch zahlenmäßig stärker sind. An denen kommt man dort gar nicht vorbei! Bei uns sind Jugendliche ja inzwischen unter Artenschutz zu stellen ... Und angesichts der demografischen Entwicklung werden sie es in Zukunft immer schwerer haben, ihre Sichtweisen in die gesellschaftliche Debatte und in die Kirche einzubringen.

Sie haben ja auch Gemeinden
beraten, die ihre Firmvorbereitung verändern wollten. Was haben Sie denen geraten?
Das Sakrament der Firmung ist das Sakrament der Sendung in die Welt. Wer gefirmt ist, hat den Auftrag, die Botschaft Jesu Christi in der Welt zu verkünden. Ich vermute, den wenigsten Neugefirmten ist das im Laufe der Katechese klar geworden. Die meisten Gemeinden begnügen sich damit, gute Gruppenerlebnisse zu ermöglichen. Mit Gemeindebildung hat das wenig zu tun. Und wenn der Bischof dann für die Firmfeier kommt, wird die Gemeinde oft sogar ausgeladen, weil der Platz nicht reicht.

Stimmt, das ist die Realität.
Das müsste anders gehen. Junge Menschen müssten mit erfahreneren Christen lernen, wie Christsein geht. Lernen am Vorbild – ganz alltäglich: indem ein Firmkandidat einen anderen Christen zunächst kennenlernt, man Zeit miteinander verbringt, am eigenen Hobby teilhaben lässt oder vielleicht den Arbeitsplatz besucht und erfährt, welche Rolle der Glaube im Alltag spielen kann. Kurzum: Jeder Firmkandidat bräuchte einen individuellen Begleiter. Gemeinsame Erlebnisse wären der Anfang auch zu gemeinsamen Entdeckungen im Glauben.

Wie reagieren Gemeinden auf einen solchen Vorschlag?
Viele entdecken auf den zweiten Blick in dem Konzept eine Entlastung. Oft besteht ja der Anspruch, eine Art besseren Religionsunterricht zu machen. Daher finden sich auch immer seltener Ehrenamtliche, die eine Gruppe begleiten möchten. Daher: Weg von den Gruppen hin zu einer persönlichen Begleitung im Alltag und am Sonntag. Das bringt wunderbare Gespräche hervor, Begegnungen, die über die Firmung weit hinausreichen und Gemeinde bilden, weil Beziehungen zwischen Menschen wachsen, die im Alltag nicht zueinander gefunden hätten.

Wo findet man so viele mutige Menschen als Mentoren?
Die finden Sie in Ihrer Gemeinde! Selbst in Seelsorgebereichen mit einer großen Anzahl Firmkandidaten findet sich für jeden und jede ein Begleiter bzw. eine Begleiterin. Es gibt positive Erfahrungen im Erzbistum Köln, und das Bistum Feldkirch in Vorarlberg hat diese Idee sogar bistumsweit in sein Leitbild aufgenommen.

Christina Brunner

Juni 2017

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Zur Person

Dr. Patrik Höring ist habilitierter Theologe und seit 2009 an der Hochschule der Steyler Missionare für Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichts zuständig. Er forscht über die Religiosität junger Menschen, unterstützt Bistümer bei der Entwicklung eines neuen Firmkonzeptes und entwickelt eine „missionarische Jugendpastoral“. Kürzlich erschien sein Kinderbuch zur Erstkommunion („Erstkommunion – Wie geht das?“, Verlag J. P. Bachem)

Die Beiträge in diesem Band beleuchten die theologischen Leitmarken kirchlicher Jugendarbeit. 15 EUR, 19,50 CHF, Verlag Herder© Herder Verlag
Die Beiträge in diesem Band beleuchten die theologischen Leitmarken kirchlicher Jugendarbeit. 15 EUR, 19,50 CHF, Verlag Herder