Steyler Welt

Rosen für Monika

Die Wolgadeutsche Monika Dak hilft den Armen in Kaliningrad

Pater Georg Jagodzinski ist froh, dass Monika Pietrowna die Hilfsgüter aus Deutschland verwaltet© Christina Brunner
Pater Georg Jagodzinski ist froh, dass Monika Pietrowna die Hilfsgüter aus Deutschland verwaltet

Sascha hat Blumen dabei. Eine einzelne große rote Rose, liebevoll in Zellophan eingewickelt, mit einem glänzenden Band geschmückt. Die Blume ist ein Dankeschön für die Frau, die ihn nicht kaltgelassen hat. Verlegen streckt der 25-Jährige Monika Pietrowna Dak seine Gabe entgegen. „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, schimpft sie liebevoll und legt die Rose auf ihren Schreibtisch auf den Berg von Arbeit, der auf sie wartet. Monika Pietrowna ist 75 Jahre alt. Und es gäbe eine Menge Leute in der Region rund um Königsberg, die ihr Rosen streuen könnten. Auch wenn sie das nicht will.

Sascha ist ein Straßenkind, eine Waise, die noch Eltern hat. Solche Kinder gibt es viele im Kaliningrader Gebiet. Seine Eltern trinken, Sascha und seine Geschwister mussten für sich selbst sorgen. Mit 12 hatte er einen Unfall, seitdem ist er langsam im Denken und Handeln. Er landete im Kinderheim, riss aus, lebte auf der Straße bis er 18 war, dann gab ihm der Staat eine Wohnung. Irgendwo, wo gerade Platz war, aber nicht dort, wo Sascha sich zu Hause fühlte. Seitdem lebt er mal hier, mal da, manchmal sogar bei seinen Eltern, aber eine Heimat hat er nicht. Eines Tages stand er in der Sozialstation der Malteser in Rosdolnoe, die Monika Pietrowna betreut, der Hunger hat ihn hergetrieben. „Nie gebe ich dir was“, schimpfte die 75-Jährige und tat es dann doch: etwas zu essen und ein Paar gute Schuhe. „Ich habe Maler und Verputzer gelernt, aber ich finde keine Arbeit, so einen will keiner haben“, erzählt Sascha leise. „Kein Wunder“, sagt Monika später. „Er ist nicht zuverlässig, und wenn er mal Geld hat, gibt er es aus für Süßigkeiten oder kauft, so wie jetzt, eine Blume für mich ...“ Sie schüttelt resigniert den Kopf.

Als die Perestroika kam, brachen die Kolchosen, die staatlichen Großfarmen, zusammen, viele Leute wurden arbeitslos. Mit der Freiheit, die im Westen begeistert gefeiert wurde, konnten die Melker und Traktoristen einfach nichts anfangen. Monika erzählt von Nadja, ihrer Nachbarin in Rosdolnoe, die schon mit 14 Jahren anfing, 50 Kühe zu melken. „In der Kolchose hatte sie Arbeit, ihr Mann war Traktorist – geachtete Leute. Es gab eine Wohnung für jeden, der Urlaub war gesichert, sie mussten sich keine Sorgen machen. Nach der Perestroika war alles kaputt. Sie fingen an zu trinken, irgendwann haben sie sogar ihre eigene Kuh geschlachtet und alles versoffen.“


stadtgottes-Redakteurin hristina Brunner staunte über die vielen Dörfer, die auf die Hilfslieferungen aus Kaliningrad angewiesen sind© Andrzej Zalewski/SVD
stadtgottes-Redakteurin hristina Brunner staunte über die vielen Dörfer, die auf die Hilfslieferungen aus Kaliningrad angewiesen sind

Hunger und Kälte in Sibirien

Obwohl die wirtschaftliche Lage Russlands schlecht ist - die Reallöhne sinken seit Jahren, die Armut wächst wieder – sieht Monika Pietrowna in ihrem Dorf einen Lichtstreif am Horizont. Und den erzeugt (ausgerechnet) das Embargo der EU. Selbstständige Landwirte, Kleinbauern zumeist, schließen sich in Kooperativen zusammen; seit keine Äpfel mehr billig aus Litauen importiert werden können, besinnt sich Kaliningrad Oblast auf seine ostpreußische Obstbautradition.

„Offiziell gab es in der Sowjetunion keine armen, keine obdachlosen und unglücklichen Leute“, sagt der Steyler Pater Georg Jagodzinski, der viele Jahre in Moskau und nun seit fast zehn Jahren im ehemaligen Ostpreußen arbeitet. „Und wenn man doch welche sah, wurden sie vor den großen staatlichen Feiertagen einfach 100 Kilometer weit wegtransportiert und dort regelrecht ausgesetzt. Monika Pietrowna gehörte zu den Ersten, die sich um solche Leute kümmerten, lange bevor der Staat über Sozialarbeiter verfügte.“
Monika weiß, wie sich Hunger und Kälte anfühlen. Denn sie hat sie selbst erlebt, als Stalin 1941 ihre Familie nach Sibirien deportieren ließ. Sie lebten in der Nähe von Marx, sie waren Wolgadeutsche, „Feinde des Sowjetvolkes“. 24 Stunden hatten ihre Mutter und ihre Oma Zeit, 50 Kilo Gepäck zusammenzupacken, dann wurden sie in einen Viehwaggon verladen und abtransportiert „in ein Dorf zwischen Wäldern und Mooren“. Dort wurde Monika im April 1942 geboren. Ihr Vater landete in einer Strafkompanie, sie hat ihn nie kennengelernt. Die Mutter wurde zum Kartoffelsortieren in die tiefen Keller geschickt, wo die Feldfrüchte im Winter lagerten, damit sie bei 40 Grad Kälte nicht erfroren. 1951 hatte sie keine Kraft mehr, sie starb einfach, genau wie zwei ihrer Kinder, die verhungerten und erfroren. Die achtjährige Monika und ihre Geschwister zogen mit der Oma zu ihrer Tante, die selbst drei Kinder durchbringen musste: „Neun Menschen im Haus, und keiner konnte arbeiten.“ Als junge Frau landete sie in der Nähfabrik und hatte Glück: Ihre guten Deutschkenntnisse halfen ihr vorwärtszukommen. Sie konnte studieren und war 25 Jahre lang Lehrerin für Nähtechnik in Sibirien. 

Sascha lebt den größten Teil des Jahres auf der Straße. Monika Pietrowna und ihre Helferinnen sorgen dafür, dass er in den Kleiderkartons saubere und warme Sachen findet© Christina Brunner
Sascha lebt den größten Teil des Jahres auf der Straße. Monika Pietrowna und ihre Helferinnen sorgen dafür, dass er in den Kleiderkartons saubere und warme Sachen findet

Packen, sortieren, ausliefern

Doch 1988 begann der große Exodus der Wolgadeutschen: Hunderttausende Russen mit einer deutschen Geburtsurkunde gingen als Aussiedler nach Deutschland. Auch Monika Pietrowna hätte gehen können, doch sie wollte nicht. Später gingen Monika und ihr Mann doch nach Westen – bis Kaliningrad. Denn als die Malteser im ehemaligen Königsberg eine Sozialstation aufbauen wollten, brauchten sie jemanden wie Monika. Sie übersetzt und füllt die Zollerklärungen aus, wenn die Malteser mit dem 700. Hilfstransport über die Grenzen wollen. Jahrelang arbeitete sie selbst auch in der Armenküche der Malteser mit, verteilte warmes Essen an Obdachlose und versorgte Straßenkinder in der Ambulanz. Heute leitet die alte Dame die Sozialstation in dem 200-Seelen-Dorf Rosdolnoe, dem ehemaligen Warnigkeim. Die beiden Container sind bis unter das Dach gefüllt mit Hilfsgütern, und alle gehen durch Monika Pietrownas Hände. 


Sozialstationen in der ganzen Oblast bitten sie um Hilfsgüter. Monika und ihre Helferinnen sortieren, packen, liefern aus. Jeder Pullover, jedes Kuscheltier wird in der Lieferliste vermerkt, jeder Empfänger bestätigt mit seiner Unterschrift, was er erhalten hat. So wollen sie und ihre Helferinnen verhindern, dass die besten Stücke auf dem Schwarzmarkt verhökert und in Wodka umgesetzt werden. Ohne Menschen wie Monika Pie­trowna, die sich aus ihrem starken Glauben heraus einsetzen für die Bedürftigen, könnten die Steyler Missionare in der Region Kaliningrad ihre Arbeit nicht tun. Monika hat ein paar feste Schuhe für den Obdachlosen, der vor der Pfarrkirche von Pater Adam hockt, und ein Pflegebett für die alte Frau, die Pater Jagodzinski in Wehlau betreut. „Ich stehe an dem Platz, wo Gott mich braucht“, sagt die engagierte Katholikin und sucht mit Sascha nach einer warmen Jacke für den Winter. Der murmelt etwas, sie übersetzt: „Er möchte ein normales Leben, eine Familie, einen Tannenbaum zu Weihnachten ...“ Sie seufzt: Er wird wiederkommen, das weiß sie. Und sie wird wieder etwas für ihn haben: ein Butterbrot, eine warme Jacke ... Und ein Lächeln.

Christina Brunner

Juni 2017

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