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Sehnsucht nach Gemeinschaft

Millionen Christen feiern ihren Glauben beim Weltjugendtag, doch in den Kirchenbänken herrscht gähnende Leere. Vor allem junge Leute wünschen sich ihre Kirche anders. Wir haben nachgefragt

Viele Jugendliche befinden sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens© action-press
Viele Jugendliche befinden sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Kira hat das Teekochen übernommen. Wenn Thomas den Tisch freimacht. Und Judith an der Garderobe Platz für Annikas Jacke schafft. Es ist Abend, alle sind müde, bei Kiras Arbeitsstelle hat es Krach gegeben, sie rückt nur zögernd mit den Details heraus. Eine WG wie tausend andere in deutschen Uni-Städten. Doch diese ist anders. Thomas, Kira, Annika, Judith und Katharina sind Bewohner einer WG, die das Bistum Aachen initiiert hat. „Visionauten“ nennen sie sich.
„Wir wollen herausfinden: was kann ich, was will ich, wo werde ich gebraucht“, erklärt Thomas das Konzept. Ein Jahr lang werden sie zusammen leben, ihre Form des Glaubens entfalten und bei einer kirchlichen Organisation mitarbeiten. Alle fünf teilen ein Schicksal: Sie haben noch nicht gefunden, wohin ihr Weg gehen soll. Thomas, mit 28 der Älteste, hat schon ein Studium hinter sich, aber es war nicht das richtige. Jetzt arbeitet er erst mal in einer Werkstatt der Lebenshilfe. Annika, 19, ist froh, dass sie endlich jemanden hat, der sie versteht: „Dieses ständige Nachfragen, was studierst du denn nach dem Abi?, hat mich ganz verrückt gemacht. Es gibt so viele Möglichkeiten, was ich machen könnte – ich weiß es einfach nicht!“ Vielleicht wird ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der Katholischen Jungen Gemeinde mehr Klarheit bringen.

Offen für Neues
Kira wollte zu Hause ausziehen, aber sie suchte mehr als eine Zweckgemeinschaft, die Bad und Küche, aber sonst nichts teilt. Die Kirchen-WG mitten in Aachen, die von der Berufungspastoral des Bistums betreut wird, war der 20-Jährigen zunächst etwas suspekt: „Eigentlich dachte ich, dass ich wohl gar nicht fromm genug bin. Ich glaube ja schon an etwas, aber nicht so richtig an Gott. Aber zu Hause hatte ich niemanden, mit dem ich mich auseinandersetzen konnte.“
Suchen – das ist das Lebensthema der fünf Visionauten. Dass sie noch nicht wissen, was und wohin sie wollen, ist hier kein Zeichen für Schwäche, sondern eine Chance. Auch für die Kirche, betont Renate Heyman aus dem Team der Berufungspastoral, das die Gruppe begleitet. „Wir trauen dem Heiligen Geist oft nicht zu, dass er mit den Menschen geht. Aber es ist so viel Potenzial da; es lohnt sich, das herauszukitzeln.“ Ist das Berufungspastoral? Die Aachener sehen es so: „Wir sind Wegbegleiter, damit sie das verwirklichen können, was außer ihnen sonst keiner kann“, erklärt Renate Heyman. „Man könnte auch sagen: Wir helfen ihnen, ihre Berufung zu finden.“

Jugendbischof Stefan Oster ist sicher: "Wenn man nah dran ist, weiß man, was junge Christen bewegt."© Fotolin, Pbp
Jugendbischof Stefan Oster ist sicher: "Wenn man nah dran ist, weiß man, was junge Christen bewegt."

Kirche als Ort zum Wohlfühlen
164 544 Menschen unter 14 Jahren wurden 2015 katholisch getauft – bei 720 000 Geburten. Zahlen, die auf den ersten Blick erschrecken. Aber dahinter steckt weniger eine Glaubensnot als ein demografischer Wandel: Vor 35 Jahren wurden 257 584 Menschen getauft und 865 789 geboren. Der Prozentsatz der Getauften steigt also sogar. Und immerhin 154  261 junge Menschen wurden auch gefirmt. Aber „die Jungen“ werden eben immer weniger – in der Gesellschaft und in der Gemeinde. Und wie sollen sich diese wenigen treffen, wenn in den Kirchenbänken nur Grauhaarige sitzen? „Ich wünsche mir die Kirche als einen Ort, wo man sich wohlfühlt“, sagt Judith. „Aber schon das Gebäude und die Einrichtung sind so steif, man muss sich benehmen.“ Katharina, die eine lange Messdienerkarriere hinter sich hat, wünscht sich mehr Offenheit: „Die Kirche sollte sagen: Komm, wie du bist, egal, ob du in die Struktur passt.“ „Die Form ist oft wichtiger als der Glaube“, nickt Kira. „Ich will nicht böse angeschaut werden, wenn ich mich nicht hinknie!“

Die Not der Jugendlichen ist bei den Kirchenoberen angekommen. Sie investieren viel in die Unterstützung der Jugendlichen, die sich in der Kirche zu Hause fühlen sollen. Mit großem Aufwand werden die Weltjugendtage zelebriert, zu denen die Massen strömen. Über eine Million kamen 2005 nach Köln, 2016 feierten schätzungsweise drei Millionen in Krakau.
In allen Bistümern gibt es inzwischen eigene Jugendkirchen, in denen mit viel Personalaufwand und Geld ein Biotop für die gefährdete Spezies „junge Katholiken“ entsteht. Und nicht nur für junge. Monika Schell ist 53 und geht am Sonntagabend gern zur Messe in die Jugendkirche CRUX in Köln. „Es ist ein traditioneller Gottesdienst, ohne Brimborium, aber frisch und modern“, stellt sie fest. „Die Priester gucken die Leute an, sie haben Zeit, auch für Stille, die Liturgie muss nicht schnell durchgeschleust werden. Nach dem Gottesdienst werde ich begrüßt: Nett, dass ihr hier seid, kommt doch mit auf einen Kaffee. Das alles zeigt mir: Ich werde hier gesehen!“

Glauben und Leben teilen
Mitgeschleppt wurde sie von ihrer Tochter Anne. Die Medizinstudentin hat im CRUX ihr Zuhause gefunden. „Was das CRUX zusammenhält, ist die Gemeinschaft: Auch wenn ich nur sonntags da bin, treffe ich dort meine Freunde. Das Beisammensein im Café nach der Messe ist sehr wichtig. Und alle Aktionen und Fahrten ebenso. Man teilt nicht nur seinen Glauben, sondern auch das Leben, ein bisschen vielleicht wie ein gemeinsames Hobby. Das verbindet.“
Gemeinschaft ist das Stichwort, das die Jugendlichen in die Gottesdienste lockt. Es sind eben nicht tolle Bands oder spektakuläre Lichtinszenierungen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Sondern: Nicht allein sein mit seinen Fragen und Freuden des Glaubens, auch wenn die Clique die nicht teilt. „Zu unserem Steyler Jugendtreff kommen junge Leute, denen es nicht egal ist, was in der Welt passiert“, berichtet Pater Xavier Alangaram. Über 100 junge Leute aus Indien, Ghana, den Philippinen und aus Deutschland tanzen, singen und meditieren jedes Jahr im Oktober auf dem Klostergelände in Sankt Augustin. Der junge Missionar aus Indien ist seit dem ersten Treffen 2012 mit Begeisterung dabei. „Wir wollen den jungen Leuten Raum schaffen, selbst etwas zu gestalten, die Gottesdienste zum Beispiel. Sie wollen gehört und ernst genommen werden, deswegen sind sie auch bei der Vorbereitung sehr engagiert dabei.“

Internationaler Schwung: Junge Christen aus aller Welt treffen sich beim Steyler Jugendtreff in Sankt Augustin© Václav Mucha SVD
Internationaler Schwung: Junge Christen aus aller Welt treffen sich beim Steyler Jugendtreff in Sankt Augustin

Dass Jugendliche bereit sind, sich für eine gute Sache starkzumachen, beweisen die Aktionen von Angelforce, zu denen sich junge Christen in der Deutsch-Schweiz auf die Straße trauen. „Die allermeisten Jugendlichen sind doch engagierte, fröhliche, schlaue, kreative und hilfsbereite Jugendliche“, konstatiert Christina Schenker von der Schweizer Jugendorganisation Jubla. „Durch Angelforce sollen sie mit guten Taten positiv auffallen.“ Die Engel mit den lustigen Mützen verteilen selbst gemachte Süßigkeiten auf dem Markt, tragen Einkäufe nach Hause oder machen den Passanten einfach nette Komplimente.
Einer, der dieses Potenzial der jungen Leute für seine Kirche sieht, ist Papst Franziskus: „Eine bessere Welt wird auch dank euch, eurem Willen zur Veränderung und dank eurer Großzügigkeit aufgebaut!“ Er lud sie ein, mitzureden, wenn 2018 die Bischöfe aus aller Welt zu einer Synode über die Jugend zusammenkommen. Auch diesmal gibt es einen Fragebogen für Jugendliche – wenn sie denn im Internet zufällig darauf stoßen. „Die meisten jungen Leute wissen ja gar nichts von diesem Plan des Papstes“, sagt Judith, die Visionautin aus Aachen. „Und wenn ich nicht in der Jugendkirche Kafarnaum mitarbeiten würde, wüsste ich es auch nicht. Ich frage mich: Wenn der Papst ruft – ist da überhaupt jemand, der antwortet?“

Ganz klein anfangen

Die Jugendverbände in Deutschland, allen voran der BDKJ, der nach eigenen Angaben rund 660 000 Kinder und Jugendliche vertritt, wollen auf jeden Fall ihre Sicht der Dinge nach Rom bringen. Aber auch Jugendbischof Stefan Oster ist sich sicher, dass er das Ohr an der Zielgruppe hat. „Ich begegne vielen jungen Menschen, habe auch eine regelmäßige Veranstaltung mit ihnen. Wenn man nah dran ist, weiß man, was die jungen Menschen bewegt. Auch was sie im Hinblick auf ihren Glauben bewegt.“
Die Visionauten sind sich da nicht so sicher. Sie finden, dass die offizielle Kirche immer noch viel zu viel Geld in veraltete Konzepte steckt – in der Hoffnung, dass sich die Lücken wieder schließen werden. „Man müsste ganz anders ansetzen“, meint Thomas. „Hinschauen, was für Leute sind da, was brauchen die? Und dann wie die modernen Start-up-Unternehmen neue Dinge versuchen, ganz klein anfangen. Und wenn es nicht klappt, ist das nicht schlimm – dann probiert man was Neues!“ Sie selber seien das beste Beispiel, meint Katharina. „Es gibt junge Leute, die nicht sofort wissen, was sie wollen, die Hilfe brauchen, um ihren Weg zu finden. Anderswo baut man Brunnen, wenn die Leute Durst haben. Mit der Visionauten-WG gibt die Kirche eine Antwort auf unsere Not – und das finde ich super!“

Christina Brunner

Juni 2017

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Fragebogen zur Bischofssynode

Hier geht es zum Fragebogen für die Bischofssynode mit dem Thema Jugend.

Den Fragebogen hat der Vatikan in 5 Sprachen erstellt. Deutsch ist leider keine der fünf Sprachen.