Gesellschaft

"Da brauche ich Fingerspitzengefühl"

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut oder an der Grenze dazu. Erste Anlauf­stelle für diese Menschen und die derzeit 250  000 Flüchtlinge sind die bundesweiten Tafeln. In Mönchengladbach packen Oliver und Diane Zohren als ehrenamt­liche Helfer mit an

Diane Zohren (links im Bild)  und die Vorsitzende der Tafel, Monika Bartsch, arbeiten Hand in Hand© Pascal Amos Rest
Diane Zohren (links im Bild) und die Vorsitzende der Tafel, Monika Bartsch, arbeiten Hand in Hand

Beherzt greift Oliver Zohren zu Zange und Handsäge und marschiert zum Eingangstor des Mönchengladbacher Bauhofes. Mit Fahrradschlössern sind Einkaufs-Trolleys an den Zaun gekettet. „Das geht so nicht. Damit kämpfen wir schon seit Wochen“, schimpft der 48-Jährige. Mit kräftigen Handgriffen sprengt er die Schlösser und stellt die Trolleys zur Seite. „Unsere Kunden kommen am Abend vor der Ausgabe oder in den frühen Morgenstunden und wollen sich so den Platz in der ersten Reihe sichern“, erklärt Oliver Zohren. Mit Kunden sind in diesem Fall Flüchtlinge und Asylbewerber gemeint, die jeden Montag von der Mönchengladbacher Tafel mit Lebensmitteln versorgt werden.
Oliver Zohren ist einer von rund 100 ehrenamtlichen Helfern der Tafel. Zwei Mal in der Woche kommen er und seine Frau Diane zu den Fabrikhallen im Mönchengladbacher Stadtteil Lürrip und helfen beim Ausladen, Sortieren, Lagern und Ausgeben der Ware. Seitdem die Tafel einen großen Zulauf durch die Flüchtlinge und Asylbewerber hat, wurde für Oliver Zohren außerdem eine besondere „Stelle“ geschaffen: Als ehemaliger Mitarbeiter im Sicherheitsdienst koordiniert und beaufsichtigt er die wartenden Kunden. „Es kann unter den Leuten schon einmal Unruhe aufkommen, natürlich auch durch sprachliche Missverständnisse, da hilft ihm seine Berufserfahrung weiter. Für uns ist das ein absoluter Glücksfall“, erklärt Monika Bartsch, Vorsitzende der Mönchengladbacher Tafel. 

Oliver Zohren wirft die Schlösser in den Müll. „Ich bin an der Front“, verabschiedet er sich und geht wieder zum Metallzaun, die ersten Kunden sind eingetroffen. Denen muss er nun klarmachen, was mit ihren Trolleys passiert ist. Diane Zohren sortiert währenddessen Seite an Seite mit Monika Bartsch Obst und Gemüse. Routiniert schneidet Diane Zohren ein Netz mit Zitronen auf. Flink und konzentriert wirft sie schimmlige oder ausgetrocknete Früchte in die Biotonne, die guten in eine schwarze Kiste. Möhren, Rosenkohl, Paprika, Lauch, Champignons, Äpfel, Bananen und Orangen – es riecht wie auf dem Wochenmarkt. Ein Schmaus für Nase und Augen. Kaum vorstellbar, dass die meisten Lebensmittel – obwohl sie qualitativ einwandfrei sind – im Müll landen würden. Dazu zählen Lagerbestände mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum, Backwaren vom Vortag, Saisonartikel, Überproduktion, falsch verpackte oder falsch ausgezeichnete Ware sowie Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern.
Ein Schokoriegel extra.

„Ich bin mit dem Herzen dabei“, sagt Oliver Zohren über seine Arbeit© Pascal Amos Rest
„Ich bin mit dem Herzen dabei“, sagt Oliver Zohren über seine Arbeit

Diane Zohren ist über einen Umweg zur Tafel gekommen. Als sie arbeitslos wurde, bekam sie aufgrund einer Bewerbung einen Anruf von einer Tafel-Mitarbeiterin. „Haben Sie ein Problem damit, sich dreckig zu machen?“, fragte die Mitarbeiterin am Telefon. „Das hatte ich natürlich nicht. Ich war froh, eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Seitdem helfe ich hier mit“, erzählt die 39-Jährige. Das ist acht Jahre her, und seitdem engagiert sich das Ehepaar gemeinsam für die Tafel. 

„Du hast doch eben noch hinten in der Reihe gestanden. Was machst du hier vorne?“, fragt Oliver Zohren einen älteren Syrer. „Bitte wieder hinten anstellen.“ Ohne Murren geht der Syrer einige Plätze nach hinten. Das Auftreten von Oliver Zohren ist souverän, seine Stimme bleibt ruhig. Das verschafft ihm den nötigen Respekt. Ein kleiner Junge läuft zwischen den Erwachsenen herum. Aus seiner Jackentasche zieht Oliver Zohren einen Schokoriegel und gibt ihn an den Jungen. Der Kleine strahlt, auch seine Mutter lächelt dankbar. Ein anderer Mann kommt auf den Ehrenamtlichen zu. „Mein Kind ist krank. Müssen später zum Arzt. Schnell Essen bekommen“, bringt er in gebrochenem Deutsch hervor. Oliver Zohren nimmt den Mann beiseite und fragt nach, was das Kind habe und ob seine Frau nicht alleine mit dem Kind zum Arzt könne. Mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Deutsch klärt er die Situation. „Ich brauche immer Fingerspitzengefühl, um die Situation richtig einzuschätzen. Diesem Mann glaube ich“, sagt Oliver Zohren, und der Mann darf sich vorne einreihen. Berührungsängste hat der selbstständige Tätowierer keine. „Ich behandle alle gleich und heiße sie willkommen, denn so würde ich schließlich auch empfangen werden wollen.“

Seitdem es mit den Flüchtlingen eine neue Kundengruppe gibt, haben die ehrenamtlichen Helfer noch mehr zu tun. Die meisten der 100 Ehrenamtlichen sind wie das Ehepaar Zohren schon über mehrere Jahre dabei. „Der Zusammenhalt in der Gruppe ist groß, Probleme werden gemeinsam angegangen, wir helfen uns gegenseitig. Das macht die Arbeit bei der Tafel aus“, sagt Diane Zohren. Daher sind sich auch alle bei dem Engagement für die Flüchtlinge einig: Es ist manchmal schwierig, besonders wegen der Sprachprobleme, aber ans Resignieren hat hier niemand gedacht. Umdenken, neu planen und organisieren, heißt die Devise. „Um alle Kunden bedienen zu können, mussten neue Sponsoren gefunden werden, und wir haben mehr Tage, an denen wir Ware abholen“, erklärt Monika Bartsch. Die Wagen der Mönchengladbacher Tafel legen im Jahr rund 56 000 Kilometer zurück. Tendenz steigend.
Ein großer Pluspunkt für die Tafel ist auch Monika Bartsch selbst. Als ehemalige Oberbürgermeisterin der Stadt ist die 67-Jährige sehr gut vernetzt. Das hilft bei der Neukunden-Gewinnung. So wie die rund 900 Tafeln in ganz Deutschland finanziert sich auch die Mönchengladbacher Tafel allein aus Sach- und Geldspenden. „Wir sind froh, dass wir und auch die anderen Tafeln ein gutes Ansehen in der Bevölkerung haben. Und die Leute wissen, dass mit ihrem Geld direkt vor Ort geholfen wird. Und wir brauchen die Hilfe, denn es werden immer mehr Menschen, die unsere Unterstützung brauchen“, resümiert Monika Bartsch. Im vergangenen Jahr wurden pro Monat fast 8  000 Rationen Essen ausgegeben. Unter Ration ist in diesem Fall die Menge an Lebensmitteln zu verstehen, die der Kunde bei einem Besuch für sich und die zum Haushalt zählenden Personen erhält.

Mittlerweile kennen die „Kunden“  die Regeln bei der Tafel und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind© Pascal Amos Rest
Mittlerweile kennen die „Kunden“ die Regeln bei der Tafel und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind

Die grösste Gruppe: Rentner

Neben der Ausgabe am Montag werden noch an zwei weiteren Tagen Lebensmittel an bedürftige Bürger aus Mönchengladbach ausgegeben. „Es ist erschreckend, dass immer mehr Paare mit vielen Kindern zu unseren Kunden gehören“, sagt Monika Bartsch. Das ist auch der bundesweite Trend. Von rund 1,5 Millionen Tafel-Kunden in ganz Deutschland sind ein Drittel Kinder und Jugendliche. Die größte Gruppe sind Rentner. Dazu kommen etwa 250 000 Flüchtlinge. Etwa 50 dieser Flüchtlinge stehen nun bei Oliver Zohren und werden langsam ungeduldig. Mit der Schürze um den Hals tritt Monika Bartsch aus der Ausgabehalle. „Wer kann hier übersetzen?“, ruft sie fragend in die Warteschlange. Ein junger Mann mit Brille hebt den Arm. „Heute haben wir wenig Ware. Besonders wenig Milchprodukte. Milch und Joghurts, die wir haben, werden an die Familien verteilt. Für die Kinder“, erklärt Monika Bartsch dem jungen Dolmetscher. Auf Arabisch informiert er seine Landsleute. Einige antworten ebenso auf Arabisch, andere bringen schon ein „Verstanden“ heraus. „Gut, dann können wir starten“, sagt Monika Bartsch, und die ersten Kunden eilen zur Ausgabe.
Diane Zohren schnauft durch. Alle Waren sind sortiert. Jetzt übernehmen ihre Kollegen an der Ausgabetheke. In Kleingruppen werden die Kunden in die Halle gelassen. Zunächst müssen sie ihren Berechtigungsschein vorzeigen. Einmal im Monat muss ein solidarischer Euro gezahlt werden. Diese Regeln sind sowohl für die Flüchtlinge als auch für die anderen bedürftigen Bürger gleich. Auf einem Schild im Eingangsbereich sind die wichtigsten Punkte auf Arabisch zusammengefasst. Als weitere Hilfe sind an den Lebensmittelkisten Bilder der Tiere angebracht. „Anfangs waren die Syrer beim Fleisch sehr unsicher, durch die Bilder wissen sie nun genau, was in welcher Kiste ist“, erklärt Monika Bartsch. „Wenn es das Mindesthaltbarkeitsdatum zulässt, halten wir Hähnchenprodukte für die Flüchtlinge zurück.“ 

Dankbar und zufrieden
Zügig füllen sich die Trolleys. Obst, Gemüse, Grundnahrungsmittel wie Reis und Nudeln, Süßes und auch ein paar Highlights wie Sushi-Boxen, ganze Fische und fertig zubereitete Wraps werden ausgegeben. „Es ist auch für uns immer eine Überraschung, was die Einzelhändler für uns zusammenstellen“, sagt Monika Bartsch. Nach zwei Stunden sind die Kisten leer gefegt. Nur einige Salate und größere Mengen Rosenkohl sind noch übrig. „Die Kohlsorten bleiben häufig liegen, dieses Gemüse kennen die Menschen aus ihren Heimatländern nicht und können es demnach auch nicht zubereiten“, erklärt Diane Zohren. Ihr Mann gesellt sich zu ihr. Die letzten Kunden ziehen mit ihren Trolleys davon. Im Gepäck hat jeder Lebensmittel im Wert von rund 50 Euro. Für die Helfer heißt es nun aufräumen. Auch Monika Bartsch packt wieder mit an und ist zufrieden: „In der Politik wird jedes Thema noch einmal in einen Arbeitskreis oder in eine Kleingruppe gegeben. Hier wird nicht geredet, sondern angepackt, und am Ende des Tages sehe ich ein Ergebnis: leere Kisten und dankbare Kunden. Deswegen bereichert mich die Arbeit bei der Tafel.“

Steffi Mager

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Websites der Tafeln

Am Tor stehen die Einkaufs-Trolleys der Bedürftigen© Pascal Amos Rest
Am Tor stehen die Einkaufs-Trolleys der Bedürftigen

Mönchengladbacher Tafel:
www.mg-tafel.de
Bundesverband der Tafeln:
www.tafel.de
Die Tafeln in der Schweiz:
www.schweizertafel.ch