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Der Diener der Kinder

Pater Babu Kakkaniyil betreut im indischen Pune Kinder in schwierigen Lebenssituationen. Vor allem jene, die auf den Straßen der Millionenstadt leben

Glücklich inmitten der Kinder, die kein Zuhause haben und die oft auch niemand haben will:  Pater Babu Kakkaniyil© Achim Hehn /SVD
Glücklich inmitten der Kinder, die kein Zuhause haben und die oft auch niemand haben will: Pater Babu Kakkaniyil

Umgerechnet 3,50 Euro: So viel Geld sollte Sakshi am Ende des Tages in der Tasche haben. Morgens setzte ihre Mutter sie am Bahnhof von Pune ab. Abends holte sie ihre Tochter wieder. 3,50 Euro, erbettelt im dichten Gedränge der Zugreisenden. Um die Familie einen weiteren Tag durchzubringen.
Sakshi war erfolgreich. Oft hatte sie sogar mehr Geld. Kleines Mädchen mit großen Augen: Das kommt an. Sakshi sicherte über Jahre das Einkommen ihrer Familie. Bis dieser Missionar auftauchte. Pater Babu.
Anfangs war Sakshis Mutter wenig begeistert. In die Schule schicken wollte er ihre Tochter! Pater Babu sprach von einer Zukunft für Sakshi. Aber wie sich eine Zukunft vorstellen, wenn man selbst nur von einem auf den anderen Tag lebt – von der Hand in den Mund? Pater Babu blieb freundlich, aber hartnäckig. Drei Jahre lang. Dann durfte Sakshi gehen. Heute lebt sie in einem Heim, zusammen mit 37 anderen Mädchen. Sie ist in der siebten Schulklasse, mag Geschichte und Biologie, liest gerne Bücher und wird für ihre schöne Handschrift gelobt. Manchmal, wenn man sie auf ihre Zeit als Straßenkind anspricht, weint sie. Weil sie heute glücklich ist.


„Sarva Seva Sangh“, der Name der Steyler Sozialorganisation in Pune, ist Hindi und bedeutet in etwa: allen zu Diensten. „So ganz korrekt ist das nicht“, sagt Pater Babu Kakkaniyil, der das Hilfswerk seit 2010 leitet. „Unsere Hauptzielgruppe sind Kinder in schwierigen Lebenssituationen. Das sind in Pune vor allem Straßenkinder, Kinder, die mit Aids leben, und Kinder, deren Mütter Pros­tituierte sind.“
Wenn es nach der Lokalregierung von Pune geht, der neuntgrößten Stadt Indiens, haben Pater Babu, seine beiden Steyler Mitbrüder und sein 24-köpfiges Team nicht viel zu tun. „Offiziell gibt es keine Straßenkinder am Bahnhof“, sagt Pater Babu. „Das würde ein schlechtes Licht auf die Stadt werfen.“ 

Was den Sozialarbeitern von „Sarva Seva Sangh“ auf ihren täglichen Rundgängen am Bahnhof begegnet, ist freilich eine andere Realität. „Tagsüber dürften es etwa 100 Kinder sein, die am Bahnhof betteln“, sagt Pater Babu. „Nach 22 Uhr schlagen über 2000 zwischen den Bahnsteigen ihr Nachtlager auf.“ Kinder, die zu Hause niemand mehr haben wollte. Kinder, in deren Familien es kein Essen, keine Kleidung, keine Wärme gab, und die deshalb ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Die Missionare und ihre Helfer bieten ihnen warme Mahlzeiten an, kommen mit ihnen ins Gespräch, laden sie zu monatlichen Treffen ein.

Pause in der Schule. Der  kleine Junge ist tief versunken  ins Spiel mit dem Auto© Achim Hehn /SVD
Pause in der Schule. Der kleine Junge ist tief versunken ins Spiel mit dem Auto

Willkommene Abwechslung
Ein weiteres Angebot für obdachlose Kinder führt Pater Babu täglich an sechs verschiedene Orte in der Stadt. Heute beginnt der gelbe Bus von „Sarva Seva Sangh“ seine Tour auf einer Großbaustelle. Während draußen gehämmert und geschweißt wird, tönen aus dem Inneren des Fahrzeugs Abzählverse und Kinderlieder. Die 31 Sitze sind ausgebaut, auf dem Fußboden hat eine bunte Schar Mädchen und Jungen Platz genommen. Während ihre Eltern auf der benachbarten Baustelle arbeiten, sind diese Kinder auf sich allein gestellt. Der Besuch des mobilen Klassenzimmers ist da eine willkommene Abwechslung. „Weil sie nicht zur Schule gehen können, bringen wir die Schule eben zu ihnen“, sagt Pater Babu wie selbstverständlich.

250 Kinder kommen jeden Tag in den Genuss des einstündigen Unterrichts. „Wir singen, tanzen und lernen mit ihnen“, sagt Pater Babu. „Seit 2007 konnten wir mit diesem Angebot über 300 Kinder zum Besuch einer Regelschule motivieren.“ Nicht nur der gelbe Bus, auch Pater Babu ist ständig unterwegs auf den überfüllten Straßen Punes, tingelt nahezu pausenlos zwischen den Kindergärten, Heimen und Beratungszentren, die das Sozialwerk betreut. Zwischendurch trifft er Gönner und Wohltäter: 40 Prozent des Jahres-etats von „Sarva Seva Sangh“ wird von Menschen aus Pune selbst getragen. „Ich habe kein Problem damit, um Spenden zu bitten“, sagt Pater Babu. „Sie sind ja nicht für mich.“ 

Der Alltag des 52-Jährigen ist turbulent. Bei aller Leidenschaft für „seine Kinder“ schont er sich nicht, vergisst oft zu essen. „Trotzdem geht es mir gesundheitlich besser denn je“, sagt der Steyler Missionar. „Ich bin nie müde, egal, wie wenig ich schlafe. Das alles verdanke ich den Kindern, für die ich da sein darf. Die halten mich fit.“

Einfache Baracken sind das Zuhause der meisten Kinder in Pune. Doch viele haben noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf, leben auf der Straße© Achim Hehn/SVD
Einfache Baracken sind das Zuhause der meisten Kinder in Pune. Doch viele haben noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf, leben auf der Straße

Kinderparlament
Am Nachmittag besucht Pater Babu noch einen Slum mit dem zynischen Namen „Stadt im Sonnenschein“. Pater Babu schüttelt Hände, ist in jeder der windschiefen Baracken ein gern gesehener Gast. Den Kindern dieser Armensiedlung ermöglicht „Sarva Seva Sangh“ den Schulbesuch, so auch Prakash, dem 19-jährigen „Premierminister“ des Kinderparlaments. „In jedem Slum, den wir betreuen, in jedem unserer Heime gibt es ein solches Parlament mit verschiedenen ,Ministern´, etwa für Gesundheit und Bildung, Sauberkeit und Sport“, erklärt Pater Babu. „Die Kinder geben so gegenseitig auf sich acht und lernen frühzeitig, Verantwortung zu übernehmen. Sie schätzen es, dass ihre Stimme zählt.“

Kindern, die unverschuldet in Not geraten sind, eine Lobby zu verschaffen, zur Not vor Gericht für ihre Rechte zu kämpfen: Pater Babu hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht – und scheut nicht vor klaren Worten: „Kein Kind, das wir betreuen, kann etwas für die Situation, in die es geraten ist. Allein wir – die menschliche Gesellschaft – sind schuld. Wir haben Mist gebaut und eine Welt geschaffen, in der Kinder erniedrigt werden. Und wir sind dafür verantwortlich, diesen Mist wieder zu beseitigen.“ Als Missionar sieht er sich dieser Aufgabe besonders verpflichtet. „Wer authentisch leben will, muss für die Opfer der Gesellschaft da sein“, ist er überzeugt. „Zur christlichen Kernaufgabe gehört es, für andere da zu sein, besonders für die Schwächsten. Und insbesondere für Kinder.“

Markus Frädrich

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