Umwelt

Der Stadtimker

Felder, Wiesen und frische Landluft – Natur pur. Könnte es einen besseren Ort für Bienen geben? Ja! Das beweist der Deutsch-Spanier Victor Hernández, der auf einem Dach in der Kasseler Innenstadt mit dem Imkern begann

Der Stadthonig entwickelte sich zu einem echten Verkaufsschlager. Dennoch: Das Imkern bleibt für Hernández ein Hobby© privat
Der Stadthonig entwickelte sich zu einem echten Verkaufsschlager. Dennoch: Das Imkern bleibt für Hernández ein Hobby

Es summt und surrt auf dem Dach des Mehrfamilienhauses Holländische Straße 82 in Kassel. Klimaanlagen? Weit gefehlt! Hier wohnt eins von 100 Bienenvölkern, die Victor Hernández gehören. Er ist der erste Stadtimker von Kassel. „Auch wenn es viele nicht glauben, aber in der Stadt haben es die Bienen gut“, erzählt Hernández. Seine Bienen bedienen sich nicht nur an den Blumen, die auf den vielen Balkonen sprießen, sondern freuen sich auch über die vielfältige Blumenpracht auf dem gegenüberliegenden Hauptfriedhof. Auf mehr als 40 Hektar finden die Insekten hier eine ungespritzte, bunte Blütenvielfalt von Chrysanthemen, Gerbera, Lilien, Margeriten und vielen mehr. Hernández´ andere 99 Bienenvölker haben ihr Zuhause übrigens direkt auf dem Friedhof, beim Staatstheater und auch im Garten eines Hotels, im als UNESCO- Kulturerbe gekürten Park Wilhelmshöhe. Durch die lokalen Medien auf ihn aufmerksam geworden, boten ihm sogar Privatpersonen an, seine Bienenvölker bei ihnen in den Garten zu stellen. Haben die Menschen keine Angst, gestochen zu werden? „Nein“, sagt Victor Hernández, „wenn man sie in Ruhe lässt, tun sie auch nichts.“

Jedes Bienenvolk lebt in einer sogenannten „Beute“. Eine Beute besteht aus bis zu sechs aufeinandergestapelten Holzkästen. Während sich im untersten Kasten der Brutraum befindet, finden sich in den daraufliegenden Holzkästen die sogenannten Honigräume, in denen die Bienen leben. Jeder dieser Honigräume wiegt bis zu 30 Kilogramm. „Als ich noch 30 Bienenvölker auf dem Dach hatte, war dies eine unglaubliche Schlepperei“, sagt Hernández. Auch darum ist er froh, die Bienenvölker im gesamten Stadtgebiet verteilt zu haben. Doch wie kommt man auf die Idee, mitten in der Stadt mit dem Imkern zu beginnen? Die Antwort von Hernández ist ganz einfach: „Bienen faszinieren mich. Ich könnte ihnen stundenlang bei ihrer Arbeit zusehen. Und selbst nach sechs Jahren kann ich von den Bienen immer noch etwas lernen.“

Die Balkonpflanzen sind ein beliebtes Anflugsziel der Stadtbienen. Hier finden sie eine bunte Blütenvielfaltzoom© privat
Die Balkonpflanzen sind ein beliebtes Anflugsziel der Stadtbienen. Hier finden sie eine bunte Blütenvielfalt

In der Stadt gibt es keinen Zeitdruck
Im Schnitt produziert ein Bienenvolk etwa 25 Kilo Honig im Jahr. In der Stadt ist es sogar doppelt bis dreifach so viel. Das liegt an den vielen verschiedenen Blumen, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Anders als bei Monokulturen haben die Bienen so viel mehr Zeit, Pollen, Tau und Nektar zu sammeln und ihn mit wichtigen Enzymen anzureichern, bevor sie ihn als Honig einlagern. Bienen, die z. B. neben einem Rapsfeld leben, geraten regelrecht unter Zeitdruck, weil sie hier nur eine Blühphase miterleben. Der Honig von Hernández´ Stadtbienen schmeckt in jedem Stadtteil ein bisschen anders. Grund: Die Bienen sammeln stets im Umkreis von etwa drei Kilometern von vielen verschiedenen Blumen. Eins haben die verschiedenen Honigsorten gemein: Sie sind frei von Pestiziden und haben beste Bio-Qualität. Das brachte dem Stadtimker 2014 den hessischen Staatspreis für die beste Honigqualität des Landes Hessen ein. Kann er von seinem hervorragenden Produkt leben? Hernández verneint lächelnd: „Das ist mein Hobby. Ich müsste mindestens 600 Bienenvölker besitzen, um genügend Gewinn zu erwirtschaften.“

Die Honigsorten aus den verschiedenen Stadtteilen schmecken immer etwas anderszoom© privat
Die Honigsorten aus den verschiedenen Stadtteilen schmecken immer etwas anders


Aufklären statt Panik schüren
Doch darum geht es ihm auch gar nicht. Für Hernández stehen der Naturschutz und die Freude im Vordergrund. Immer wieder wird von der Gefahr gesprochen, die Bienen könnten aussterben. Das hält Hernández für Panikmache; wenngleich auch bei ihm im vergangenen Jahr fünf Prozent seiner Bienen starben. Grund dafür ist unter anderem die eingeschleppte Milbe Varroa destructor. Hinzu kommt: Wenn Bienen mit Pestiziden belastete Pflanzen anfliegen, schwächt dies ihr Immunsystem. Allerdings haben sich seine Stadtbienen auch ordentlich vermehrt, sodass der Verlust ausgeglichen ist. „Es ist wichtig, die Menschen aufzuklären, anstatt Horrorszenarien auszumalen“, sagt Hernández. „Ich finde es wichtig, dass Menschen die Bienen und ihre fleißige Arbeit achten.“ Darum hält er auch Seminare für Kinder an einer Reformschule, war schon am Schülerforschungszentrum Nordhessen und startete ein Imkerprojekt für Häftlinge. Für dieses Engagement verlieh ihm die Stadt Kassel als erstem Imker den Naturschutzpreis. Mittlerweile gibt es immer mehr Städter, die sich an Victor Hernández ein Beispiel nehmen. Insgesamt machen die Hobbyimker in Deutschland 98 Prozent der Honigproduzenten aus. Selbst auf dem Kölner Dom gibt es Bienenstöcke. Einigen Kasseler Hobbyimkern gab Hernández sogar ein Bienenvolk ab, wenn sich seine Völker teilten. „Ich beschäftige fünf Millionen Arbeiterinnen, und das ist mir genug“, lacht Hernández. Gibt es eine schönere Beschäftigung?

Tobias Böcher

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