Kultur

Doggeln aus dem Zillertal

Hundert Prozent Handarbeit - Wenn der Sommer Hochsaison hat und im Zillertal viele Gäste aus dem In- und Ausland zum Wandern unterwegs sind, denkt die Frauenrunde in Finkenberg erstmals daran, dass die Zeit zum Doggelmachen naht!

So kennt man die klassische Hauspantoffel oder auch Doggel, wie man in Österreich sagt. Es gibt von Berlin bis Wien nur noch wenige Betriebe, die diese Hausschuhe in Handarbeit fertigen© Stefanie Gruber
So kennt man die klassische Hauspantoffel oder auch Doggel, wie man in Österreich sagt. Es gibt von Berlin bis Wien nur noch wenige Betriebe, die diese Hausschuhe in Handarbeit fertigen

„Wisst ihr, was Doggeln sind?“, fragte die Tiroler Außendienstmitarbeiterin Martina Wirnsperger die STADT GOTTES-Redaktion. Wussten wir nicht. Eine traditionelle Süßspeise, rieten die einen, eine alte Haustierrasse, die anderen. Weit gefehlt! „Doggeln sind handgemachte Hausschuhe, typisch fürs Zillertal, zu hundert Prozent Natur, aus Loden und warmen Wollstoffen gefertigt“, löste Martina Wirnsperger das Rätsel und vermittelte uns an STADT GOTTES-Förderin Annemarie Gruber von der Frauengruppe in Finkenberg, die das Doggelmachen aus dem FF beherrscht. „Diese Patschen sind bei uns sehr beliebt“, sagt Annemarie Gruber, „ und dürfen in keinem Haus fehlen.“
Die handgefertigten Hausschuhe gibt es im Zillertal „schon immer“, früher wurden sie in vielen Haushalten und auf den Bauernhöfen selbst gemacht oder aber die „Doggelmacherin“ kam ins Haus, um die ganze Familie mit neuen Doggeln auszustatten. Ein altes Handwerk, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. 

Heute werden die warmen Patschen vorzugsweise zu Beginn der Wintersaison gekauft, getragen werden sie von vielen ZillertalerInnen aber das ganze Jahr hindurch. Und gefertigt werden sie, wenn der Sommer beginnt, in den Herbst überzugehen. Dann treffen sich die 24 Frauen der Frauengruppe Finkenberg wieder jeden Donnerstag im Sozialraum der Gemeinde zum Doggelmachen. Ihr Ziel ist es auch heuer wieder, den alljährlichen Adventmarkt am Samstag vor dem ersten Adventsonntag nicht nur mit handgebundenen Adventkränzen, selbstgebackenen Keksen, Zeltenbroten und diversen Handarbeiten auszustatten, sondern auch eine erkleckliche Anzahl von Kinder-, Damen- und Herrendoggeln zum Verkauf anzubieten. Die Einnahmen dieser ehrenamtlichen Arbeit kommen in die Sozialkasse der Gemeinde.

Loden, Leisten und Schusterwerkzeug gehören zur Grundausstattung© Stefanie Gruber
Loden, Leisten und Schusterwerkzeug gehören zur Grundausstattung

Acht Stunden Arbeitszeit
„Mit den Doggelmachen müssen wir rechtzeitig anfangen“, sagt Annemarie Gruber. „Selbst Geübte brauchen sieben bis acht Stunden, bis ein Paar fertiggestellt ist“, weiß die 63-Jährige, die seit 30 Jahren Doggeln näht. Gelernt haben sie und die anderen Frauen dieses alte Handwerk von Theresia Anfang. Früher fand das Doggelmachen sogar bei ihr Zuhause statt, heute hilft die 83-Jährige Finkenbergerin noch immer mit, die anstrengende Hauptarbeit überlässt sie mittlerweile aber gern den Jüngeren. 

Von Theresia Anfang kommen auch viele Schuhleisten. Denn jeder Doggel wird über einem eigenen Leisten modelliert. „Über die Jahre haben wir viele Leisten zusammengetragen“, erzählt Annemarie Gruber. „Einige kommen von Leuten, die das Doggelmachen aufgegeben, andere von Schustern, die ihre Werkstatt aufgelassen haben, manche haben wir sogar übers Internet zugekauft. Wir verfügen über Leisten in allen Größen für Kinder-, Damen- und Herrenfüße.“

Schichtverleimt mit Doggelteig
Ein Doggel besteht aus drei miteinander verleimten Stoffschichten, die über einen Schuhleisten aus Holz gearbeitet werden. Aus dem Lodenstoff, gekauft bei der Toni in der Zillertaler Lodenwalk, schneidet Annemarie Gruber die vom Leisten abgezeichnete Brandsohle (Innensohle), die sie dreilagig absteppt, und das Innenfutter des Schuhs. Dafür passt sie ein Schnittmuster aus Papier an den jeweiligen Leisten an. Dann näht sie die Brandsohle und das Innenfutter um den Leisten herum fest. Zur Verstärkung der Ferse streicht Gruber eine Kappe aus Pappkarton mit dem „Doggelteig“ ein, einem natürlichen Kleister aus Roggenmehl vermengt mit Wasser, setzt sie auf den hinteren Teil des Schuhs auf und näht sie fest. Jetzt folgt die zweite Stoffschicht, das Zwischenfutter. „Dafür kann man auch einen gebrauchten Stoff verwenden, z. B. den Wollstoff von einem alten Mantel“, erklärt die Doggelmacherin. Das Zwischenfutter schneidet sie nach den gleichen Schnitt wie das Innenfutter zu, sie streicht den Schuh rundum mit Doggelteig ein und klebt das Zwischenfutter auf. Für die äußere Schicht, den Überzug, kommt wieder „schöner“ Lodenstoff zum Einsatz. Er wird über den erneut eingestrichenen Patschen gezogen, schön glatt gestrichen und angenäht. Bevor es ans Aufnähen der Sohle aus Schafwollfilz geht, muss der Schuh gut trocknen. 

Dieser Doggel ist fast fertig: Fehlt nur noch die Sohle. Das Aufnähen ist sehr anstrengend!© Stefanie Gruber
Dieser Doggel ist fast fertig: Fehlt nur noch die Sohle. Das Aufnähen ist sehr anstrengend!

„Jetzt folgt der mühsamste Teil der Arbeit“, erklärt Annemarie Gruber. „Die Sohle ist zwischen acht bzw. zehn Millimeter dick, je nachdem, ob sie auf einen Damen- oder Herrendoggel kommt, sie muss per Hand mit der Schneitnadel aufgenäht werden. Die Schneitnadel ist an der Spitze dreikantig, sie schneidet durch den Stoff, sonst hätte man bei der dicken Sohle keine Chance.“ Zu guter Letzt gilt es, die Kanten der Sohle glatt zu schleifen und den Schuh oben aufzuschneiden. Mit einem speziell gefertigten Haken zieht Annemarie Gruber den Holzleisten aus dem fertigen Doggel, sie schneidet den Ausschnitt schön aus und umnäht den Rand mit einem Strick- oder Plüschband. Fertig ist das Paar und wartet auf einen neuen Besitzer. „Die Doggeln sind deswegen so beliebt, weil sie sich gut an jeden Fuß anpassen, da drückt und reibt einfach nichts“, weiß die Handwerkerin. „Ein absolut gutes Tragegefühl!“


G’sund aufreißen
Überreicht werden die Patschen in Finkenberg mit dem Wunsch „Viel Freude mit den Doggeln und g’sund aufreißen!“, was so viel bedeutet wie: Der neue Besitzer möge gesund bleiben, bis die Hausschuhe an einer Stelle aufreißen und er neue braucht.
Wie lange halten denn die Doggeln? „Ein, zwei Jahre mindestens, manchmal auch länger. Hängt davon ab, wie häufig man sie trägt“, sagt Annemarie Gruber, „und wie sehr sie beansprucht werden. Auf den neuen, rauen Fließenböden verschleißt die Sohle schneller als auf glattem Holzboden.“ In jedem Fall ist sie sicher, dass die Nachfrage auf dem Adventmarkt auch heuer wieder groß sein wird. Also heißt es demnächst: Loden einkaufen, Leisten rausräumen und die Schneitnadel zücken!

Sonja Pfeisinger

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