Interview

Glaube und Tod - Das Gespräch mit Charlotte Link

Glaube und Tod – zwei der Themen, über die stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox mit Besteller-Autorin Charlotte Link sprach

Charlotte Link© privat

Ihre Schwester Franziska ist vor fünf Jahren mit 46 an Krebs gestorben.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Sie war meine engste Freundin, der Mensch, der bedingungslos zu mir gehalten hat, mit dem ich absolut alles teilen konnte.

Mit wem teilen Sie heute Ihre Erlebnisse?
Ich habe ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu meinen Eltern, habe meinen Mann und außerdem einige sehr enge, gute Freunde. Trotzdem gibt es keinen Menschen mehr in meinem Leben, der so sehr wie sie alle Bereiche abdeckt.

In Ihrem Buch „Sechs Jahre“ schreiben Sie über die Krebserkrankung und das Sterben Ihrer Schwester. Ein sehr persönlicher Einblick in diese Zeit und auch auf Sie. Warum haben Sie sich entschlossen Ihre Geschichte zu veröffentlichen?
Es ist im Grunde die Geschichte so vieler Menschen. Ich wollte meine Erfahrungen mit denen teilen, die ganz Ähnliches erleben. Ihnen berichten, dass vieles ganz anders kommt, als man am Anfang denkt, und dass es auch aus vermeintlich hoffnungslosen Situationen heraus oft noch Wege gibt.

Hat das Schreiben Ihnen geholfen Franziskas Tod zu verarbeiten?
Ich habe es von Anfang an nicht als Therapie gesehen, weil ich nicht der Meinung war, dass mir irgendetwas helfen könnte, diesen Schmerz und die Auswirkungen dieses Verlustes zu mindern. Das hat das Schreiben auch nicht bewirkt. Es hat aber dazu geführt, dass ich ein bisschen mehr die Kontrolle über meinen Schmerz gefunden habe. Ich versinke nicht mehr hilflos in der Trauer, ich habe Mechanismen entwickelt, sie zu steuern.

Die Ärzte gaben Ihrer Schwester weniger als ein Jahr, sechs sind es geworden. Wer hat Ihnen Kraft gegeben?
Unsere Eltern, mein Mann, der Mann meiner Schwester. In dieser Zeit sind wir als Familie ganz eng zusammen gerückt.

Wie hat der Glaube Sie durch diese Zeit getragen?
Zu Anfang habe ich Gott gar nicht so richtig wahrgenommen. Es ging nur noch um die Krankheit, die Ärzte und alles, was damit zusammen hing. Dass es da noch eine andere Instanz geben könnte, hatte ich inmitten all der Panik irgendwie aus den Augen verloren. In einer von vielen schlaflosen Nächten begriff ich, dass mir der liebe Gott als einzige, als letzte Anlaufstelle helfen könnte.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich habe das Gespräch mit unserem Pfarrer gesucht. Sein für mich magischer Satz war: „Ob ihre Schwester lebt oder stirbt, darüber entscheiden nicht die Ärzte, darüber entscheidet ein anderer“. Was ja noch nicht heißt, dass alles gut gehen wird. Es war aber wie ein Entkommen vor den niederschmetternden Statistiken und den Hiobsbotschaften der Ärzte. Das Wort Hoffnung kam zu dem Zeitpunkt nicht vor, jeder sagte, es wird nicht funktionieren, am Ende des Jahres ist sie tot. Es war alptraumhaft. Als ich hörte, dass die Entscheidung letztlich ganz woanders liegt, ist in mir Hoffnung erwacht. Das war wichtig, um diesen Kampf durchzustehen. Tatsächlich ist dann ja auch alles völlig anders verlaufen, als es die Statistiken und die Ärzte vorhergesagt haben.

Sechs Jahre haben Sie für die Genesung Ihrer Schwester gebetet, am Ende für ihre Erlösung. Wie hat diese Zwiesprache mit Gott Ihnen geholfen?
Ich habe in dieser Zeit viel gebetet. Sehr intensiv um ihre Heilung und ihr Überleben. Dann kam der Zeitpunkt an dem klar war, sie würde den Kampf verlieren. Von da an habe ich gebetet, dass es schnell gehen möge.

Viele stellen sich in so einer Situation die Frage: Warum gerade sie? Hadern mit Gott.
Ich hadere nicht, ich bin davon überzeugt, dass ich irgendwann eine Antwort auf die Frage, warum es so kommen musste, erhalten werde, und dass diese Antwort mich dann auch überzeugen wird. Sicherlich aber erst nach meinem eigenen Tod.

Glauben Sie an ein Wiedersehen mit Ihrer Schwester?
Ja, es ist eine Mischung aus glauben und zutiefst hoffen. Mit einer Restangst, da man es ja nicht weiß.

Hat der Glaube Sie auch nach Franziskas Tod getragen?
Direkt nach ihrem Tod hat mir gar nichts mehr so richtig geholfen, da bin ich in eine tiefe Depression abgerutscht. Irgendwann habe ich die Kraft gefunden weiterzumachen. Der Glaube an einen Sinn und daran, dass ich ihn auch irgendwann begreifen werde, hat mir sehr geholfen. Er war wie eine Strickleiter an der ich hochgeklettert bin.

Sprechen Sie mir Ihrer Schwester?
Ich spreche häufig mit Franziska, ein innerer Dialog, der mir gerade auch in schwierigen Lebenssituationen hilft. Da ich sie so gut kenne und wir sehr häufig miteinander kommuniziert haben, ist mir jedes Mal ziemlich klar, was sie mir raten würde. Ich finde Antworten.

Heilt die Zeit Wunden?
Die Wunde dieses Verlustes wird nie heilen. Bis in mein hohes Alter, falls ich alt werde, werde ich mir vorstellen, wie schön es mit ihr zusammen wäre. Ich glaube, die Zeit bringt einen dazu Mechanismen zu entwickeln, wie man mit der Wunde umgeht und zwar so, dass sie nicht ständig schmerzt und einem das ganze Leben vergiftet. Am Anfang war ich völlig hilflos zu erkennen, welchen Situationen ich vielleicht besser ausweiche, wann ich Gedanken wegschiebe und wann ich sie zulasse. Jetzt bin ich darin erfahrener.

Wie gehen Sie heute mit Problemen um?
Wenn etwas total schief läuft oder mir jemand völlig blöd kommt, dann sag ich mir, mein Gott, ich bin gesund. Über Lappalien rege ich mich trotzdem immer noch häufig auf, ich bin auch nur ein ganz normaler Mensch. Aber es gelingt mir schneller als früher, die Probleme in der Unwichtigkeit zu erkennen, die sie manchmal haben.

Leben Sie jetzt bewusster?
Ja, ich glaube schon. Dinge tun zu können, die ich tun will, lebendig zu sein, Kraft zu haben, das nehme ich sehr bewusst wahr, bestimmt viel bewusster als früher, da ich ein Gefühl dafür bekommen habe, dass das Leben eben sehr schnell auf sehr schlimme Weise zu Ende sein kann. Ich versuche mich auch schneller von Dingen zu verabschieden die mir nicht gut tun.

Sind Sie glücklich?
Eines der großen Probleme nach dem Tod meiner Schwester bestand darin, mir wieder Glücksmomente zu erlauben. Wenn ich etwas Schönes erlebt habe, das wie ein Anflug von Glück anmutete: eine Stimmung, ein Landschaftsbild oder eine Musik, kam ganz schnell ein Erstickungsgefühl über mich, wie eine schwere Decke, unter der ich liege. Ich dachte, sie kann so etwas nicht mehr erleben, wie kannst du dich jetzt daran erfreuen? Ich habe lange gebraucht, um diese Glücksmomente wieder zulassen zu können. Jetzt kann ich es.

Melanie Fox

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Zur Person

Charlotte Link, 53, ist die derzeit erfolgreichste deutsche Autorin. Sie schreibt Gesellschafts- und psychologische Spannungsromane in englischer Erzähltradition. Ihre Bücher werden in 23 Sprachen übersetzt, im deutschsprachigen Raum haben sie bisher 26 Millionen Leser erreicht. Viele ihrer Bücher wurden verfilmt. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie in Wiesbaden.