Das Gespräch

Leid ist unvermeidlich. Glück kann es auch sein

Wir brauchen keinen Erfolg und erst recht keine Glücksratgeber, um ein erfülltes Leben zu führen, hat Dr. Manfred Lütz herausgefunden. stadtgottes führte ein Gespräch mit dem Bestsellerautor

Dr. Manfred Lütz, Arzt, Theologe Kabarettist© Michael Englert

Sie sind Arzt, Theologe, Kabarettist, Bestsellerautor, Ehemann und Vater. Brauchen Sie viele Herausforderungen, um glücklich zu sein?
Ich habe ja auch gleichzeitig Philosophie, Theologie und Medizin studiert. Das führte immer dazu, dass ich ausschlafen konnte, weil morgens früh, bei den ersten Vorlesungen, die Leute immer dachten, ich wäre gerade in der anderen Fakultät.

Und das hat Sie glücklich
gemacht?

Das war sehr angenehm. Ums Glück geht es mir ja gar nicht so sehr.

Aber in Ihren Büchern geht es oft darum: Glück, Genuss, das gute Leben.
Der Titel „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ ist ironisch gemeint, gegen diese ganzen Glücksratgeber. Leute, die viel übers Glück reden und nachdenken, sind meistens unglücklich.

Wie kam es dazu, dass Sie ein Buch über das Glück geschrieben haben?
In den Ratgeberregalen der Buchhandlungen wird einem das Gefühl vermittelt: Das muss ich erst mal alles lesen, dann kann ich mit dem Leben anfangen – dann sind Sie aber in Rente! Und das große Problem der Glücksratgeber ist, dass da irgendein Autor beschreibt, wie er persönlich glücklich wurde, und den Leser dann traurig zurücklässt, weil der Leser nun mal leider nicht der Autor ist. Und dann kann der gleich das nächste Glücksbuch kaufen. Wenn ein Glücksratgeber tatsächlich glücklich machen würde, dann gäbe es nur einen Glücksratgeber und Ende. Es gibt sieben Milliarden unterschiedliche Wege zum Glück, genauso viele, wie es Menschen gibt. Insofern ist mein Buch ein Anti-Ratgeber, aber der Titel hat auch einen ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, die Grenzsituationen menschlicher Existenz sind unvermeidlich: Leid, Schuld, Kampf und Tod. Wenn man also zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden. 


Lassen Sie die einfache Formel gelten: Religiöse Menschen sind glücklichere Menschen?
Nein, das erinnert an die Berichte in kirchlichen Zeitungen, wo im Sommerloch jedes Jahr amerikanische Stu­dien zitiert werden, nach denen jemand, der viel betet, älter wird als je­mand, der das nicht tut. Das ist doch Eti­kettenschwindel nach dem Motto: Werde Christ, dann lebst du gesünder oder glücklicher. In Wahrheit ist Jesus Christus schon mit 33 Jahren gestorben, auch die Apostel lebten ein durchs Martyrium verkürztes Leben. Und auch heute ist die Lebensqualität von Christen in Nordkorea, China und anderswo in Einzelhaft nicht sehr hoch. Dies­seitiges Glück ist für uns Christen nicht entscheidend – obwohl wir das bei Gelegenheit auch zu schätzen wissen – uns kommt es aufs Ganze an, aufs ewige Leben und die ewige Glückseligkeit.

Sie schreiben, dass das Christen­tum auch im Leid Sinn sucht, anstatt, wie zum Beispiel im Buddhismus, zu versuchen, das Leid zu vermeiden. Und auch der Tod sei nicht bloß etwas Negatives ...
Ich bin bekennender Katholik. Für mich ist natürlich das Christentum meine Antwort auf diese Grenzsituationen. Wie kann man im Leid glücklich sein? Wie kann man angesichts des Todes glücklich sein? Im pompejanischen Bordell waren Totenschädel an die Wände gezeichnet als Aufforderung: Mensch, denke daran, dass du sterblich bist und lebe jeden Tag lustvoll. Carpe diem! Pflücke den Tag! Dass der Tod nicht nur etwas Negatives ist, sondern, dass Leben im Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments ein intensiveres Leben ist, das glaube ich schon.

Ganz konkret: Wie soll man im Leid glücklich werden?
Ganz zufällig bin ich auf Jehuda Bacon gestoßen, einen jüdischen Auschwitz-Überlebenden. Ein liebenswürdiger, alter Mann, der in einem Interview sagte: Man kann auch im Leid Sinn erleben, wenn man nämlich so tief erschüttert ist, dass man erkennt: Jeder Mensch ist wie man selbst. Auch der Verbrecher hatte eine Mutter. Ich habe dann Jehuda Bacon in Jerusalem kennengelernt als ich mit einer Jugendgruppe dort war. Er hat zwei Stunden mit den Jugendlichen geredet und die hatten zum Teil wirklich Tränen in den Augen. Jehuda Bacon ist der eindrucksvollste Mensch, den ich je erlebt habe. Noch in Jerusalem habe ich meinen Verleger angerufen und gesagt, wir müssen ein Buch mit ihm machen. Es wurde mein kostbarstes Buch, nicht wegen meiner Fragen, sondern durch seine unglaublich berührenden, lebensweisen Antworten. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird das Leben heller.

stadtgottes-Redakteurin Anna Papathanasiou und Chefarzt Dr. Manfred Lütz© Michael Englert
stadtgottes-Redakteurin Anna Papathanasiou und Chefarzt Dr. Manfred Lütz

In diesem Buch zitieren Sie Bacon, der einer todkranken Schülerin sagte: „Lebe dafür, so lange du kannst, bei den anderen noch ein Lächeln zustande zu bringen.“ Dieser Mann hat als Kind das KZ durchlitten, seine Familie wurde ermordet und doch strahlt er eine solche tiefe Menschlichkeit aus. Muss man erst leiden, um das Glück zu erkennen? 

Ich glaube, es gibt keine allgemeinen Rezepte für das Glück. Um glücklich zu werden, darf man also erstmal keine Glücksratgeber lesen. Glück ist etwas sehr Persönliches. Sie assoziieren das Wort „glücklich“ mit bestimmten Gerü­chen, bestimmten Melodien, Landschaften, Menschen, mit bestimmten Erlebnissen, die kein anderer Mensch ganz genauso gehabt hat wie Sie. In dem Moment, in dem man glücklich ist, ist Glück übrigens gar kein Thema. Erst wenn Sie später über Ihr Leben nachdenken, denken Sie vielleicht an die glücklichen Momente zurück. Oft sind es Momente, in denen man ganz intensiv gelebt hat, manchmal war das sogar verbunden mit Schmerzen, zum Beispiel bei einer Geburt. Und da geht es dann nicht um fünf Minuten oder eine halbe Stunde Glück, wirkliches Glück sprengt die Zeit.

Dann geht es vielleicht doch darum, erst das Leid zu über­winden – etwas zu schaffen – um anschließend das Glück wahrzunehmen.
Das glaube ich nicht, denn ich glaube nicht, dass Glück etwas mit Erfolg zu tun hat. Zum Ende der Pubertät meiner beiden Töchter haben wir ein großes Fest gegeben. Das war auch nötig, weil die Pubertät sehr anstrengend war. Da habe ich eine kleine Rede gehalten: „Wir haben tolle Töchter und freuen uns über euch. Wir wünschen euch viel Glück im Leben, aber keinen Erfolg. Erfolg ist nicht wichtig im Leben. Aber ihr sollt die Fähigkeiten, die der liebe Gott euch gegeben hat, fleißig einsetzen. Ob man damit dann Erfolg hat, das hängt von so vielen Zufällen ab. Das ist nicht wirklich wichtig im Leben.“

Sie nennen das „gelingendes Leben“, das nicht gleichbedeutend ist mit Erfolg. Reicht es also, sich anzustrengen? Anders gefragt: Wie können wir uns vom ständigen Erfolgsdruck befreien?
Diese Casting-Mentalität ist ja das Problem, dass man sich ständig mit anderen Menschen vergleicht, die andere Fähigkeiten haben als man selbst. Besser schaut man, was man selber für besondere Fähigkeiten hat, und versucht, die einzusetzen. Im Übrigen finde ich: Pflicht ist Zufall, und nichts, das man sich aussucht. Ich zum Beispiel habe in Medizin promoviert, wollte aber auch noch einen Doktor in Theologie machen. Zu diesem Zeitpunkt ist mir zufällig eine Behindertengruppe „zugelaufen“. Ich studierte gerade in Rom als der Stadtjugendseelsorger von Bonn, ein Freund von mir, anrief. Er plante eine Reise mit einer Gruppe behinderter und nicht-behinderter Jugendlicher nach Rom. Ich sollte ein bisschen helfen. Wir trafen uns immer wieder und es entstand eine Gruppe, die es heute noch gibt. Als der Stadtjugendseelsorger schon bald abberufen wurde, drohte die Gruppe einzugehen. Da kam ein Rollstuhlfahrer zu mir und sagte: „Manfred, du kannst uns jetzt nicht allein lassen. In der Gruppe sind unsere einzigen nicht-behinderten Freunde.“ Also habe ich meine Doktorarbeit nicht geschrieben und mich für diese Gruppe eingesetzt. Das habe ich nie bedauert. Aber von mir aus wäre ich nicht auf die Idee gekommen, eine Behindertengruppe zu gründen.

Reden wir mal über Schuld. Sie schreiben, dass man trotz oder wegen der Schuld glücklich werden kann. Gibt es denn Schuld, die so groß ist, dass sie einen nicht mehr glücklich werden lässt?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls kann nur Gott Schuld vergeben. Und Schuld ist unvermeidlich im Leben jedes Menschen. Wenn ich heute einen Menschen nicht anlächle, der es heute gebraucht hätte, kann ich das nie wiedergutmachen. Ich kann ihn morgen anlächeln, aber da braucht er es nicht. Ich habe ihn einen unwiederholbaren Tag seines Lebens unglücklich gemacht. Nicht ich, sondern nur die Gnade Gottes kann das wiedergutmachen. Aber wir sollen uns natürlich auch selber bemühen, Menschen nicht zu betrüben. Im letzten Jahr, dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, habe ich mir mal überlegt, mit wem ich im Leben alles Krach gehabt habe und kam auf etwa 15 Leute. Allen habe ich geschrieben und ein Gespräch angeboten. Außer einem haben alle geantwortet und es gab zum Teil berührende Reaktionen.

Anna Papathanasiou

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Dr. Manfred Lütz© Michael Englert

Zur Person

Dr. Manfred Lütz, 63, ist Psy­chia­ter, Theologe, Kabarettist und Schriftsteller. Fast sämtliche seiner humorvoll-satirischen Bücher wurden Bestseller, so zum Beispiel „Irre – wir behandeln die Falschen“ oder „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ und zuletzt zusammen mit Jehuda Bacon „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“. Immer geht es ihm darum, einem breiten Publikum die Augen für die Wahrheit hinter dem scheinbar Offensichtlichen zu öffnen. Seit 1997 leitet er das Alexianer-Krankenhaus in Köln. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter.