Begegnung

Mein väterlicher Freund

2017 begeht die Schweiz den 600. Geburtstag ihres Landespatrons Niklaus von Flüe. Sein Nachkomme Martin Iten findet auch heute Kraft und Rat in der Einsiedelei in der Ranftschlucht

Martin Iten besucht die Ranftschlucht zu jeder Jahreszeit und betet in der Kapelle neben dem Bach© Vera Ruettimann
Martin Iten besucht die Ranftschlucht zu jeder Jahreszeit und betet in der Kapelle neben dem Bach

Flüeli-Ranft ist ein abgelegener Ort nahe dem geografischen Zentrum der Schweiz. Dennoch sind zu allen Tageszeiten Menschen hier, die Ranftschlucht übt eine große Anziehungskraft aus. Am Firmament erheben sich drei schneebedeckte Bergspitzen. Nebel wandert an den Hängen empor – ein grandioses Naturschauspiel. 

Auch der junge Mediendesigner Martin Iten kommt seinetwegen zu Ehren: Niklaus von Flüe. Schon zu Lebzeiten wurde er wie ein Heiliger verehrt. Der 1417 geborene von Flüe gilt als Friedensstifter und Schutzpatron der Schweiz. Seinem klugen Verhandlungsgeschick muss es zu verdanken gewesen sein, dass 1481, an der Tagsatzung zu Stans, die damalige Eidgenossenschaft nicht auseinanderbrach.
Martin Iten, der am Stadtrand von Zug mit sieben Geschwistern in einer Bauernfamilie aufwuchs, wusste schon als Kind, dass sein Stammbaum in der 17. Generation auf Niklaus von Flüe zurückgeht. Genauer auf Dorothea Scheuber, die älteste Tochter von Niklaus von Flüe und Dorothea Wyss. Standen wichtige Entscheidungen an, machten seine Eltern eine Wallfahrt in die Ranftschlucht. Bruder Klaus war für ihn nie bloß eine alte Holzfigur, sondern ein „väterlicher Freund“. Später wollte Martin Iten mehr wissen: Was ist dran an diesem Mann, der für Bischöfe, Schriftsteller und Politiker seiner Zeit zum Friedensstifter und Ratgeber wurde?

Das „Ranft-Treffen“ in Flüeli-Ranft ist das größte Kirchentreffen in der Schweiz. Hier kommen vor allem junge Menschen zusammen© Vera Ruettimann
Das „Ranft-Treffen“ in Flüeli-Ranft ist das größte Kirchentreffen in der Schweiz. Hier kommen vor allem junge Menschen zusammen

Er widmete sich ganz Gott

Martin Iten geht immer wieder gern in die Ranftschlucht. Von fern ist das Gurgeln der Melchaa zu hören. Der schmale Pfad ist mit Kreuzen und Votivtafeln gesäumt. Auf dem Wanderweg sinniert der Medienmacher darüber, was dieser Niklaus von Flüe, der von 1417 bis 1487 lebte, alles war: Bauer, Richter, Ehemann und Familienvater, aber ebenso Eremit, Ratgeber und Friedensstifter. Ein Heiliger zudem, der bis heute polarisiert, denn mit 50 Jahren verließ er Haus und Familie, um sich für die restlichen 20 Jahre seines Lebens in Armut und Einsamkeit ganz Gott zu widmen. Martin Iten: „In einer Zeit der zunehmenden Egozentrik steht dieser Mann mit seiner asketischen Gott-Zuwendung auch heute quer gegen den Mainstream.“

Für seinen Nachfahren ist Bruder Klaus trotz dieses irritierenden Schrittes ein Vorbild in Mystik und Spiritualität, Gesellschaft und Politik. „Ich glaube, er inspiriert auch heute noch viele Menschen aufgrund seines tiefen Glaubens und seines radikalen Lebensstils.“ Bruder Klaus sei ein Radikaler, einer der den Mut hatte, das zu tun, wonach sich seiner Meinung nach viele Menschen heute sehnen: „Den inneren Frieden in Gott zu finden.“

Das imposante Wegkreuz mit der Bruder-Klaus-Statue© Vera Ruettimann
Das imposante Wegkreuz mit der Bruder-Klaus-Statue

Iten tat es wie Bruder Klaus 

Martin Iten betritt die Eremitenklause von Bruder Klaus, die sich an einem steilen Hügel befindet. In einen dunklen, niedrigen Raum setzt sich der 30-Jährige auf eine Holzbank. Es ist jene Stelle, an der schon Niklaus von Flüe sein Haupt niedergelegt hat. „Unbeschreiblich“, raunt er. Es wirkt alles noch so, als hätte der Eremit, der hier viel Besuch empfing, seine Zelle eben erst verlassen. Tageslicht scheint nur spärlich durch die kleinen runden Fenster. Hier soll Bruder Klaus ohne jede Nahrung, gestärkt allein durch die Eucharistie, gelebt haben. 

Könnte er sich ein solches Leben vorstellen? Martin Iten, ein Mann voller kreativer Ideen und Tatendrang, hat mit 22 selbst versucht, einen ähnlichen Schritt zu gehen. Als damals selbstständiger Grafiker steckte er in einer Lebenskrise, und so zog er sich für drei Jahre in die ehemalige Einsiedelei in Wiesenberg im Kanton Nidwalden zurück. Den „Aussteiger“ hat Martin Iten noch immer tief in sich, dennoch könnte er sich heute ein solches Leben nicht mehr vorstellen. Denn seine Sehnsucht heißt Familie. In diesen Tagen erwarten seine Frau und er das erste Kind.

Während er in der kleinen Zelle umhergeht, denkt Martin Iten auch über Niklaus von Flües Frau Dorothea nach. Das Einzige, was der hagere Eremit damals am Leib trug, war das Gewand, das ihm seine Frau genäht hatte. „Ein klares Zeichen, dass sie seine spezielle Berufung mitgetragen hat“, sagt Iten. Auch er könnte seine Projekte wie das Medienkollektiv Fisherman.FM und das Magazin Melchior ohne den Rückhalt seiner Frau nicht verwirklichen. 

Ankunft in der Ranft-Kapelle. „Mehr Ranft“, steht auf einem Flyer, der in der Kapelle ausliegt. Es ist das offizielle Leitmotto des Bruder-Klaus-Jahrs 2017. „Mehr Ranft“ heißt für den engagierten Christen: „Wenn wir in die geistige Nachfolge von Bruder Klaus treten wollen, dann sind wir aufgerufen, unseren eigenen Ranft zu suchen, einen persönlichen Rückzugsort, wo wir eine tiefe Gottesbeziehung leben können.“ Er ist sich sicher: Die Neugier auf diesen spirituellen Kraft- und Sehnsuchtsort in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche wird noch unzählige Menschen in diese Schlucht führen, um hier das mystische Herz der Schweiz zu entdecken.
Vera Rüttimann

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