Umwelt

Sicheres Zuhause für sanfte Riesen

Dass ein Bauer die Milchwirtschaft aufgibt und auf dem ererbten Hof ein Altersheim für Kühe gründet, ist einmalig. Jan Gerdes ist seinem Gewissen und Herzen gefolgt: Auf seinem „Hof Butenland“ leben Nutztiere in Frieden – bis zum Schluss

Karin Mück kuschelt mit einer Kuh. Beiden gefällt`s© dpa Picture-Alliance/Wagner
Karin Mück kuschelt mit einer Kuh. Beiden gefällt`s

Mamas Liebling“ ist heute wieder richtig gut drauf. Mattis, der junge Ochse mit dem markant weißen Schädel, löst sich aus seiner kleinen Gruppe und stürmt im Galopp auf den Weidenzaun zu, um Karin Mück zu begrüßen. Ein flüchtiger Nasenstupser muss allerdings fürs Erste genügen, denn Mück will erst nach Fine schauen. Die hat gesundheitliche Probleme und hält sich fernab von der Herde. Am späten Nachmittag ist endlich eine ausgiebige Kuschelrunde drin. Karin Mück setzt sich zu Mattis ins sattgrüne, saftige Gras. Dann wird geschmust, was das Zeug hält. „Baby“ Mattis, mittlerweile immerhin fast sechs, lässt sich kraulen und legt Mück ganz entspannt den schweren Kopf auf die Schulter. Manchmal schauen sich Karin Mück und der Schmuseochse auch einfach nur in die Augen oder kuscheln Nase an Nase. Begegnung auf Augenhöhe. Heute würde Mattis gerne länger kuscheln, aber Mück hat keine Zeit mehr. Also erhebt sich der tonnenschwere Ochse und trabt gemütlich von dannen. Zurück zu Mutter Dina, die geduldig auf den (fast) erwachsenen Nachwuchs gewartet hat.

Es begann mit Bio
Darf der Mensch Tiere nutzen? Warum unterscheiden Menschen zwischen Haus- und Nutztieren? Warum lieben sie Hunde, Katzen und Kaninchen, können aber gut damit leben, dass Kühe, Schweine und Hühner genutzt und anschließend getötet werden? Das hat Jan Gerdes sich schon gefragt, bevor er den typisch friesischen Milchbetrieb der Eltern übernommen hat. Bauer wollte der Pädagogik-Student eigentlich nicht werden, aber als Not am Mann war, war er zur Stelle. Und stellte sofort auf Bio-Landwirtschaft um. Eine Lösung auf Zeit. Denn das Bio-Label änderte nichts an der Tatsache, dass auch seine Kühe Milch produzieren mussten. Dafür mussten sie immer wieder besamt werden, kalben und direkt nach der Geburt von ihrem Nachwuchs getrennt werden. Die gute Kuhmilch war schließlich für den Verkauf bestimmt. Eine schlimme Erfahrung für alle Beteiligten. Die Muttertiere schrien nach ihren Kälbchen, die Kälbchen nach ihren Müttern. Nach wenigen Monaten auf der Weide endeten die meisten Kälber im Schlachthaus. Die Gesetze der Milchwirtschaft bereiteten Gerdes schlimme Gewissensqualen. Kaum eine Kuh überlebt heute das fünfte Lebensjahr. Dabei können Kühe über 30 Jahre alt werden.

Auf dem Hof fühlen sich nicht nur Kühe, sondern auch Schweine und Hühner sehr wohl© dpa
Auf dem Hof fühlen sich nicht nur Kühe, sondern auch Schweine und Hühner sehr wohl

Was tun? Er beschloss um die Jahrtausendwende, den Hof aufzugeben. Der Großteil seiner Kühe wurde verkauft, zehn durften bleiben. Vier von ihnen leben auch heute noch auf dem Hof. Gerdes fuhr ausgebrannt zur Kur und lernte dort Karin Mück kennen, eine Krankenschwester, die in der Psychiatrie gearbeitet hatte und aktive Tierbefreierin mit Gefängniserfahrung war. 

Gemeinsam fanden die beiden einen Weg, den Hof zu erhalten und aktiven Tierschutz zu praktizieren. Die Idee hatte Karin Mück. Der Hof ist doch ein echtes Paradies, sagte sie bei ihrem ersten Besuch auf Butenland. Lass uns doch ein Altersheim für Kühe daraus machen! Jan Gerdes war begeistert.

Tierschutz kostet Geld
Die Idee vom Kuh-Altersheim kam bei Bauern schlecht an, für sie ist Gerdes bis heute ein Nestbeschmutzer. Tierfreunde waren begeistert. Über soziale Netzwerke und Presseberichte wurden Menschen auf das Projekt aufmerksam, übernahmen Tier-Patenschaften und sammelten, wenn eine Kuh gerettet werden musste. Denn Tierschutz kostet Geld. Dina, Mattis Mutter, schaffte es aus eigenem Antrieb auf den Hof. Sie büchste kurz vor Mattis Geburt vom Nachbarhof aus und durfte bleiben. Der Überlebenswille trieb drei weitere Kühe über die Hofgrenzen. Andere wurden aus Versuchsanstalten freigekauft, von verwahrlosten Höfen übernommen, direkt vom Schlachthof gerettet und – man glaubt es kaum – wie Samuell aus einer Garage befreit. 

Kühe sind komplett verschmuste Tiere© dpa
Kühe sind komplett verschmuste Tiere

Wohlmeinende Kritiker verweisen darauf, dass Menschen wie Gerdes und Mück nichts am System ändern werden. „Lieber ein paar Tiere retten als nichts zu tun. Kühe sind wunderbare Tiere. Sie sind sanft, friedfertig und sehr sozial. Das sehen wir auch immer wieder, wenn neue Kühe zu uns kommen. Sie finden schnell Anschluss und neue Freunde.“ Jan Gerdes hat seine Kühe, die Riesen mit dem sanften Blick und dem großen Herzen, fest in sein eigenes Herz geschlossen. Deshalb freuen sich die beiden, dass immer mehr Menschen vegan leben. „Was nutzt es letztlich, wenn ein Vegetarier kein Fleisch, aber Milchprodukte konsumiert? Das hält das System in Gang.“ Aber trotzdem: Gerdes und Mück wollen nicht missionieren. Ihnen ist es wichtig, dass die Tiere auf Hof Butenland in Frieden und Würde alt werden können.

Hof Butenland ist nicht nur das Heim für geschundene, kranke und alte Kühe, sondern beherbergt auch Schweine, Pferde und zahlreiches Federvieh. Besucher, gerade Familien, sind immer herzlich willkommen. Ein Streichelzoo ist Hof Butenland aber nicht. Schließlich gilt für alle Tiere auf dem Hof: „Wer nicht will, muss auch nicht. Unser Ziel ist, dass die Tiere auf Butenland nichts müssen, aber alles dürfen. Soweit es die Umstände zulassen.“ Von der Kuh bis zum Huhn muss sich niemand streicheln lassen, man kann es aber – immer auf Augenhöhe – gerne versuchen. Nur: Wie stellt man Augenhöhe bei Hühnern her? Karin Mück löst das Problem auf ihre Weise. Indem sie das Huhn auf dem Arm durch die Gegend trägt ... 

Auf den Wiesen wird es Abend. Die Besucher sind abgereist, Hühner ruhen im Stall, die Schweine haben es sich im Stroh gemütlich gemacht. Pferde und Kühe bleiben auf der Weide. Die Kühe liegen in kleinen Gruppen zusammen und lassen sich die kühle Brise um die Nasen wehen. Es riecht nach Salz, das Meer ist ganz nah. Auch Schmuser Mattis ist jetzt müde. Vom Meer hinterm Deich und der großen Freiheit träumt er garantiert nicht. Sein Paradies hat er längst gefunden. Schwein gehabt, Mattis!

Antje Berger

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

 

0 Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Umwelt

  • Dornige Liebesgrüße

    Rosen sind ein zartes Zeichen der Liebe. Dabei ist ihr Anbau ein knallhartes Geschäft: Für unsere billigen Blumen müssen in Ostafrika und Südamerika Menschen und Umwelt häufig teuer bezahlen. Doch es gibt Alternativen

     
  • Ein Drittel der Weltmeere ist überfischt

    Die Fangflotten der Weltfischerei breiten sich immer weiter aus: Seit 1950 haben sie ihren Aktionsradius verzehnfacht. Inzwischen werden 100 Millionen Quadratkilometer Meer so intensiv befischt, dass die Ökosysteme stark geschädigt sind. Doch wir Verbraucher können etwas tun – lesen Sie hier, welchen Fisch Sie essen können, ohne die Umwelt zu belasten.

     
  •