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Über den Wipfeln - Weg in luftiger Höhe

Wer träumt nicht davon, einmal ganz hoch hinauf zu klettern und den Wald von oben zu sehen? Auf dem Baumkronenweg in Oberösterreich sind große und kleine Besucher eingeladen, den Wald aus dieser Perspektive kennen zu lernen

In luftiger Höhe verläuft der Baumkronenweg über dem Nadelgehölz© Baumkronenweg Kopfing
In luftiger Höhe verläuft der Baumkronenweg über dem Nadelgehölz

Es ist ganz still hier oben. Kein Autolärm stört, die Vögel zwitschern, sanft streicht der Wind durch die dunklen Fichten. Nur das Holz knarrt unter unseren Schritten. Es ist ein ganz besonderer Waldspaziergang 20 Meter über dem Boden, in Augenhöhe mit den Baumspitzen. Einen Kilometer lang schlängelt sich der Baumkronenweg in Kopfing im Innkreis durch den dichten Sauwald. Immer wieder bleiben wir stehen, atmen tief die frische Waldluft ein und lassen den Blick über die sanften Hügel des Innviertels schweifen. „Der Wald macht einen ruhig und gibt uns Kraft“, bestätigt Johann Schopf, Initiator und Erbauer des Baumkronenwegs. Der umtriebige Landwirt hat eine Vision: „Menschen müssen in die Natur hinaus, damit sie gesund bleiben, vor allem die Kinder. Wenn wir unsere Kinder nicht mehr in die Natur hinaus bringen, dann schaut’s schlecht aus mit unserer Zukunft. Die Natur macht uns am kreativsten, auch noch im Zeitalter von Smartphone und Computer. Der Wald bietet keine vorgegebenen Konzepte, hier suchen die Kinder beim Spielen nach Lösungen und werden kreativ.“ Mit dem Baumkronenweg und dem angeschlossenen 5000 Quadratmeter großen Waldspielplatz und dem dazu gehörigen Baumhotel wollte er eine Erlebniswelt schaffen, die einerseits dem Grundbedürfnis des Menschen nach frischer Luft und Begegnung mit der Natur Rechnung trägt, andererseits den Wald in seiner Ursprünglichkeit belässt. Seine Begeisterung war ansteckend.

Johann Schopf freut sich über die Entwicklung seines Baumkronenwegs© Baumkronenweg Kopfing
Johann Schopf freut sich über die Entwicklung seines Baumkronenwegs

Von der Idee zum Projekt
2003 gründete er mit dem Bürgermeister von Kopfing, Otto Straßl, und anderen Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur den Verein Baumkronenweg. Bald standen das Rohkonzept und der Plan für die Stationen am Weg. Dann begann der Formalitäten-Marathon: Die Rodungsfläche durch den Grundbesitz von Johann Schopf musste genehmigt werden. Dazu musste der Wald in „Sondernutzung im Grünland“ umgewidmet werden. „Zum Glück zogen da alle an einem Strang“, erzählt Schopf. Der Gemeinderat von Kopfing stimmte einstimmig für die Umwidmung, von der Agrarbezirksbehörde, dem Bezirksbauamt und dem Amt für Umweltschutz gab es positive Stellungnahmen. Damit war der Weg frei, um an dem EU-Projekt LEADER+PROGRAMM teilzunehmen. Ziel des Programmes ist es, die ländlichen Regionen Europas auf dem Weg zu einer eigenständigen Entwicklung zu unterstützen. „Wir haben dreißig Arbeitsplätze geschaffen und holen jährlich 150.000 Besucher in die Region“, bestätigt Schopf stolz. Viele Touristen würden mehrere Tage in den umliegenden Hotels und Pensionen verbringen. Dadurch profitieren alle davon. Trotz der Förderungen flossen sehr viele Eigenmittel in den Bau, was Schopf auch dazu veranlasste, weitere Angebote für Besucher zu finden.

Wer traut sich über die schwankende Kettenbrücke?zoom© Baumkronenweg Kopfing
Wer traut sich über die schwankende Kettenbrücke?

Baumhäuser und mehr
Der nächste Schritt in dem Konzept war der Bau von zwei großen Baumhäusern für Schülergruppen. Outdoor-Trainer veranstalten am Baumkronenweg und im Wald ein abwechslungsreiches Programm. Von der Nachtwanderung bis zum Lagerfeuer mit Stockbrot Backen erleben Kinder und Jugendliche hier den Wald hautnah. Nachdem die Idee so viel Anklang fand, nahm Johann Schopf das nächste Projekt in Angriff: ein Baumhotel. Sechs gemütliche Holzhütten bieten in luftiger Höhe Platz für jeweils sechs Gäste. Den Platz dafür hat Schopf bewusst ausgesucht. „Es ist ein guter kraftvoller Ort“, sagt er, der den Wald wie seine Westentasche kennt.

Doch zurück zum Baumkronenweg. Hier kommen wir an verschiedenen Stationen vorbei, drei Thronen für die Baumkronen, einer Tellerbrücke und zahlreichen kurzweilige Lehrtafeln über die Tiere des Waldes. Am Ende geht es noch weiter hinauf, denn wir erklimmen den Turm, das Highlight des Weges. Auf der Plattform in 40 Meter Höhe genießen wir eine atemberaubende Aussicht. „Ja, hier ist seit der Eröffnung 2005 schon einiges passiert“, schmunzelt unser Begleiter, „Sehr beliebt sind Heiratsanträge. Sogar eine Hochzeit hat hier oben schon stattgefunden!“ Seine neueste Idee ist ein „Gefängnis“ im Turm. Hier können sich bis zu sechs Personen für ein Fluchtspiel einsperren lassen. Um den Raum wieder verlassen zu können, müssen Schlüssel gefunden, Codes geknackt und Rätsel zu bekannten Kindermärchen gelöst werden. Da ist Köpfchen und Teamarbeit gefragt! „Das Märchenthema passt gut in den Wald“, meint Schopf. Der 60jährige sprüht auch nach 12 Jahren noch vor Unternehmergeist. Jedes Jahr verändert er etwas an seiner Erlebniswelt aus Holz, immer in Übereinstimmung mit seiner Vision, die Menschen in die Natur zu bringen. Trotzdem sei es an der Zeit, das Zepter zu übergeben. Für die Nachfolge ist gesorgt: Sohn Jakob übernimmt ab 2018 das Geschäft. Und der Baumkronenweg kann weiter gedeihen.

Frederike Demattio

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Der Baumkronenweg

Mehr Informationen zum Baumkronenweg, den Veranstaltungen, dem Baumhotel und dem Gasthof Oachkatzl finden Sie unter: www.baumkronenweg.at
Öffnungszeiten des Baumkronenweges: Anfang April bis Anfang November, täglich 10 bis 18 Uhr