Natur

Alten Sorten auf der Spur

Stirbt ein in die Jahre gekommener Obstbaum, dann verschwindet mit ihm oft eine traditionelle, nur lokal verbreitete Sorte. Und mit ihr ein Stück Artenvielfalt sowie unvergleichliche Geschmacksaromen

Die Winterforellenbirne: eine der alten Sorten, die in Niedersulz einen Platz gefunden hat© Museumsdorf Nidersulz
Die Winterforellenbirne: eine der alten Sorten, die in Niedersulz einen Platz gefunden hat

In den Vorgärten der alten Bauernhäuser verbreiten Dahlien und Astern ein wahres Farbenfeuerwerk. Auf den Wiesen „hintenhinaus“ tragen die Apfel-, Birnen- und Zwetschkenbäume schwer unter ihrer Last. Es wird Herbst im Museumsdorf Niedersulz – und Zeit für die Ernte! Das größte Freilichtmuseum Niederösterreichs beherbergt nicht nur historische Gebäude und Objekte, die das Alltagsleben in einem typischen Weinviertler Dorf zeigen, das Museumsdorf hat sich auch die Sammlung und Erforschung alter Obstsorten zur Aufgabe gemacht. 

„Die Initiative dazu ging vom Ökokreis im Waldviertel aus“, berichtet Ulrike Nehiba, die im Museumsdorf für den Grünraum verantwortlich ist. „Die MitarbeiterInnen des Vereins hatten sich im Waldviertel bereits auf die Suche nach alten Apfelsorten gemacht, nun sammelten sie im wärmeren Weinbauklima des Weinviertels „verschollenes“ Steinobst wie Marillen, Pfirsiche, Kirschen, Zwetschken und Ringlotte.“
Um die alten, lokalen Sorten langfristig zu sichern, wurden je zwei Bäume auf den Freiflächen zwischen den Häusern des Museums und auf Streuobstwiesen ausgepflanzt. Rund 600 Kern- und Steinobstbäume mit ca. 400 zum Teil vom Aussterben bedrohten Sorten haben in den letzten beiden Jahrzehnten auf dem Gelände einen Platz gefunden. Sie sind lebende Zeugen der bäuerlichen Kulturpflanzenvielfalt. Ein typischer Weinviertler Selbstversorger-Hof besaß eine Reihe von Obstbäumen. Deren Früchte wurden zu Marmeladen und Kompotten eingekocht, zu Mehlspeisen verarbeitet und für den Winter getrocknet.

Gelber Museum. Eine besondere Rarität, die im Museumsdorf entdeckt wurde und so zu ihrem Namen kam© Museumsdorf Niedersulz
Gelber Museum. Eine besondere Rarität, die im Museumsdorf entdeckt wurde und so zu ihrem Namen kam

Verschollen und wiedergefunden

„Die alten, regionalen Sorten zeichnen sich dadurch aus, dass sie an das lokale Klima und den Boden im Weinviertel bestens angepasst sind“, weiß Ulrike Nehiba. Eine weitere Besonderheit der alten Obstsorten sind ihre vielfältigen Geschmacksnuancen. Das macht es wert, sie zu bewahren. „Außerdem ist es wichtig, dass Genmaterial für Neuzüchtungen vorhanden ist, wenn es zu Pflanzenkrankheiten wie Feuerbrand kommt.“ Mittlerweile werden viele alte Sorten wieder in Baumschulen zum Verkauf angeboten. Auch beim Verein Ökokreis in Ottenstein können Gartenbesitzer Bäume erwerben.
Im Lauf der Jahre kamen im Museumsdorf viele einzigartige „Obstschätze“ zum Vorschein. So galten zum Beispiel die Kritzendorfer Einsiedekirsche, die Römische Schmalzbirne oder der Herzogin-Olga-Apfel als verschollen, bis sie in Weinviertler Hausgärten wiedergefunden wurden.

Besondere Raritäten sind die „Namenlosen“. Sie sind aus Sämlingen entstanden und wurden zwar immer wieder veredelt, jedoch nie von einem Pomologen erfasst, beschrieben und in ein Sortenbuch aufgenommen. Ein Beispiel dafür ist der köstlich schmeckende „Gelbe Museum“, der im Museumsdorf entdeckt und deshalb auf diesen Namen getauft wurde.

Erfodert viel Erfahrung: Sortenbestimmung bei der "Arche Noah"© Arche Noah
Erfodert viel Erfahrung: Sortenbestimmung bei der "Arche Noah"

Wie heißt mein Apfel?

Niemand weiß genau, wie viele Obstsorten es in Österreich gibt. Die Schätzungen reichen von 800 bis 2000 Sorten. Auch die „Arche Noah“, die Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung, hat sich der Bewahrung alter Obstsorten angenommen. 365 Sorten von Apfel, Birne, Pflaume, Kirsche und Marille umfasst die Sammlung der Arche Noah. Die Äpfel tragen so klingende Namen wie Himbeerapfel von Holovous, Lavanttaler Bananenapfel, Rotgestreifter Wiesling, Steirische Schafnase oder Prigglitzer Abendrot. 

Wird eine seltene oder unbekannte, erhaltenswerte Sorte von Arche-Noah-MitarbeiterInnen entdeckt, dann werden im Winter neue Bäume von diesen Sorten veredelt. Ein Teil der Bäume wird auf den Arche Noah Erhaltungs-Obstwiesen ausgepflanzt, andere bei Partnern und Paten. Ziel ist es, fünf Bäume an verschiedenen Standorten zu pflanzen, um sicherzustellen, dass die Sorte die nächsten Jahrzehnte überlebt. Ein zweiter, wichtiger Teil der Sammlung ist die Datenbank. Dort sind über 3200 Bäume mit Sorte und Standort registriert. Sie hilft den Obst-Experten der Arche Noah, wenn es um die Bestimmung alter Sorten geht – ein Service, den übrigens jedermann gegen einen Unkostenbeitrag in Anspruch nehmen kann.

Ursula Mauritz

September 2017

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

267 + 9 =
 
 

0 Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Natur

Keine Einträge gefunden.