Reportage

Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr

Diesem Leitspruch der Feuerwehrleute hat sich seit drei Jahren auch Schwester Andrea verschrieben. Zum Einsatz gerufen tauscht sie ihre Ordenstracht gegen eine Feuerwehruniform

Schwester Andrea mit ihren  männlichen Kollegen. Bei einem Einsatz kümmert sie sich um die Löschwasserversorgung, kannmit Flex, Lüftern und Stromaggregaten umgehen© dpa Picture Alliance/Andreas Arnold
Schwester Andrea mit ihren männlichen Kollegen. Bei einem Einsatz kümmert sie sich um die Löschwasserversorgung, kannmit Flex, Lüftern und Stromaggregaten umgehen

Wenn der Pieper sich meldet, lässt Benediktiner-Schwester Andrea von der Rüdesheimer Abtei St. Hildegard alles stehen und liegen, läuft zu ihrem Roller und fährt durch die Weinberge zur freiwilligen Feuerwehr im nahegelegenen Örtchen Eibingen. Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Von ihrer Oberin wurde ihr die Verantwortung für die anstehenden Brandschutzmaßnahmen im angrenzenden Gästehaus des Klosters übertragen. Doch sich nur in der Theorie damit zu befassen, das war Schwester Andrea nicht genug: „Wenn ich schon Verantwortung übernehme, dann richtig. Ich möchte wissen, worüber ich rede und was alles zu beachten ist“, so die 52-jährige Ordensfrau. Und damit stand der Entschluss fest, in die freiwillige Feuerwehr einzutreten. Ein mutiger Schritt, denn als einzige Frau und dann auch noch als Nonne wurde sie von ihren ausnahmslos männlichen Kollegen zu Beginn mit Skepsis und Zurückhaltung aufgenommen. „Sie haben die Lage erst mal abgecheckt, so nach dem Motto: Ist die überhaupt normal?“, erzählt Sr. Andrea mit einem Augenzwinkern. „Aber als sie nach den ersten Übungen gemerkt haben, dass ich anpacken kann und Witze wie alle anderen mache, vielleicht nicht ganz so derbe, waren die anfänglichen Berührungsängste schnell vergessen.“

Es folgte die einjährige Grundausbildung – und dann der erste Einsatz.
„Da haben mir schon die Knie gezittert“, gesteht Sr. Andrea. Der Melder kündigte einen Brand im Krankenhaus Rüdesheim an. Am Einsatzort angekommen, stellte sich zum Glück heraus, dass lediglich ein Trockner in einem Nebengebäude brannte.

Vielseitig engagiert
Ehrenamtlich engagiert hat sich die Ordensschwester schon als Jugendliche, war Messdienerin, hat bei Altennachmittagen in der Pfarrei geholfen und die stadtgottes ausgetragen. Auch ihren ersten Kontakt mit dem Kloster hatte sie in dieser Zeit, bei einer Schwester nahm sie Gitarrenunterricht. Warum jemand ins Kloster geht und was die Schwestern dort den ganzen Tag machen, war ihr zu diesem Zeitpunkt eher suspekt. Daher fragte sie die Schwester, ihre Gitarrenlehrerin, auch provokant, was „das alles solle“. Die Schwester antwortete ihr: „Wir sind hier, weil wir beten, z. B. auch für dich.“ Das hat Andrea damals zwar abgetan, aber tief in ihrem Inneren hat es einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

Nach dem Abitur wollte die junge Andrea ins Kloster eintreten, doch die damalige Äbtissin legte ihr nahe, erst zu studieren oder einen Beruf zu erlernen. Sie begann eine Ausbildung zur Buchbinderin. Wie es der Zufall – oder auch das Schicksal – wollte, musste sie für ihre Zwischenprüfung die Autobiografie von Thomas Merton „Der Berg der sieben Stufen“ aufarbeiten und binden. Neugierig verschlang sie das Buch. Mertons Weg zum Christentum, die allmähliche Bekehrung zur Religion und sein Eintritt bei den Trappisten hat sie bestärkt, dass dies auch ihr Weg sein könnte. Nach Abschluss der Ausbildung trat sie mit 23 Jahren in ihr Heimatkloster ein.

Als Benediktinerin lebt Schwester Andrea in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim© dpa Picture-Alliance/Andreas Arnold
Als Benediktinerin lebt Schwester Andrea in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim

Dort wurde sie zur Winzerin ausgebildet, hat auf der Krankenstation und im Klosterladen geholfen, das klostereigene Café mit ins Leben gerufen und ist hauptamtliche Hausmeisterin der Gemeinschaft. Jetzt, mit Anfang 50, ist die freiwillige Feuerwehr eine neue Erfahrung auf ihrem guten Weg. Wenn´s brennt, zieht Schwester An­drea ihre Ordenstracht aus, steigt in die Feuerwehrkluft und fährt mit dem Geleit Gottes zum Einsatz. „Sr. Andrea“, so steht es auch auf ihrer Jacke und dem Helm. „Wenn wir auf dem Weg zu einem Einsatz über die Bundesstraßen rasen, informiere ich häufig meine Mitschwestern über mein Smartphone: Sie sind in Gedanken bei mir und beten für ein hoffentlich gutes Gelingen“, erzählt sie. Doch leider hat sie auch schon andere Erfahrungen machen müssen. 


Ein nicht immer einfacher Job
Am 1. Dezember 2016 wurden sie zu einem Hausbrand in einer Flüchtlingsunterkunft gerufen. Der Melder signalisierte „Hausbrand, Menschenleben in Gefahr“. Feuerwehren aus dem ganzen Umkreis waren beteiligt. Dort lebte eine Frau mit ihren drei kleinen Kindern. Der Vater, dem eigentlich Hausverbot erteilt worden war, hatte es doch geschafft, in die Wohnung der Familie einzudringen. Vor den Augen der Kinder hat er die Mutter mit Benzin übergossen und angezündet. Er und seine Frau starben an den Folgen der Verbrennungen. 

„Das war ein wahrhaft schreckliches Erlebnis“, berichtet Schwester Andrea. Viele ihrer Kollegen sind auch nach solchen Erlebnissen nach außen hin cool, lassen sich nichts anmerken. „Es ist sehr wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben, denn später muss man auf jeden Fall miteinander über das Erlebnis sprechen, anders geht das nicht“, konstatiert sie, „zum Glück sind solche Vorfälle in einer kleinen Wehr die Ausnahme.“ 

Ihr nächstes Ziel bei der Feuerwehr: die Sanitätsausbildung. Doch zuvor steht noch der Truppführer-Lehrgang an, dieser ist Voraussetzung für die weitere Fortbildung. An den Theorietagen erscheint die Schwester selbstverständlich auch in Ordenstracht, da wird sie auch schon mal erstaunt beäugt, „aber das gibt sich schnell“, so ihre Erfahrung. 

Sie bewundert den Einsatz der ehrenamtlichen Feuerwehrleute, oft berufstätige Familienväter, die ganz selbstverständlich in ihrer Freizeit anderen helfen. Dass sie selbst dazugehört, ist für sie nicht der Rede wert. Kommt sie zu einem Einsatzort, hört sie häufig: „Schau mal, die Schwester ist auch wieder dabei.“ Man kennt sich, kommt ins Gespräch, die Menschen sind offen für „ihre“ Welt hinter den dicken Klostermauern. „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“: Ordensschwester und Feuerwehrfrau – eine perfekte Kombination.

Melanie Fox

September 2017

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