Titelthema

Missionare auf Zeit und Ewigkeit

Wer ein Jahr lang als Missionar auf Zeit (MaZ) mit Steyler Missionaren und Schwestern bei den Armen gelebt hat, kommt verändert zurück. Und bleibt Missionar – mit einem wachen Blick für die Nöte der Welt. Wir haben ehemalige MaZ besucht

Afrikanische Kunst trifft Bauernponcho aus Chile: Anne und Mark Oelmann wollen ihren Söhnen Mika und Karlis einen weiten Blick vermitteln© Annette Enges
Afrikanische Kunst trifft Bauernponcho aus Chile: Anne und Mark Oelmann wollen ihren Söhnen Mika und Karlis einen weiten Blick vermitteln

Mika, 12, ist sicher: „So was Komisches wie Papa und Mama mache ich nie! In andere Länder gehen und da arbeiten – nee! Wenn ich groß bin, kauf ich mir lieber einen Lamborghini und heize über die Autobahn!“ – „Ich will ein Motorrad“, unterstützt ihn sein neunjähriger Bruder Karlis. „Und fahr höchstens mal in den Urlaub nach Vietnam, wo mein Freund herkommt!“ Anne und Mark Oelmann grinsen, wenn sie die Zukunftspläne ihrer Söhne hören. „Sie müssen sich abgrenzen“, sagt der Vater nachsichtig. „Wer will schon so sein wie seine Eltern?“ Vor allem dann, wenn Vater und Mutter so anders ticken als die Eltern der Kumpel. 

Mark und Anne Oelmann waren Missionare auf Zeit. Das ist über 20 Jahre her. Aber sie haben nie aufgehört, Missionare zu sein. Anne Oelmann war schon für die Steyler unterwegs, als sie gerade laufen konnte. Ihre Mutter verteilte als Förderin die Steyler Zeitschriften, Anne half mit und träumte von Afrika. Doch als sie sich für einen Einsatz als Missio­narin auf Zeit bewarb, war nur noch Lateinamerika im Angebot. So landete die junge Frau aus Viersen im Süden von Chile, wo Steyler Schwestern eine Schule für die Kinder der Landarbeiter aufgebaut hatten. Anne betreute die Hausaufgaben und half bei der Jugendpastoral. „Die Offenheit der Leute hat mich begeistert“, erinnert sie sich. „Sie haben uns reingebeten in ihre Häuser, wir durften teilhaben an ihrem Leben. Sie waren arm und verdienten ihr Geld mit dem Schlagen von Schindeln. Es war faszinierend zu sehen, wie man so leben kann, ohne Strom und Wasser!“ 

Als MaZ hat Anne Oelmann mit den Menschen in Chile gelebt© privat
Als MaZ hat Anne Oelmann mit den Menschen in Chile gelebt

Die guten Erfahrungen an der kleinen Schule begeisterten Anne so, dass sie Religionslehrerin werden wollte, aber die Realität an deutschen Schulen holte sie bald ein. Sie suchte weiter, arbeitete in der Missionsprokur in Sankt Augustin, dann als Fundraiserin (Spendensammlerin) bei den Maltesern und ist jetzt zuständig für die Großspender beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. „Der Kreis hat sich geschlossen“, sagt die 43-Jährige. „Ich bin da, wo ich immer wieder hinwollte: Bei den Menschen in Südamerika.“  

Die Verbundenheit mit den Steylern hat sie und ihren Mann zusammengebracht. Mark Oelmann arbeitete ein Jahr in Kenia bei dem Steyler Bruder Karl Schaarschmidt. 1991 kam der junge Mann aus Haltern am See nach Garba Tula („Viel Wasser“), einem Dorf in der Dornbuschsavanne an der Grenze zu Somalia. Hier gab es Brunnen, gefördert von einer amerikanischen Entwicklungshilfe-Organisation. Viel Wasser in Garba Tula und Dürre in der Nachbarschaft – Mark Oelmann geriet dort in einen gefährlichen Bürgerkrieg, der ihm nachdrücklich bewies, dass „gut gemeint“ nicht automatisch „gut gemacht“ ist.

Der Missionar des Wassers
Das Thema Wasser hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen: Mark Oelmann studierte Volkswirtschaftslehre und schrieb seine Doktorarbeit über die deutsche Wasserwirtschaft. Dazu kam Völkerkunde, um zu lernen, welche Rolle Wasser in der Kultur der Menschen spielt. „Wasser ist nicht etwa ein Teil der weltweiten Krisen, es ist die zentrale Krise auf diesem Planeten, noch vor dem Klimawandel und der Flüchtlingskrise“, betont der 49-Jährige. 

Wasser wurde sein Lebensthema: Mark bei Br. Karl Schaarschmidt in Kenia© Ammette Emges
Wasser wurde sein Lebensthema: Mark bei Br. Karl Schaarschmidt in Kenia

Der Missionar auf Zeit ist heute ein Missionar des Wassers: Er berät Länder wie Uganda und Pakistan in Wasserfragen, lehrt als Professor für Wasser- und Energieökonomik an der Hochschule Ruhr West in Mülheim und bringt Achtklässler zum „Wandern für Wasser“. „Ich wollte immer an einer besseren Welt mitarbeiten.“ Gern hätten er und seine Frau mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit noch einmal im Ausland gearbeitet, aber die Geburt des ältesten Sohnes Jona, der kleinwüchsig ist und gute medizinische Betreuung brauchte, verhinderte das. „Und es war gut so“, meint Anne Oelmann energisch. „Als MaZ lebst du bei den Leuten, als Experte ist man in einer abgehobenen Position!“

So viel die beiden erzählen können über ihre Arbeit bei den Armen – die wichtigste Erfahrung ihres MaZ-Einsatzes war das enge Zusammenleben mit den Steyler Missionaren und Missionarinnen. „Der Glaube ist im Alltag immer Thema“, erinnert sich Anne. Für ihren Mann ist die religiöse Anbindung an den Orden das große Plus im Vergleich zu den üblichen Freiwilligeneinsätzen im Ausland. „Welche Kraft es hat, in Gemeinschaft sein Leben zu gestalten, das habe ich als MaZ gelernt.“ Deshalb treffen sie sich regelmäßig in Steyl mit anderen jungen Erwachsenen, denen die Steyler Spiritualität viel bedeutet. In der Gruppe, „Klein-Steyl“ genannt, machten auch ihre drei Söhne Erfahrungen mit Religion, von denen die Eltern hoffen, dass sie eines Tages wieder wichtig werden. Denn selbst die Kinder von missionarischen Eltern finden in der Pubertät „Kirche“ eher uncool. 

Anne und Mark Oelmann bleiben gelassen und vertrauen auf ihr Vorbild. Sie gehen sonntags in die Kirche, kaufen fair gehandelte Produkte und Bio-Waren. Anne hat neben ihren Ehering einen schwarzen Ring gesteckt, das weltweit gültige Zeichen der Solidarität mit den Armen. „Wir haben ein anderes Bild der Welt“, sagen sie. „Wir haben nicht nur das Elend gesehen, sondern Lachen, Nähe, Zusammenhalt erfahren. Wir erlebten Menschen in fundamentalen Existenz­ängsten, die voller Gottvertrauen waren. Und das hilft uns, kritisch in den Spiegel zu schauen: Setzen wir unsere Prioritäten wirklich richtig?“

Christina Brunner

September 2017

Die Seite der MaZ

Mehr Geschichten über ehemalige Missionare auf Zeit findet ihr in der Septemberausgabe der stadtgottes

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

177 - 8 =
 
 

0 Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Titelthema

  • Unser tägliches Gewissen gib uns heute

    Bei Rot über die Straße, schwarzfahren, Hotelhandtücher im Koffer verschwinden lassen – Alltagssünden. Oder doch mehr?

     
  • Gottsuche per Internet

    Der Bischof chattet, der Abt twittert – die Kirche versucht, religiös Interessierte in „sozialen Netzwerken“ des Internets zu finden. stadtgottes-Redakteur Xaver Schorno hat sich im Schweizer Netz an ihre Fersen geheftet

     
  •