Steyler Welt

Der Flussmissionar

Am Rhein aufgewachsen, am Amazonas beheimatet: Pater Norbert Förster SVD besucht die Gemeinden am Amazonas

Die meisten Menschen am Amazonas leben vom Fischfang. Die Kirche will den Menschen helfen, ihre Rechte einzufordern© Norbert Förster
Die meisten Menschen am Amazonas leben vom Fischfang. Die Kirche will den Menschen helfen, ihre Rechte einzufordern

"Ich bin seit 30 Jahren in Brasilien, aber das hier ist das Schönste, was ich als Missionar je gemacht habe.“ Vier Mal im Jahr ist Pater Nobert Förster auf dem Amazonas unterwegs. 67 Gemeinden, die am Flussufer liegen, besucht er mit seinem Boot: kleine Dörfer mit 15 oder 20 Leuten, manchmal ist eine Mini-Schule oder eine selbst gebaute Kapelle dabei. Weil er so selten kommt, freuen sich die Leute sehr auf seinen Besuch. Und auch „Pater Norberto“ ist fasziniert von der Begegnung mit den Menschen. „Strukturen und Bürokratie spielen keine Rolle. Ich treffe viele Jugendliche, man begleitet sich, entdeckt miteinander Jesus – das ist Kirche als Begegnung auf Augenhöhe!“

Wenn das Boot des Missionars anlegt, wissen alle: Gleich ist Gottesdienst. Pater Norberto geht an den Häusern entlang und ruft die Menschen heraus. Hineingehen will er nicht: „Kann ja sein, dass sich gerade jemand schön macht für den Gottesdienst, da kann ich ja nicht einfach reinplatzen!“, lacht er. 1300 Katholiken gehören zu seiner Pfarrgemeinde am Fluss, und so bitten bei seinen Besuchen immer viele um die Taufe ihrer Kinder. Kaum jemand hat eine ausführliche Katechese durchlaufen, doch Pater Norbert verzichtet auf allzu strenge Zugangsberechtigungen. „Die Taufe ist ihnen wichtiger als die Eucharistie“, weiß der 57-Jährige. „Für die Menschen am Fluss sind die Kleinen erst dann so richtig Mensch. Und wer bin ich, dass ich ihnen das verweigere?“ 

Auch bei den Paten ist er großzügig – zu großzügig, wie seine Mit-Missionarin, die Franziskanerin Schwester Fátima manchmal schimpft. „Mir ist wichtig, dass sie gläubige Menschen sind, dass sie in der katholischen Gemeinde mitleben und dass sie Kinder gern haben – fertig!“, sagt Pater Norberto resolut.

Am Amazonas fühlt er sich zu Hause: Pater Norbert Förster© Norbert Förster
Am Amazonas fühlt er sich zu Hause: Pater Norbert Förster

Im Boot herrscht Enge und im Wasser lauern Krokodile
Viel Zeit bleibt nicht in den Dörfern, schon nach zwei oder drei Stunden muss das Boot weitertuckern. „Es ist immer schade zu wissen, dass wir uns erst so spät wiedersehen werden.“ Seit fünf Jahren lebt der Steyler Missionar aus Bonn schon am Amazonas und unterrichtet Pastoral und Religionsgeschichte in einem interdiözesanen Seminar. Seit zwei Jahren verbringt der Flussmissionar insgesamt 160 Tage im Jahr auf dem Wasser. Franziskanerinnen haben diese Mission vor 15 Jahren neu aufgebaut, eine der Schwestern begleitet ihn, den Bootsmann und den Maschinisten auf ihren Touren, die sieben, elf oder auch mal 17 Tage dauern können. Vier Menschen auf kleinstem Raum, da ist das Schiff manchmal „ein Drucktopf“, lächelt Pater Norberto. Essen, schlafen, kochen, alles geschieht an Bord der Egídio Viganó. Das Boot verlassen kann man nur über einen schmalen Steg, „Man hat keinen Privatraum und ist allem ausgeliefert: den Mücken, der schwülen Luft, Regen und Hitze.“ Keine Klimaanlage, kein Handy-Empfang. Im Wasser die roten Augen der lauernden Krokodile. „Aber die haben meist mehr Angst vor uns als wir vor denen“, winkt der erfahrene Missionar ab.

Doch die scheinbare Idylle trügt. Das Leben am Fluss ist nicht leicht, auch wenn es den Bewohnern inzwischen gelungen ist, sich ihre Landrechte zu sichern. Sie leben vom Fischen, ernten Paranüsse und bauen Maniok an. Manche gehen auf Goldsuche im Fluss. Präsident Lula sorgte dafür, dass ihnen eine Landarbeiter-Rente zusteht, aber in Brasilien wird gerade das Rad des sozialen Fortschritts zurückgedreht. Pater Norberto weiß, dass viele ihre Rente nicht bekommen werden, wenn ein neuer Gesetzgebungsvorschlag durchgeht. Erwerbsunfähige müssen aufwendig nachweisen, dass sie zu krank zum Arbeiten sind. Dabei gibt es in den Dörfern viele, auch schon Jugendliche, die durch das Schleppen der schweren Maniok-Säcke einen kaputten Rücken haben. „Eine unserer Lehrerinnen musste sich krankmelden und sollte das nachweisen, indem sie zwei Tage lang unterwegs zum nächsten Arzt reisen musste. Die Kosten dafür waren für ihr kleines Gehalt astronomisch“, ärgert sich Pater Norberto.

Ein gewöhnliches Wohnhaus wurde zur Kapelle umfunktioniert© Norbert Förster
Ein gewöhnliches Wohnhaus wurde zur Kapelle umfunktioniert

Kindergeld bekommen nur die Eltern, die ihre Kinder in die Schule schicken. Eine sinnvolle Einrichtung, findet der Pater, und in vielen Dörfern gibt es auch eine Schule, in der alle Kinder zusammen in einer Klasse lernen. Die Lehrer müssen 25 Tage in den Flussgemeinden unterrichten, dann haben sie frei und können in die Stadt fahren, um sich ihr Geld zu holen, denn eine Sparkasse oder einen Bankomaten gibt es natürlich nicht. Die Sechs- bis Zehnjährigen dürfen also lernen, doch was tun, wenn die höhere Schule weit entfernt ist und die Eltern Angst haben, dass die kleinen Boote im Sturm kentern?

Korruption gehört zum Alltag in Brasilien
Die wirtschaftliche Lage in Brasilien ist katastrophal, und was die Kirche tun kann, klingt zunächst unspektakulär: Sie stellt Papiere aus. Dokumente aus den Tauf- oder Heiratsregistern der Flussgemeinden beweisen: Die Person existiert und hat Anspruch auf Unterstützung. Auch hier hatte die Regierung Lula viel erreicht: Von 64 Prozent regis­trierter Kinder im Jahr 2000 stieg die Zahl auf 93 Prozent 2010. Die Registrierung Neugeborener ist wichtig, denn ohne Geburtsurkunde haben sie keinen Zugang zur Sozialversicherung und zur späteren Rente.

In seinen Flussgemeinden sieht Pater Norbert Förster mit eigenen Augen, was Wirtschaftskrise und Verschuldung in Brasilien angerichtet haben. Aber er weiß auch: Korruption ist hier kulturell verankert. „Ein Beispiel: Ich habe meine Jugendlichen gefragt: Wenn ihr einen Job vergeben könnt und habt zwei Kandidaten: Einer ist super, aber ein Fremder, und einer ist total unfähig, aber euer Verwandter: Wer kriegt den Job? Alle waren sich einig: natürlich der Verwandte. Gemeinwohl, öffentliches Gut, politische Strukturen jenseits meines Dorfes – das ist in den Köpfen der Leute einfach nicht vorhanden!“

Mehr zu aktuellen Situation in Brasilien lesen Sie in unserem Text "Bestohlen haben uns nicht die Sportler, sondern die Politik!"

Christina Brunner

Oktober 2017

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