Das Gespräch

Selbstliebe und Nächstenliebe gehören zusammen!

Sei gut zu dir selbst – diese Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die 40 Bücher von Pierre Stutz. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie schnell man sich selbst überfordert. stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner traf den Schweizer Bestseller-Autor in Köln

"Sei auch gut mit dir selbst", fasst Pierre Stutz den Tenor seiner über 40 Bücher zusammen© Achim Hehn
"Sei auch gut mit dir selbst", fasst Pierre Stutz den Tenor seiner über 40 Bücher zusammen

Wer kommt in Ihre Lesungen?
Es sind mehrheitlich suchende Menschen, die eine Spiritualität für ihr Leben suchen. Es sind mehrheitlich Frauen, oft sehr engagierte Leute, die zum Teil noch sehr kirchennah sind und sich für eine offene, ökumenische Kirche engagieren. Es gibt aber auch Leute, die – was mich immer nachdenklich stimmt – schon sehr weit weg von der Kirche sind, aber durch Umbruchsituationen in ihrem Leben auf das Thema Spiritualität gekommen sind: durch einen Trauerfall, Trennung oder ein Burn-out.

Was suchen Ihre Leser und Zuhörer? Wonach fragen sie?
Was gibt mir Halt? Woran kann ich mich orientieren in dieser Fülle von Möglichkeiten? Wie kann ich zu mir finden, und trotzdem offen sein für sozialpolitische Fragen? Wie kann man bei sich selbst zu Hause sein, ohne dass man nur um sich selber kreist? Das sind ja auch die Themen meiner Bücher. Es ist kein Zufall, dass mein Buch über den heiligen Zorn jetzt erscheint. Mich hat das immer schon sehr beschäftigt. In den letzten drei Jahren kamen die Themen Wut und Aggression durch die Eskalation der Gewalt, durch Terrorismus und Rechtspopulismus in meinen Lesungen immer wieder auf. Sobald ich sage: Wenn ich von Gott rede, heißt das, an das Gute zu glauben, kommt schnell der Verweis auf Terrorakte: „Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes sagen, dass Sie immer noch daran glauben, dass unsere Welt gerechter werden kann?“ Da bin ich sofort hellwach: Wie sollte ich von Gott reden, wenn es nicht um Frieden und Gerechtigkeit geht? 

Den Kölner Dom im Rücken: Pierre Stutz und stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner © Achim Hehn
Den Kölner Dom im Rücken: Pierre Stutz und stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner

Das ist ein neues Thema?
Vor 20 Jahren sprach man viel mehr von der Sehnsucht nach dem liebenden Gott; der leidenschaftliche, der strafende Gott wurde ausgeklammert. Damit hatte man uns Angst gemacht. Meine Zuhörer haben sich schwergetan, wenn ich von einem kämpferischen Gott gesprochen habe. Es gibt eine Tendenz zu einer Wohlfühlspiritualität. Ich nehme die ernst, weil dahinter viel Überforderung steckt. Ich spreche ja mit Hunderten von Menschen, und wenn ich sehe, worin die überall verstrickt sind und doch versuchen zu überleben, dann ist es naheliegend, von Spiritualität zu erwarten, dass man alles ausschalten, bei sich sein, ankommen kann. Ja, das ist Spiritualität auch! Aber wenn es nur das ist, dann tue ich mich schwer.
Erst in den letzten Jahren merken die Leute: Ohne Konflikte geht es nicht, selbst nicht in der Familie. Der leidenschaftliche Gott ist keine Bedrohung. Und sie fragen sich: Wie gehen wir mit unseren Leidenschaften um, die gehören ja zu unserem Leben?!

Sie haben über 40 Bücher geschrieben, mit rund einer Million Auflage. Gibt es eine zentrale Botschaft, die sich durch alle diese Bücher durchzieht?
Vielleicht ist es die Grundermutigung: Sei auch gut mit dir selbst! Wir haben als Christen den wunderbaren Dreiklang Nächstenliebe – Gottesliebe – Selbstliebe. Aber die Selbstliebe war zu lange unterbelichtet, gepredigt wird meist über die Nächstenliebe. Und weil ich selbst daran fast zerbrochen bin, immer nur für andere da zu sein, zieht sich die Ermutigung zur Selbstliebe durch meine Bücher. Das ist sicher einer der Gründe, warum sie eine Resonanz finden. Mir geht es um verwurzelte Gelassenheit. Bei meiner Umdichtung der 150 Psalmen habe ich deshalb den ersten Psalm so formuliert: Verwurzelt der Mensch, der darauf vertraut, dass es wohl auf ihn ankommt, aber nie von ihm abhängt. Die Selbstliebe ist auch verwurzelt im Engagement. Ich kann nicht glücklich werden, wenn ich nur für mich sorge. Aber viele meiner Leser haben sich im Stich gelassen oder zu wenig auf ihre Grenzen geachtet. 

Sie haben ja mit 38 Jahren ein Burn-out gehabt. Haben Sie auch zu wenig auf sich geachtet?
Auf jeden Fall! Wenn Sie mich bis zu diesem Zusammenbruch gefragt hätten: „Was ist die Kernkompetenz des Christentums?“, dann hätte ich ohne Zögern geantwortet: Tag und Nacht für andere da sein bis zum Umfallen. Äußerlich hatte ich immer Erfolg, das hat es mir auch schwergemacht zuzugeben, dass meine Seele nicht mehr kann. In diesem Burn-out bin ich wirklich tiefer als tief gefallen. Als ich ganz tief auf mich selbst zurückgeworfen war, habe ich die Mystik entdeckt. Teresa von Avila ist mir eine Freundin geworden, wenn sie fragt: Kann es etwas Schlimmeres geben, als sich im eigenen Haus nicht mehr zurechtzufinden? Dieser Satz erschien mir, als wenn er nur für mich geschrieben wäre. Manchmal brauchen wir ja keine Antworten – wir brauchen nur die richtige Frage!

Lesen Sie das ganze Interview mit Pierre Stutz in der Oktoberausgabe der stadtgottes. Bestellen Sie sich hier ein kostenloses Probeheft. 

Christina Brunner

Oktober 2017

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Zur Person

Pierre Stutz, geboren 1953 in Hägglingen, Kanton Aargau, trat mit 20 Jahren bei den Christlichen Schulbrüdern ein und baute die Abbaye de Fontaine-André in Neuchatel als "offenes Kloster" auf. Im Sommer 20002 legte er nach einem Burn-out sein Priesteramt nieder. Pierre Sutz gilt als einer der wichtigsten spirituellen Autoren im deutschsprachigen Raum, bisher erschienen 40 Bücher mit insgesamt einer Million Auflage. 

www.pierrestutz.ch