Brauchtum

In der Wallfahrtskirche wird alles leichter

Der schwere Ballast des Lebens – schon viele haben ihn dort abgeladen, wo ein Brünnlein nicht versiegt und Sehnsüchte in den Himmel wachsen: in Maria Hollenstein

Auch Katharina Perner tankt an diesem Ort Kraft: an der Wallfahrtskirche Maria Hollenstein© Walter Schweinöster
Auch Katharina Perner tankt an diesem Ort Kraft: an der Wallfahrtskirche Maria Hollenstein

Einladend klingen die Glocken, als Katharina Perner an den beiden Stricken zieht. Jeder Zug kostet die 77-Jährige Kraft. Jeder Zug ist aber auch eine innere Verbeugung vor ihr, der „Maria von Hoin Stoa“, wie die Lungauer sagen. Schon die Großmutter war hier im Kendlbrucker Graben Mesnerin gewesen. Dann die Mutter und danach sie, die Unterschmiedbäuerin. Die sich abmühte, alles unter einen Hut zu kriegen: die Versorgung der Familie mit vier Kindern, die Stallarbeit, den Mesnerdienst. Wenn im Hochsommer das Heu am Steilhang zu ernten war, auch dann musste sie zwischendurch immer wieder zu Hochzeiten, Taufen, Messen in die Kirche eilen. Und dann natürlich auch zu den großen Prozessionen.

Selbst ist die Frau: Die Glocken müssen noch manuell zum Klingen gebracht werden© Walter Schweinöster
Selbst ist die Frau: Die Glocken müssen noch manuell zum Klingen gebracht werden

Eine solche ist gerade im Anmarsch. Perner hat ein neues, gestärktes Altartuch aufgelegt und frische Lilien in die Vasen gesteckt. Hostien, Messwein, Kelch stehen für den Ramingsteiner Pfarrer Manfred Thaler bereit. „Nicht, dass Sie glauben, das wäre nur ein Ort für Pensionisten“, lacht die Mesnerin und meint: „Auch viele junge Menschen kommen hierher.“ Während sie die Kerzen vor den Heiligenfiguren anzündet, erzählt sie über diesen – ihren – Kraftort. „Ois wird leichter in Hoin Stoa“, sagt sie und ist mit diesem Gefühl nicht allein. Das Pilgerbuch ist vollgeschrieben mit Dankesbekundungen und Bitten an die Gottesmutter. Die Votivtafeln erzählen von überstandenem Unglück und bewältigten Krankheiten. Perner geht die Stufen hinunter zum Rest der gemauerten Ursprungskapelle. Gläubige haben dort Kreuze und kleine Figuren durch das Eisengitter geschoben. Wenige Schritte entfernt stand hier einst die erste, hölzerne Kapelle. Von dort ging die Kunde von Gebetserhörungen aus.

Gut für die Augen?
Die Mesnerin wendet sich nun der Vertiefung in einem Felsen zu. Hier fließe, so erklärt sie, aus dem „hohlen Stein“ stetig Quellwasser. Von daher komme auch der Name „Hohl’nstein“. Die Legende, dass dieses Nass Heilkraft besitze, hat sich über die Jahrhunderte erhalten. Auch Perners Großmutter schwor darauf. Ihre Oma hatte nie Augengläser gebraucht. Sie, die Enkelin, muss sich jetzt einer Star-Operation unterziehen. „Vielleicht ist mein Glaube an das Heilwasser doch zu wenig“, lacht sie.

Die Dankbarkeit spricht aus allen Votivgaben© Walter Schweinöster
Die Dankbarkeit spricht aus allen Votivgaben

Mehrere Sagen und Legenden ranken sich um die Wallfahrtskirche Maria Hollenstein. Katharina Perner kennt die Sage über eine Gräfin, die sich auf der Jagd in den Kendlbrucker Graben verirrt hatte. An der Quelle sei sie erschöpft eingeschlafen. Aus Dank, dass man sie dort fand, habe sie die erste Kapelle bauen lassen. 

Die Kraft dieses Ortes spürte Perner schon als Kind, als sie regelmäßig mit der Oma hierherkam. Hier suchte sie Trost, wenn es ihr schlecht ging. So auch, als vor vier Jahren Gatte Franz gestorben war. Versonnen schaut die Mesnerin nun auf das zur Straße führende Kirchwegelchen hinab. Sie öffnet den ankommenden Pilgern die Eingangspforte. Mit Demut. Denn „was sonst“, so fragt sie lächelnd, „müssen wir im Leben lernen“?

Christine Schweinöster

Oktober 2017

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