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Verliebt, verlobt, verheiratet

Heiraten ist wieder in. 2016 traten so viele Paare vor den Standes­beamten wie seit 15 Jahren nicht mehr. Und auch die Zahl der Scheidungen sinkt seit Jahren. Zeit für eine Bestandsaufnahme

Vor Gott verspricht sich das Brautpaar, sich zu lieben, bis dass der Tod sie scheidet© imago
Vor Gott verspricht sich das Brautpaar, sich zu lieben, bis dass der Tod sie scheidet

Ein Abend im Wonnemonat Mai. Wir treffen zwei Ehepaare aus zwei Generationen: Norbert Ackermann, 67, und Jutta Thomas-Ackermann, 55, sind seit 34 Jahren verheiratet. Ihre Tochter Teresa, 30, hat im Oktober 2016 Daniel Lütz, 36, das Jawort gegeben.

Norbert: Ich kenne meine Frau schon, seit sie Baby war! Wir stammen aus dem gleichen Dorf, aus Klotten an der Mosel. Ihr Vater und ihre Oma haben bis 1956 in unserem Haus gewohnt. Als Jutta 1961 auf die Welt kam, habe ich mit ihrem Onkel, meinem Schulfreund, öfter das süße Baby besucht.

Jutta: Später, als ich in Bonn Theologie studierte, haben wir eine Fahrgemeinschaft gebildet, um nach Hause zu fahren. Wir hatten uns jahrelang nicht gesehen. Er im Anzug mit Krawatte, ich in Jeans und Turnschuhen. Von Schmetterlingen im Bauch zunächst keine Spur!

Norbert: Wir haben uns aber angeregt unterhalten – wir hatten ja Zeit im Stau!

Ein Jahr später waren der Diplom-Mathematiker und die Theologie-Studentin verlobt.

Norbert: So wie es sich gehört: Mit Ring am linken Finger und Feier mit Oma und Eltern. Und noch ein Jahr später waren wir verheiratet.

Jedes dritte Paar lernt sich bei Freunden kennen. Auch Teresa und Daniel, sie begegneten sich bei einer Silvesterparty. Teresa lebte in einer festen Beziehung mit einem jungen Moslem, aber sie fand die Gespräche mit Daniel interessant. Er sah das genauso.

Norbert und Jutta sind ein Vorbild für ihre Tochter Teresa© Michael Englert
Norbert und Jutta sind ein Vorbild für ihre Tochter Teresa

Daniel: Für mich war klar: Mit dieser Frau möchte ich sehr viel Zeit verbringen. Das war nur schwierig, sie war ja noch mit einem anderen zusammen. Aber das zwischen uns harmonierte einfach toll – wir waren wie seelenverwandt!

Teresa: Ich wollte nicht so früh heiraten wie meine Mutter! Erst mal studieren, alles nacheinander, Schritt für Schritt. Und heiraten erst, wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe und Geld verdiene. Mir war eine große Feier mit der ganzen Familie und vielen Freunden wichtig, und dafür reicht das Studenten­budget nicht ...

Jutta: Mein Plan war auch so. Erst mal die Studentenzeit genießen, vor 29 wollte ich nicht heiraten. Viele meiner Freundinnen fanden das mutig, so jung zu heiraten, wenn man sich erst so kurz kennt. Aber er ist der Richtige, ich musste nicht warten. 

Norbert: Muss wohl Liebe gewesen sein!

Teresa: Wir waren schon mehr als neun Jahre zusammen, dann hat Daniel mir in Rom den Antrag gemacht. Und ich musste keine Sekunde überlegen. 

Daniel: Die Verlobung haben wir nur für uns gefeiert, aber ich bin vorher ganz traditionell mit einem Blumenstrauß bei ihren Eltern gewesen und hab' dort um ihre Hand angehalten.

Teresa: Und ich hatte keine Ahnung davon!

Jutta und Norbert heirateten in ihrem Heimatdorf an der Mosel, dort, wo sie auch getauft wurden. Der Dorffotograf machte die Bilder. Teresa und Daniel suchten eine besondere Kirche für ihre Trauung, engagierten einen Hochzeitsfotografen, bewirteten über 100 Gäste. Dass sie in der Kirche heiraten würden, war für beide Paare keine Frage.

Teresa: Ich war als Kind Messdienerin, aber später habe ich mir meinen eigenen Weg gesucht und mich zunächst ziemlich weit von der Kirche entfernt. Ich bin nicht mehr jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Aber kirchlich heiraten wollte ich unbedingt! 

Daniel: Manche sagen ja: Standesamt reicht. Reicht ja auch! Aber für uns war die Hochzeit keine wirtschaftliche Entscheidung. Wir wollten unter Gottes Augen heiraten, und das, was man in der Ehe lebt, durch den kirchlichen Segen offi­ziell machen.

Jutta: Für mich gehört Gott zum Alltag dazu. Die Ehe ist ein Sakrament, das mich bestärkt, in schwierigen Situationen auch zu halten, was ich versprochen habe. 

Norbert: Die Liebe, wenn sie stark ist, ist Gottes Geschenk, nicht selbst gemacht. 

Jutta: Zu unserem 30-jährigen Hochzeitsjubiläum sind mein Mann und ich zusammen den Franziskusweg in Italien gepilgert. Gemeinsam schweigen, beten, essen, trinken, das ist das Leben. Und die Beziehung zu Gott geht mit.

Für Teresa war die Persönlichkeit des Traupriesters sehr wichtig. Deshalb wünschte sie sich den Steyler Missionar Devis Don Wadin, einen gebürtigen Indonesier.

Teresa: Ich wollte nicht irgend­eine Trauung, die musste zu uns passen. Und das tat sie auch: Da war so ein Gefühl von Wärme und Herz­lichkeit.
Daniel: Ich bebte!
Teresa: In der ganzen Aufregung hat Pater Devis so viel Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt ...
Norbert: Er hat die nötige Balance gehabt: leicht und locker, aber mit dem nötigen Ernst.

Vor der langen, glücklichen Ehe von Jutta und Norbert haben Teresa und Daniel großen Respekt. Eine solche Beziehung wünschen sie sich für sich selbst auch.

Daniel: Ich sehe an ihnen, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, aber es lohnt sich, wenn man über alles sofort spricht und sich nicht anschweigt.

Jutta: Es lohnt sich zu diskutieren. Und für die Liebe muss man manchmal auch kämpfen. So kann man lange zusammenbleiben.

Daniel: Den Respekt, den Jutta und Norbert voreinander haben, finde ich vorbildlich. Ich finde, eine Ehe sollte so aussehen.

Jutta: Wir können auch köstlich streiten, zum Beispiel darüber, ob es im Garten einen Teich geben soll oder nicht. Und natürlich gab es auch Krisen. Ich habe Vollzeit gearbeitet, hatte die Verantwortung für Haushalt und Kinder, und mein Mann kam oft spät nach Hause. Da hat eine Zeit lang das Familienleben gelitten. Aber in den wesentlichen Dingen waren wir uns immer einig. Und wir haben nie die Achtung voreinander verloren.

Norbert und Jutta haben großen Respekt vor der Entscheidung der jungen Generation, zu heiraten.

Norbert: Ich denke, es war damals „normaler“ zu heiraten. Heute muss man mobil sein, flexibel – das war zu unserer Zeit noch nicht so stark gefragt. Heute muss man Mut haben zu heiraten. Und ich habe Respekt vor ihrer Entscheidung, sich kirchlich trauen zu lassen. 

Teresa: Man hat die Sehnsucht, in die Welt hinauszugehen. Ich habe ja Regionalwissenschaften Lateinamerikas studiert und wollte natürlich immer nach Latein­amerika. Aber Daniel ist als Lehrer an die Gegend gebunden. Da muss man sich schon entscheiden: So viele Jahre habe ich studiert, und viele Chancen auf eine Karriere gibt es mit meinem Studium nicht. Beziehung oder Karriere? Meine Chancen sind jetzt noch eingeschränkter. Aber das habe ich bewusst so entschieden.

Daniel: Für mich war es nicht verrückt, zu heiraten, mich einzuschränken. Ich wusste relativ schnell: Ich heirate diese Frau. Das war für mich völlig klar.

Auch die Werte ähneln sich in den zwei Ackermann-Generationen. 

Daniel: Meine Frau zu ehren und zu achten, das ist mir wichtig!
Norbert: Treue!
Jutta: Toleranz, Ehrlichkeit, Vertrauen. Auch Achtsamkeit: Kann ich jetzt noch mit dem Thema , das mir auf den Nägeln brennt, kommen, oder ist das längst zu viel für ihn?
Teresa: Im Alltag führen doch viele oft ein Leben mit schönem Schein, auch bedingt durch die so­zialen Netzwerke. Man spielt verschiedene Rollen. In einer Ehe kann man so sein, wie man ist, und der andere weiß, was los ist. Weil er mich kennt, wie ich wirklich bin.

Die beiden Generationen verstehen sich gut. Und dass sie so positiv gesehen werden, macht Jutta und Norbert ganz besonders stolz. 

Daniel: Ich würde sie ohne Probleme um Rat fragen. Wir haben eben noch nicht die Lebenserfahrung, da kann ich ruhig anhören, wenn die beiden einen guten Ratschlag haben.

Norbert: Ich gebe gern Rat, auch kritischen. Aber nur, wenn ich gefragt werde!
Jutta: Ich bin froh darüber, dass wir uns so gut verstehen! Ich freue mich immer, wenn wir zusammen Skiurlaub machen – das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk.
Norbert: Für mich ist das die Bestätigung, dass wir in der Erziehung doch vieles richtig gemacht haben. Wir haben den Kampf aufgenommen in der Pubertät, haben uns nicht gedrückt – in anderen Familien konnten die Kinder machen, was sie wollten. Bei uns gab es Regeln.
Jutta: Aber: Wir haben immer ein offenes Haus gehabt, die Freunde der Kinder habe ich immer gern hier gesehen.
Teresa: Auch wenn ihr den einen oder anderen unserer Freunde unmöglich fandet!
Jutta: Wir haben alle Lebensphasen angenommen und gestaltet, auch wenn es schwierig war – miteinander und mit den Kindern.
Norbert: Und ich bin froh, zu sehen, dass es sich gelohnt hat!

Christina Brunner

Oktober 2017

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Schon gewusst?

  • 400115 Eheschließungen gab es 2015 in Deutschland. Im Durchschnitt waren die Männer 33 Jahre alt, die Frauen 31. Um 1980 heirateten die Frauen mit 23, in der DDR noch früher.
  • Jedes fünfte Paar gab über 5000 Euro für die Hochzeit aus.
  • Ende der 1980er-Jahre heirateten über 110 000 Paare katholisch. 2015 traten 44 298 Eheleute vor den Traualtar einer katholischen Kirche.
  • 163 335 Paare ließen sich 2015 scheiden. Im Durchschnitt waren sie fast 15 Jahre verheiratet.
  • Heiraten ist in, sagen über 50 Prozent der Mädchen und 42 Prozent der Jungen zwischen zwölf und 25 Jahren.
  • 74 Prozent der jungen Leute hal­ten Treue in einer Beziehung für unverzichtbar. Für 79 Prozent der Deutschen ist Ehrlichkeit ein hohes Gut.