Brauchtum

Das Traismaurer Kripperl

Seit mehr als 200 Jahren wird im niederösterreichischen Traismauer die Weihnachtsgeschichte als Puppenspiel aufgeführt

Die Aufführungen mit den antiken Puppen sind sehr beliebt© Kustodiat Traismauer

Schloss Traismauer liegt im Dornröschenschlaf: Das alte Gemäuer, das auf den Fundamenten eines römischen Reiterkastells errichtet wurde, soll renoviert werden und später als Museum dienen. „In die Weltliteratur ist Traismauer durch seine Erwähnung im Nibelungenlied eingegangen“, erzählt Kustos Klaus Nedelko, als er durch die leerstehenden Räume vorangeht. „Kriemhild hat in der Burg auf ihrer Reise zu König Etzel Halt gemacht.“ Doch wir sind nicht wegen römischer Ausgrabungen oder mittelalterlicher Literatur hierhergekommen. Der Schatz, den wir suchen, befindet sich in einem unscheinbaren Lagerraum. In den Regalen, die bis zur Decke reichen, stehen graue Plastikboxen. Aus einer der Kisten holt Klaus Nedelko eine ca. 20 cm große Puppe, die an einem Holzstab befestigt ist. An ihrer Kleidung – goldener Brokatstoff, Samt und eine Krone auf dem Kopf – ist sie sofort als einer der Heiligen Drei Könige zu erkennen.

Zusammen mit rund 30 anderen erhaltenen Figuren – Maria und Josef, Hirten, aber auch Bürger und Handwerker – gehört sie zum Traismaurer Krippenspiel, das vor mehr als 200 Jahren in der Stadt an der Traisen entstand. „Es grenzt an ein Wunder, dass die meisten Figuren und Kulissen sowie die Bühne bis heute erhalten sind, denn die Teile wurden jahrelang unter sehr schlechten klimatischen Bedingungen gelagert“, betont Klaus Nedelko. In Zukunft sollen sie in einem Krippenspielmuseum im Traismaurer Schloss zu sehen sein.

Von der Barockzeit bis in die Gegenwart
Die Geschichte des Krippenspiels reicht bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurück und ist eng mit der Handschuhmacher-Familie Scheibel verbunden, die mit den Aufführungen des weihnachtlichen Puppenspiels in Wirtshäusern ihre Familienkassa aufbesserte. Ferdi Scheibel schuf um 1810 die ersten Figuren und die Fassung des Spiels mit 29 Liedern. Sein Sohn Ludwig zog mit der Bühne am Rücken in der Zeit zwischen Advent und Maria Lichtmess (2. Februar) von Gasthaus zu Gasthaus, wo er zusammen mit seiner Frau die verschiedenen Szenen spielte und sang.

„Diese Art von volkstümlichen Spielen, die der Glaubensverbreitung auch außerhalb der Kirche dienen sollten, hat ihren Ursprung in der Zeit der Gegenreformation und erfreute sich großer Beliebtheit“, weiß Museums-Kurator Nedelko. Das mag auch daran gelegen haben, dass zusätzlich zu den biblischen Szenen – Herbergsuche, der Verkündigung der Geburt Jesu an die Hirten, Besuch der Heiligen Drei Könige – auch volkstümliche Figuren eingebunden wurden. So spielt die letzte Szene des Traismaurer Krippenspiels am Hauptplatz der Stadt, wie sie um 1800 ausgesehen hat. Dort treffen verschiedene Handwerker und Bürger aufeinander und kommentieren das Geschehen mit lustigen G´stanzln. Heute sind im deutschen Sprachraum nur mehr ganz wenige Krippenspiele dieser Art erhalten.

Die alten Figuren haben Wachsköpfe. Die Gewänder sind aufwändig gestaltet© Kustodiat Traismauer
Die alten Figuren haben Wachsköpfe. Die Gewänder sind aufwändig gestaltet

Neue Figuren
Jahrzehntelang sind Texte und Melodien des Singspiels nur mündlich weitergegeben worden. Erst 1920 hat der Volksliedforscher Raimund Zoder sich die Lieder von Ludwig Scheibel vorsingen lassen und sie in einem Buch herausgegeben. Nach dem Tod Scheibels gingen Bühne und Puppen in den Besitz der Gemeinde von Traismauer über. Die alten, viel benutzten Figuren mit den Wachsköpfen waren Anfang der 1930er Jahre allerdings in einem so schlechten Zustand, dass man sie nicht mehr für Aufführungen verwenden konnte. Auf Initiative einiger Traismaurer Bürger wurden neue, etwas größere Figuren aus Holz geschnitzt. Sie sind ebenfalls, je nach ihrem Stand, mit Gewändern aus groben Stoff oder prunkvolleren Kleidern aus Samt, Brokat oder Satin ausgestattet. Auch eine neue, größere Bühne wurde gebaut. Die Technik blieb die gleiche: Die Stabpuppen werden von den Puppenspielern in Führungsschienen bewegt.

Aufführung im Advent
Den Zweiten Weltkrieg überstanden das alte und das neue Krippenspiel in Kisten verpackt. Als man sie 1956 am Dachboden des Rathauses wiederfand, wurde die Tradition der Aufführungen wiederbelebt. Während die alten Figuren heute nur mehr im Museum ausgestellt werden, können die Zuschauer die „neuen“ Puppen jedes Jahr im Advent in Aktion erleben.

Gebannt beobachten Jung und Alt im bis auf den letzten Platz gefüllten Schlosssaal das Geschehen von der Geburt Christi auf der Bühne. Der Traismaurer Bürgermeister lässt es sich nicht nehmen und liest selbst die Einleitung, die die Zuschauer auf die Darstellung der Weihnachtsgeschichte einstimmen soll. Unter der Bühne sind vier Puppenspielerinnen versteckt, die die Figuren und Kulissen in den Rillen bewegen. Die barocken Melodien und Volkslieder werden vom Traismaurer Gesangsverein vorgetragen. Und wenn dann am Schluss Stubenmädchen und Rauchfangkehrer, Bandlkramer und Schuster, der böhmakelnde Schneider und der lustige Salzburger Bauer auftreten und Zuckerln von der Bühne fliegen, haben nicht nur die Kinder ihren Spaß!

Ursula Mauritz

Dezember 2017

Facebook Like aktivieren
 

Artikel kommentieren

144 + 1 =
 
 

0 Kommentare

 
 

Weitere Themen

Bisherige Beiträge / Brauchtum

  • In der Wallfahrtskirche wird alles leichter

    Der schwere Ballast des Lebens – schon viele haben ihn dort abgeladen, wo ein Brünnlein nicht versiegt und Sehnsüchte in den Himmel wachsen: in Maria Hollenstein

     
  • Hoch zu Ross

    Segen für Pferd und Reiter erbitten die Piesendorfer beim Leonhardi-Ritt. Rund um den 6. November finden an vielen Orten in Salzburg Pferdesegnungen und Reiterspiele statt.

     
  •