Reportage

"Ich bin das ganze Jahr für kranke Kinder da"

Für Susanne Saage, 53, ist immer ein bisschen Weihnachten. Auch wenn draußen die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern, denkt sie an Geschenke wie Legokästen, Puppen, Fußbälle, Plüschtiere und Spiele. Denn Susanne sorgt mit viel Einsatz dafür, dass Jahr für Jahr zu Weihnachten schwer kranke Kinder und deren Geschwister in den Kliniken eine Bescherung erleben

Was für eine Überraschung: Gerade hat das Kind sein Geschenk ausgepackt© Andrea Micus
Was für eine Überraschung: Gerade hat das Kind sein Geschenk ausgepackt

Mit einem Kombi, voll bepackt mit festlich eingewickelten Geschenken, wird sie auch in diesem Dezember in mittlerweile mehr als 26 Kliniken das Christkind spielen. Ihr Wunsch: „Wenigstens für Augenblicke sollen diese Kinder und auch ihre Angehörigen Schmerzen, Leid und Angst vergessen und sich freuen können. Ich möchte ihre Augen zum Leuchten bringen.“ Die Altenpflegerin aus dem westfälischen Sommersell weiß aus eigener Erfahrung, wie groß die Not der sterbenskranken Kinder ist. Denn ihr jüngster Sohn Moritz, 16, war auch einmal Patient und sie eine Mutter, bei der sich die Angst um das Leben des Kindes jeden Tag tiefer in die Seele fraß.

Ihre Geschichte beginnt im November 2001. Damals wird bei Moritz Leukämie diagnostiziert. Der Junge ist gerade neun Monate alt. Wochenlang lebt Susanne mit ihrem Sohn auf einer Isolierstation in einem winzigen Klinikzimmer, kaum sechs Quadratmeter groß. Komplett ist die Familie in dieser Zeit nur noch am Wochenende. Dann kommt Vater Ansgar, heute 53, nach der Arbeitswoche mit den Kindern Felix, heute 18, und Dennis, heute 30, um seine Frau für ein paar Stunden am Krankenbett abzulösen. Zu Weihnachten darf die Familie kurz auf die Station. Es gibt Weihnachtsgeschenke für Moritz, doch niemand denkt an seine beiden Geschwister. „Das hat mir damals das Herz zerrissen, dass sie so danebensaßen und ich dachte: Das darf es nie wieder geben.“

In vielen Geschäften werden Geschenke für kranke Kinder gesammelt und anschließend liebevoll verpackt© Andrea Micus
In vielen Geschäften werden Geschenke für kranke Kinder gesammelt und anschließend liebevoll verpackt

Weihnachten 2002 ist sie vorbereitet. Wenn Moritz schläft, geht sie an die Bettchen und fragt sowohl die Kranken als auch die Geschwisterkinder, was sie sich zu Weihnachten wünschen. Die entsprechenden Sachen organisiert sie bei Firmen und Geschäften. Hübsch verpackt verteilt sie die Geschenke Heiligabend in der Klinik. „Das tat mir einfach gut. Es war wie Sonne in der Dunkelheit“, sagt sie rückblickend. Susanne führt in den folgenden Jahren ihre Geschenke-Aktion weiter. Mittlerweile ist Moritz gesund, ein fröhlicher Junge. Heute könnte sie sich ausruhen, die schweren Zeiten hinter sich lassen und ihr Glück genießen, aber kämpft weiter für die anderen kranken Kinder.

Jahr für Jahr zaubert sie mit den Geschenken ein Lächeln in ihre Gesichter. Kernstück sind heute die Geschenketische, die mittlerweile in der Vorweihnachtszeit in mehr als 30 Geschäften und 20 Städten in ganz Deutschland aufgebaut sind. Darauf stehen die Dinge, die sich die Kinder wünschen und jeder, der helfen will, kann etwas davon kaufen. Und das Engagement der „Löwenmama“, wie Ärzte und Pfleger Susanne liebevoll nennen, wird von Jahr zu Jahr größer. Viele Stunden ist sie rund ums Jahr für „ihre“ Kinder unterwegs. Wie sie das schafft, neben ihrer Arbeit als Altenpflegerin, dem Haushalt mit großem Garten, dem Nebenjob als Sportlehrerin in einer Grundschule und Fitnesstrainerin im Sportverein? Susi strahlt, erzählt fröhlich und immer lächelnd, was sie antreibt. „Mein Kind lebt, dafür bin ich sehr dankbar. Ich will etwas von diesem Glück zurückgeben.“

Zeitweise kommt sie damit an ihre Grenzen. „Klar gibt es Zeiten, da bin ich ganz schön gestresst, kann nachts schlecht schlafen und fühle mich tagsüber hibbelig“, gibt sie zu. Aber es ist ihre große Liebe zu allen Kindern und ihre Dankbarkeit für Moritz´ Gesundheit, die sie antreiben. Für sich selbst lehnt Susi Weihnachtsgeschenke ab und sagt: „Ich werde jeden Tag beschenkt. Wenn ich Moritz heute im Garten Fußball spielen sehe, habe ich für immer das schönste und größte Weihnachtsgeschenk für den Rest meines Lebens bekommen. Ich brauche nichts anderes mehr.“

Andrea Micus

Dezember 2017

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