Das Gespräch

Eine mutige Kirche hat Zukunft

2017 feierte die evangelische Kirche 500 Jahre Reformation unter Beteiligung der katholischen Kirche. stadtgottes sprach mit dem Ratsvorsitzenden der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, über die Situation der Kirchen

"Dankbarkeit, Vergebung und Hoffnung sind die Grundlage eines erfüllten Lebens", sagt Heinrich Bedford-Strohm© Michael Englert
"Dankbarkeit, Vergebung und Hoffnung sind die Grundlage eines erfüllten Lebens", sagt Heinrich Bedford-Strohm

Margot Käßmann hat in Bezug auf die beiden großen christ­lichen Kirchen den Satz gesagt: „Es verbindet uns mehr als uns trennt“. Hat das Jubiläumsjahr zu mehr Verbundenheit geführt?
Ja. Zum ersten Mal haben wir ein rundes Reformationsjubiläum, das in den vergangenen Jahrhunderten ein Datum der Abgrenzung war, im ökumenischen Geist gefeiert. Luthers Intention war, Christus neu zu entdecken, er wollte keine neue Kirche gründen. Die Reformation war eine religiöse Erneuerungsbewegung. Deswegen haben wir uns als evangelische Kirche ganz bewusst entschieden, das Reformationsjubiläum als ein großes Christusfest zu feiern und dazu auch die katholische Kirche einzuladen.

Gelebte Ökumene erfahren wir in gemeinsamen Gottesdiensten und sozialem Engagement. Die Sehnsucht nach Einheit ist groß. Welche Hindernisse stehen einer gemeinsamen christlichen Kirche im Weg?
Es gibt Unterschiede im Amtsverständnis, die auch zu unterschiedlicher Interpretation der Eucharistie oder des Abendmahls führen. Ich bin der Überzeugung, dass diese Unterschiede heute nicht mehr kirchen-trennend sind.

Wie könnte eine Einheit aussehen?
Als Kirchen sollten wir eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit anstreben. In der wir nicht unsere Traditionen über Bord werfen müssen, in der wir auch nicht alle gleich sein müssen und schon gar nicht eine, in der wir eine Großorganisation sein müssen. Sondern eine Kirche, die ihre Traditionen in den Unterschieden durchaus pflegen kann, den Kern unseres Glaubens, nämlich das Christuszeugnis, aber gemeinsam lebt. Dazu gehört auch, dass wir Leib Christi und Blut Christi teilen, also am Mahl des Herrn gemeinsam teilnehmen können. Ich hoffe sehr, das noch zu erleben.

Die katholische Kirche ist hier anderer Auffassung.
Papst Franziskus hat bei seinem Besuch der lutherischen Gemeinde in Rom einen Abendmahlkelch mitgebracht und gesagt: „Redet mit dem Herrn und schreitet mutig voran.“ Dass er unlängst bei der Reformationsfeier im schwedischen Lund die gemeinsame seelsorgerliche Verantwortung für Eucharistie und Abendmahl betont hat, geht in die gleiche Richtung. Gegenwärtig ist die Frage der Eucharistie für konfessions­verbindende Eheleute in der Deutschen Bischofskonferenz Thema. Wir gehen mit viel Rückenwind aus dem Reformationsjubiläum auch in diese konkreten Fragestellungen.

Die Menschen sind ständig auf der Suche nach Glück, Erfüllung, dem Sinn des Lebens. Sie sagen, es gibt keine bessere Grundlage für ein erfülltes Leben als die christliche Botschaft der Bibel. Wie kommen Sie darauf?
Vieles, was Glücksforscher als die Kernpunkte eines glücklichen Lebens ermitteln, sind die Themen, die den Kern der biblischen Überlieferung ausmachen.

Die da wären?
Sie nennen Dankbarkeit, Vergebung und Hoffnung als Grundlage eines erfüllten Lebens. Der Dank ist eine zentrale Dimension des Betens. Die Dinge nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern als Geschenk Gottes. Das Reden von Schuld und Vergebung prägt unsere christliche Tradition als etwas, was uns nicht klein macht, sondern der erste Schritt zur Befreiung ist. Nur wer auf die eigenen dunklen Seiten schaut, kann wieder frei werden: „Vergib uns unsere Schuld und wir vergeben unseren Schuldigern.“ Paulus sagt: „Nun aber bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Die Bibel lehrt uns, aus der Hoffnung leben zu lernen und nicht zu verzweifeln.

Heinrich Bedford-Strohm© Michael Englert

Jedes Jahr verlieren die katho­lische und die evangelische Kirche zahlreiche Mitglieder durch Kirchenaustritte. Sehen Sie diese Entwicklung mit Sorge?
Natürlich schmerzt jeder Kirchenaustritt. Im Gegensatz zu den 50er-Jahren, als die Menschen mit Sanktionen oder Ausgrenzung rechnen mussten, wenn sie aus der Kirche ausgetreten wären, sind die Kirchenmitglieder heute aus Freiheit Teil der Gemeinschaft der Kirche. Insofern sind die heutigen Austrittszahlen nicht mit denen früherer Jahrzehnte vergleichbar. Auch unsere jüngste Kirchenmitgliedschaftsstudie besagt, dass die heutigen Mitglieder ihrer Kirche sehr viel verbundener sind.

Martin Luther hat gesagt: „Du musst so vom Glauben sprechen, dass es die Menschen berührt.“ Die Botschaft Jesu sollte im Herzen treffen. Sprechen wir zu emotionslos über den Glauben?
Gerade in Deutschland, wo wir eher von einer Kultur der Nüchternheit geprägt sind, wäre es bestimmt ein Gewinn, wenn wir mehr Mut hätten aufeinander zuzugehen, begeistert vom Glauben zu sprechen und ihn zu erleben. Auf Christen aus Afrika wirken unsere Gottesdienste bisweilen geradezu starr, und diese Menschen motivieren uns, in die Hände zu klatschen, uns zu berühren. Ich glaube, davon können wir viel lernen.

Sie sagen: Eine mutige Kirche hat Zukunft, Kirche muss sich spiri­tuell erneuern, Christentum ist politisch oder es ist kein Christentum. Eine Gesellschaft ohne Religion verliert ihren Halt. – In welchen Bereichen muss die Institution Kirche mutiger werden?
Wir brauchen Menschen, die von der Güte Gottes wissen, von Barmherzigkeit reden und aus Dankbarkeit leben. Wir müssen ausstrahlen, wovon wir reden.

In unserer heutigen globalen Welt gibt es zahlreiche spirituelle Angebote, die Menschen begeistern. Wie kann eine spirituelle Erneuerung der Kirche aussehen?
Für mich ist es sehr wichtig, dass wir mit Menschen, die mit der Kirche nichts zu tun haben oder vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht haben, ins Gespräch kommen. Ich möchte deutlich machen, dass man nicht in fernöstlichen Religionen suchen muss, um zu entdecken, dass Meditation, Stille und innere Stärkung wichtige Quellen für ein gelingendes Leben sind. Dies sind urchristliche Traditionen.

Warum finden Menschen diese Quellen anscheinend nicht im christlichen Glauben?
Viele haben ein Kirchenbild der Vergangenheit im Kopf, das nicht gerade inspirierend wirkte. Aber da hat sich vieles geändert. Ich persönlich erlebe in den Gemeinden Menschen, die sich engagieren und mit Begeisterung ihren Glauben leben. Deswegen brauchen wir Formate, bei denen wir nicht warten, dass die Leute in die Kirchen kommen, sondern wo wir zu den Menschen gehen.

Welche Formate sind das?
Öffentliche Mahle auf Marktplätzen, Vesperkirchen, Jugendcamps. Vieles davon konnten wir während des Reformationsjubiläums erfolgreich ausprobieren. Das macht Mut für die Zukunft.

Was ist für Sie die größte Herausforderung?
Den Glauben an die junge Genera­tion weiterzugeben.

Wie wollen Sie das machen?
Man muss früh beginnen, zum Beispiel mit einer ansprechenden Kinderbibel. Für junge Menschen müssen wir liturgische Formen im Gottesdienst anbieten, die die Jugendlichen von der christlichen Botschaft begeistern. Wir haben gerade jetzt im Reformations­sommer in Wittenberg hervor­ragende Erfahrungen mit beson­deren Jugendcamps gemacht, in denen die Jugendlichen Glauben und Gemeinschaft in besonderer Weise erfahren haben. Das alles sind Versuche, auf die Bedürfnisse junger Menschen von heute einzugehen und sie dafür zu gewinnen, dass der Gottesdienst etwas Kraftvolles im Leben sein kann.

Was halten Sie von einem Religionsunterricht, der katho­lische und evangelische Kinder gemeinsam unterrichtet, wie dies ab dem nächsten Schuljahr in Nordrhein-Westfalen möglich ist?
Die gemeinsamen ökumenischen Schnittmengen sind so groß, dass es eine gute Idee ist, zwischen den Konfessionen stärker zu ko­operieren.

Haben Sie den Eindruck, dass die Kirche durch das Lutherjahr zu einer Kraftquelle der Hoffnung geworden ist?
Ja, das Jubiläumsjahr hat unsere Hoffnungen weit übertroffen. Es haben viele tausend Veranstaltungen in Deutschland, Europa und der ganzen Welt stattgefunden, die die Tradition des christlichen Glaubens – in ökumenischer Perspektive – wieder neu in die Herzen gebracht haben. Ich habe verschiedene Gespräche, gerade auch in Ostdeutschland, geführt. Mit Menschen, die bisher Distanz zur Kirche gespürt haben und jetzt sagen, dass Kirche viel interessanter ist, als sie dachten. Die nun für ein Leben mit der Kirche bereit sind. Und das ist schön.

Melanie Fox

Januar 2018

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Zur Person

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, 57, seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Vorsitzender des Rates der EKD. Der Autor zahlreicher Bücher, wie „Funkenflug – Glaube neu entfacht“, hat Theologie, Rechtswissenschaften, Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.