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Kein Geld für den Pfarrausflug

Eine Plattform in der Erzdiözese Wien nimmt sich des Themas Altersarmut bei Frauen an. In der „Vollpension“ können Rentnerinnen dazuverdienen.

Mit Kuchenbacken bessern sich die Omas die Rente auf© Henning Klingen/Kathpress
Mit Kuchenbacken bessern sich die Omas die Rente auf

Gertrude K. freut sich jede Woche auf die Treffen des Seniorenclubs in ihrer Pfarre. Seit ihrer Scheidung hat die 65-Jährige hier Anschluss gefunden. Doch bei der Wallfahrt nach Assisi ist Frau K. nicht dabei und auch den Ausflug ins Freilichtmuseum lässt sie aus: „Ich muss auf die Enkelkinder aufpassen.“ – „Wie Frau K. geht es immer mehr älteren Frauen“, weiß Renate Moser von der Seniorenpastoral der Erzdiözese Wien. „Sie können an Bildungsangeboten und Ausflügen nicht teilnehmen, weil die Kosten für sie aufgrund der niedrigen Pension nicht erschwinglich sind.“ Aus Scham schweigen die Frauen meist über die wahren Gründe, warum sie nicht mitkommen.

„Altersarmut bedeutet nicht nur, dass das Einkommen unter einer bestimmten Summe liegt, sondern auch, dass die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr leistbar ist. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück und vereinsamen“, betont Moser. Zusammen mit anderen diözesanen Einrichtungen arbeitet Moser an einer Plattform gegen Altersarmut. Initiiert wurde sie von der Seniorenpastoral gemeinsam mit der Kontaktstelle für Alleinerziehende und der Plattform Wiederverheiratete Geschiedene. „Altersarmut beginnt bereits vor der Pension“, erklärt Renate Moser. „Früher wurden zur Berechnung der Pension die besten 15 Jahre herangezogen, heute die gesamte Erwerbsdauer. Für Frauen bedeutet das: Kindererziehungszeiten und Teilzeitjobs reduzieren die Pension.“ Vielen Frauen ist nicht bewusst, dass ihnen die fehlende Höhe des Gehalts einmal „nachhängen“ kann. „Wir appellieren an die Frauen, sich nicht darauf zu verlassen, dass ihr Mann sowieso gut verdient“, sagt Moser. Das Leben verläuft nicht immer geradlinig: Scheidung, Arbeitslosigkeit oder Krankheit des Ehemannes oder sein früher Tod können die Einkommenssituation rasch ändern.

Jobs für Omas
Ihr geringes Einkommen veranlasst viele Pensionisten, einen Job zu suchen – doch die sind äußerst rar. „Ich weiß, dass einige Frauen, die beim Omadienst des Katholischen Familienverbands arbeiten, diese Tätigkeit auch aus finanziellen Gründen ausüben“, berichtet Renate Moser. Ein Vorzeigeprojekt, das Arbeitsplätze für ältere ArbeitnehmerInnen schafft, ist die „Vollpension“. In dem Wiener Kaffeehaus backen und servieren „Omas“, die sich etwas dazuverdienen wollen, Seite an Seite mit jungen MitarbeiterInnen. „Bei uns arbeitet zum Beispiel eine Dame, die mit ihrem Mann viele Jahre im Ausland lebte und fünf Kinder großgezogen hat. Nach ihrer Scheidung kehrte sie nach Österreich zurück und hat nun rund 400 Euro Pension, mit der Ausgleichszulage kommt sie auf 850 Euro im Monat, das ist weit unter der Armutsgrenze“, erzählt Julia Krenmayr.

Als Krenmayr und ihre Mitgründerinnen sich für ihr Konzept „Kuchen wie bei Oma“ auf die Suche nach älteren Frauen mit Freude am Backen machte, bemerkten sie rasch, dass das „Dazuverdienen“ einen nicht uninteressanten Aspekt darstellte. Ebenso wichtig sei den Frauen, die oft keine Familie (vor Ort) haben, jedoch die Gemeinschaft zwischen Jung und Alt in der „Vollpension“. Denn: „Wer finanziell eingeschränkt ist, geht nicht mehr fort und vereinsamt schließlich, Altersdepressionen können die Folge sein – eine Abwärtsspirale.“

Mit ihrem Kaffeehaus-Konzept wollen Krenmayr und ihre KollegInnen zeigen, dass ältere Menschen viel Potential haben. „Bei uns herrscht meist eine gute Stimmung und ein Schmäh zwischen den Omas und den Jungen“, betont Krenmayr. „Die Frauen sehen die Arbeit nicht als Belastung, sondern sagen: Mit 65 nehme ich mein Leben noch einmal in die Hand. Das spüren auch unsere Gäste.“

Ursula Mauritz

Januar 2018

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