Reportage

"Willkommen auf meiner Safranfarm"

Wenn Christine Lingl, 56, auf ihrer Terrasse frühstückt, duftet es nach Jasmin und Rosen. Sie hört Vögel zwitschern und genießt den Blick über grüne Felder auf die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges. „Es ist unwirklich schön hier“, sagt sie leise und saugt genüsslich die milde Luft ein. Von Andrea Micus

Christine mit ihren Mitarbeiterinnen bei der Ernte in Marrakesch. Für ein Gramm Safran bückt sich eine Arbeiterin bis zu 200 Mal© Andrea Micus
Christine mit ihren Mitarbeiterinnen bei der Ernte in Marrakesch. Für ein Gramm Safran bückt sich eine Arbeiterin bis zu 200 Mal

Christines Paradies ist in Marokko, 30 Kilometer vor den Toren von Marrakesch. Hier hat sich die gelernte Hotelkauffrau aus Basel ein 2,5 Hektar großes Grundstück gepachtet, baut darauf Kräuter an wie Rosmarin und Thymian, Salbei und Zitronengras, dazu tropisches Obst und jede Menge Rosen und das teuerste Gewürz der Welt: Safran. „Es ist eine wohlduftende Mischung aus allem, ein richtiger Garten Eden eben“, sagt sie lachend. Christines Weg ins blühende Paradies war aber ein Weg mit Umwegen. 2006 kommt sie zum ersten Mal nach Marokko. Damals fühlt sie sich müde, ausgelaugt. Sie will künftig alles anders machen, aber was genau, das weiß sie nicht. Um Klarheit in ihre Gedanken zu bekommen, bucht sie eine Wüstenreise. Und was sie dabei erlebt, verändert ihr Leben. „Besonders die Nächte unter dem klaren Sternenhimmel haben meine Seele tief berührt. Diese Stille und Weite, das ging ganz tief hinein. Ich spürte, dass jemand über mich wacht und damit auch völlig neue Schwingungen in mir. Ich fuhr nach Hause und war ein anderer Mensch“, erinnert sich Christine.

Die Hektik in Basel ist ihr plötzlich fremd. Sie will ein anderes Leben und weiß jetzt auch welches. Sie will frei sein und anderen Menschen helfen. Ihre Idee: Sie möchte in Marokko ein kleines Grundstück mit Haus kaufen und selbst Wüstentouren anbieten, dabei den erlebten Zauber dieser unvergleichlichen Landschaft weitergeben. Entschlossen wickelt sie ihr altes Leben ab, gibt ihre Wohnung auf, verkauft die Möbel. 2008 düst sie mit ihrem Auto in den Süden Marokkos, auf dem Konto die Ersparnisse ihres Arbeitslebens. Was sie im Rausch des Neuanfangs nicht ahnt: Damit ist sie ein gefundenes Fressen für Betrüger. Auf den Rat eines marokkanischen Bekannten kauft sie ein wertloses Grundstück und verliert alles. 2010 steht sie mit leeren Händen da.

Nur einmal im Jahr ist Erntezeit des Safrans, dann helfen viele fleißige Hände auf den Feldern mit© Andrea Micus
Nur einmal im Jahr ist Erntezeit des Safrans, dann helfen viele fleißige Hände auf den Feldern mit

Christine gibt nicht auf und wagt etwas ganz Neues
Christine steht jetzt vor der Entscheidung, ihren Traum aufzugeben und in die Schweiz zurückzukehren oder ganz von vorn zu beginnen, ohne Geld! „Es war eine schwere Zeit und es gab Wochen, in denen ich zutiefst verzweifelt war. Es ging mir schlecht, sehr schlecht. Aber ich habe mich geschüttelt und weitergemacht. Ich wollte um meine Träume kämpfen.“ Es hilft ihr, dass sie sich nie allein fühlt. „Ich habe immer gespürt, dass Engel meinen Weg begleiten und mich schützen. Ich wusste, mir kann nichts passieren und irgendwann schicken sie mir ein Zeichen.“

Das kommt in Gestalt einer marokkanischen Lehrerin aus der Nachbarschaft. Die spricht Christine an. „Ich hatte Mühe, wieder jemandem zu vertrauen, aber sie machte mir Mut, in Marokko etwas Neues zu wagen.“ Als sie in der Nähe ein Grundstück pachten kann, krempelt Christine die Ärmel hoch. Sie zieht in das kleine, gerade mal 50 qm große Lehmhaus, bewirtschaftet mithilfe einiger Berber aus den nahegelegenen Dörfern das fruchtbare Gelände. Was sie an Kräutern, Früchten, Rosen und Safran erntet, verkauft sie regional, aber auch in ganz Europa. Besonders ihr Safran ist beliebt. Im Erntemonat November arbeiten 50 Frauen aus der Umgebung auf ihren Feldern. Das Ergebnis ist mager: „Für ein Kilo müssen die Frauen hier bis zu 200 000 Blüten in die Hand nehmen. Eine Pflückerin schafft zwischen 60 und 80 Gramm pro Tag“, erklärt Christine.

Jetzt kommen Menschen aus aller Welt zu ihr
Nach und nach erarbeitet sich Christine so eine neue Existenz. „Ich brauche hier nicht viel“, sagt sie. „Das Leben spielt sich draußen ab, in der grandiosen Natur, und Konsum interessiert mich nicht mehr.“ Sie steckt ihr Geld und ihre Energie lieber in ihr Anwesen, und nach und nach wird das Gelände immer blühender. „Als mich eine Freundin besuchte und von meinen wunderbaren Pflanzen und Früchten schwärmte, kam mir die Idee, meinen Garten zu öffnen.“ Mittlerweile kommen Urlauber aus Marrakesch und nahegelegenen Hotels, um sich bei Christine in ihrem „Le Paradis du Safran“ (www.paradis-du-safran.com) umzusehen, den neuen Barfuß-Weg zu erleben und frischen Pfefferminztee zu genießen. „Ich bin angekommen. Und jeder sieht, dass ich glücklich bin.“

Andrea Micus

Januar 2018

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Geduldsarbeit: Die Pflückerin öffnet die Safranblüten und holt die Fäden heraus© Andrea Micus
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Safran ist eine Krokus-Art, die im Herbst violett blüht. Die süß-aromatisch duftenden Stempelfäden dieser Blüten werden getrocknet als Gewürz verwendet. Safran blüht nur einmal im Jahr für wenige Wochen. Dann wird das „rote Gold“ aufwendig geerntet. Für ein Kilo Safran braucht man bis zu 200 000 Blüten. Ein Pflücker „zupft“ 60 bis 80 Gramm am Tag. Hauptanbaugebiet ist der Iran, kleine Mengen werden neben Marokko auch in den Mittelmeerländern geerntet. Safran hat ein einzigartiges fein-herbes Aroma und gibt Gerichten eine gelbe Farbe, daher ist er besonders für Reisgerichte beliebt.