Steyler Welt

Hugoline hilft

Seit 50 Jahren setzt sich Hugoline Deselaers für kleine Krebspatienten und Leprakranke ein. Dabei sahen ihre Lebenspläne ganz anders aus. stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner traf sie in Steyl.

Eigentlich wollte sie nie Ordensfrau werden, aber heute weiß sie: Es sollte alles genau so sein© Heinz Helf SVD
Eigentlich wollte sie nie Ordensfrau werden, aber heute weiß sie: Es sollte alles genau so sein

Mit 85 Jahren hat man viel erlebt. Schwester Hugoline hat noch mehr gesehen. Vieles hat sie fotografiert. Ruhig blättert sie durch den Stapel mit Fotos: Kinder, denen der Krebs aus dem Nabel wächst. Ein Tumor an der Nase eines Neunjährigen: Er kann nicht essen, ohne den Fleischlappen dabei anzuheben. Von Lepra zerstörte Augen, Hände ohne Finger. Jedes Bild erzählt vom Leid. Und von der Hoffnung auf Hilfe.
Schwester Hugoline Deselaers ist alt, aber sie hilft, wo sie kann. Aus der ganzen Umgebung schickt man ihr Kinder. Krank, behindert, ungewollt. Die Ärzte im katholischen Krankenhaus der Millionenstadt Surabaya operieren die kleinen Patienten unentgeltlich. Nur die Medikamente, den OP-Raum und die Fahrtkosten muss Schwester Hugoline bezahlen. Und selbst dieses Geld hat sie oft nicht. 

Sie hat sich ihren Realismus bewahrt, die Bauerntochter aus Geldern am Niederrhein, die vor 50 Jahren bei den Steyler Missionsschwestern eintrat – als Jüngste einer Familie mit sieben Geschwistern. „Dabei wollte ich nie ins Kloster gehen. Lieber Gott, habe ich gebetet, lass mich bloß keine Nonne werden.“ Aber die Liebe zu den Menschen hat sie gelockt, „zu den Schwatten“ wollte sie, nach Afrika.

Den reichen Mann gab sie auf
Bei ihrer Einkleidung in Steyl kam niemand aus ihrer Familie. Nur der Mann, der sie liebte und unbedingt heiraten wollte. „100 Mark hat er mir in den Saum meines Kleides genäht: Damit du wiederkommen kannst, wenn du es nicht aushältst, hat er gesagt.“ Das versteckte Geld brauchte Schwester Hugoline nicht: Sie hat nie bereut, dass sie nach fünf Jahren Beziehung einen reichen Mann aufgab. Und ihren Namen, Elisabeth, an dem sie so hing. „Den Namen Hugoline, den ich bei der Einkleidung bekam, habe ich immer gehasst. Klingt doch wie am 1. April!“ Doch als sie Jahre später in Rom bat, sie wieder zur Elisabeth zu machen, schüttelte die Generaloberin den Kopf: „Ganz Indonesien kennt Hugoline. Das können wir nicht ändern.“ Schwester Hugoline lacht. Das Leben sprüht aus ihr, und in dem alten Gesicht ist noch viel zu sehen von der Schönheit, die die junge Frau besaß. 

Viele Fotos von schwer kranken Kindern hat Schwester Hugoline zum Gespräch mitgebracht© Heinz Helf SVD
Viele Fotos von schwer kranken Kindern hat Schwester Hugoline zum Gespräch mitgebracht

Wenn sie sich an ihre Anfänge im Kloster erinnert, wird mir bewusst, wie alt sie ist und wie sehr sich das Ordensleben seitdem verändert hat. Sie erzählt von der kostbaren Aussteuer, die sie abgab, und der alten, vielfach geflickten Wäsche, die sie stattdessen anziehen musste. Davon, dass sie nicht einmal einen Blick in ihr Elternhaus werfen durfte, als sie nach 14 Jahren zum ersten Mal wieder nach Deutschland kam. Von den Tränen, die sie vergoss, als sie nicht nach Afrika, sondern nach Indonesien geschickt wurde. Dort war eine finanzielle Katastrophe ausgebrochen: Ein Krankenhaus war mit Geld von Misereor gebaut worden, aber es fehlten Belege. Die Hilfsorganisation forderte ihr Geld zurück. Nie wieder, so schwor die Generaloberin, sollte so etwas passieren. Und schickte Schwester Hugoline erst auf die Höhere Handelsschule, dann in die Prokur. Dort arbeitet sie seit 50 Jahren. „Ich rechne alles immer sauber ab, jeden Pfennig, den ich kriege“, sagt sie energisch. „Ich weiß, wie schnell man Vertrauen verspielen kann.“

Die gelernte Kinderschwester, die plötzlich über Kontoauszügen brüten musste, machte ihre Menschenliebe zum Hobby. Die Hilflosen – Kinder, Behinderte, Weggeworfene – rühren ihr Herz. Und weil Mitleid allein nicht hilft, handelt sie. Manchmal gegen alle Konventionen. „Wir hatten ein Baby da, das an Krebs starb. Ich habe es auf dem Friedhof der Schwestern und der Missionare begraben, mit einer Tafel, auf der Name und Sterbedatum standen. Drei Tage später kam der Bischof zu mir. ,Ist das Ihr Kind, Schwester?‘, fragte er mich. Da war ich so zornig und sagte nur: ,Nein, aber vielleicht das vom Bischof!‘“ Über das verdatterte Gesicht des Kirchenfürsten lacht sie heute noch. Um dem Gerede zu entgehen, nahm sie das Schild weg. „Nun schläft es da zwischen meinen Mitschwestern und hat einen guten Platz“, lächelt sie.

Hugoline rettet das Baby
Viele Kinder sterben trotz der Behandlung, weil der Krebs weit fortgeschritten ist oder die Operation zu schwer war. Schwester Hugoline trägt sie auch zu Grabe. Denn oft kommt niemand, um die kleinen Leichen abzuholen, viele Eltern sind froh, die Last los zu sein. Tina von der Insel Sumba war auch ein Kind, das niemand wollte. Die Füße verkrüppelt, von Polio gezeichnet. Tinas Vater hatte fünf Frauen, da war ein behindertes Kind wie Tina überflüssig. „Als Junge hätte sie vielleicht eine Chance gehabt, aber als Mädchen ...“ 

Ein Missionar fand das fünf Monate alte Baby in einem Reisfeld und nahm es mit zu Schwester Hugoline. Viele Operationen später brachte eine Hebamme aus dem Krankenhaus Tina zu ihren Eltern zurück. Die nahmen sie und setzten sie tief im Wald aus – diesmal sollte kein Missionar das schreiende Bündel finden. Doch Tina hatte Glück oder einen wachsamen Schutzengel: Sie wurde gefunden, und Schwester Hugoline wusste: Für dieses kleine Mädchen würde sie die Mutter sein müssen. „Ich bin dann nach Sumba und habe mit der Familie verhandelt, dass sie mir das Mädchen offiziell abtreten. Sonst hätten sie mich am Ende noch wegen Entführung verklagt! Aber das war kein Problem: Das Dorf hat sogar noch ein Fest veranstaltet, weil ich ihnen das Kind abnahm!“Bei Mama Hugoline blühte Tina auf. Eine bildhübsche junge Frau sei sie geworden, sagt Schwester Hugoline stolz. „Sie hat Krankenpflege studiert und bildet sich im Laborbereich in unserem Krankenhaus weiter.“ 

Seit Jahrzehnten besucht Schwester Hugoline die Leprakranken und sorgt für sie. Angst vor Ansteckung hat sie nicht© SSpS
Seit Jahrzehnten besucht Schwester Hugoline die Leprakranken und sorgt für sie. Angst vor Ansteckung hat sie nicht

Zwei- bis dreimal im Monat fährt Schwester Hugoline dahin, wo niemand freiwillig hingeht. Das Lepradorf Sumberglagah liegt hoch in den Bergen, 60 Kilometer von Surabaya entfernt. Hierher werden die gebracht, vor denen die Nachbarn und die eigene Familie sich fürchten. „Beim letzten Mal traf ich einen Kranken aus Kalimantan, der zu Hause eine Frau und sechs Kinder hatte. Er war ausgewiesen worden, die Familie musste er zurücklassen. Er hat so geweint!“

185 Familien leben hier. Ein staatliches Krankenhaus mit 40 Betten versorgt die Kranken, die kleine Schule haben die Schwestern aufgebaut. Wer hierher verbannt wird, erhält vom Staat ein Haus aus Bambus und auch Land, denn für ihren Lebensunterhalt sollen sie selbst sorgen. „Wie denn, wenn sie keine Hände haben, um zu pflanzen, und keine Füße, um hinterm Pflug zu gehen?“, ärgert sich Schwester Hugoline. Sie hat es mit einer Entenzucht im Dorf versucht und auch zwei Büffel gekauft, die beim Pflügen helfen sollten. „Beim nächsten Besuch waren alle Tiere aufgegessen. Klar – die Leute haben Hunger, da können sie nicht warten, bis etwas aufgebaut ist.“ 

Wenn sie jetzt kommt, bringt sie säckeweise Reis, Nudeln und Zucker mit. Eine Krankenschwester, die die Patienten berät. Einen Priester, der die Messe in der kleinen Kapelle feiert. „Dazu kommen alle, egal welchen Glauben sie haben!“ Schwester Hugoline weiß, dass selbst viele ihrer Mitschwestern Angst haben, mit den Aussätzigen in Kontakt zu kommen. „Solange ich kann, gehe ich dahin. Angst habe ich nicht!“  Müsste sie nicht kürzertreten, vielleicht in die Heimat zurückkommen? Schwester Hugoline sagt: „Vor 50 Jahren wollte ich dort nicht hin. Und jetzt will ich dort nicht mehr weg. Solange ich kann, helfe ich. Weil ich die Menschen liebe.“ 

Christina Brunner

Januar 2018

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