Das Gespräch

"Der größte Revolutionär auf Erden ist Papst Franziskus"

Jean Ziegler wirkt wie ein Getriebener und ist dennoch die Ruhe selbst. Er ist gegen den Pomp und Prunk der Kirche, konvertierte aber zum katholischen Glauben. Seit Jahrzehnten kämpft der 83-Jährige gegen die Geißel Hunger, gegen den Globalisierungswahn und für Frieden. Heute zählt er zu den charismatischsten Kritikern weltweiter Profitgier. stadt­gottes-Autor Thomas Pfundtner traf den Schweizer Soziologen und Gesellschaftskritiker

Jean Ziegler© Jörg Böthling

Herr Ziegler, wir sind in Hamburg, der Stadt, in der letztes Jahr der G20-Gipfel stattgefunden hat. Was verbinden Sie mit Hamburg?
Ich bin begeistert, was in Hamburg vor dem G20-Gipfel passierte. Es gab Veranstaltungen, Workshops, Diskussionsrunden und friedliche Demonstrationen, um den vermeintlich Mächtigen der Welt die Farce dieser Veranstaltung vor Augen zu führen. Ich weiß aber auch, dass Terror und Gewalt wie im Schanzenviertel weder die Mächtigen stört noch zu politischen Lösungen führt. Deshalb lehne ich diese Gewalt total ab.

Sie kämpfen gegen Hunger, Globalisierung und das Großkapital. Sind Sie ein Revolutionär?
Das Wort ist zu groß für mich.

Sie kannten doch Che Guevara?
Ja! Ich war sogar mal sein Chauffeur.

Erzählen Sie bitte.
Gern, aber das ist eine Ewigkeit her. Mal sehen, ob ich das noch zusammenkriege (lächelt). Ich war nach der Revolution oft auf Kuba. Als die erste Zuckerkonferenz in Genf anstand, rief mich der einzige Botschafter Kubas, den es gab, an und meinte, ich würde doch Che kennen und ob ich die Infrastruktur organisieren könne für die Delegation. Das waren fünf Commandantes de la Revolucion und vier Frauen. Mittendrin Che Guevara, in grüner Windjacke, mit schwarzem Barett und goldenem Kommandantenstern. Mit einigen Freunden habe ich ein kleines Auto – einen Morris – organisiert, war zwölf Tage der persönliche Chauffeur von Che.

Da war aber noch mehr!
Stimmt. Am letzten Abend im Hotel Grand Saconnex, ihrem Hauptquartier, sagte ich zu Che: „Commandante, ich will mit euch gehen.“ – „Komm her“, hat er geantwortet und ist mit mir ans Fenster gegangen und hat auf die Bucht von Genf geblickt. Überall glitzerten und funkelten die Leuchtreklamen der Banken und Unternehmen. Und Che sagte: „Das ist das Gehirn des Monsters. Da bist du geboren. Da musst du kämpfen.“ Dann war er weg.

Und Sie?
Ich war natürlich tief beleidigt. Heute weiß ich, eigentlich hat mir Che Guevara das Leben gerettet. Denn ich hatte überhaupt keine militärische Ausbildung, war Kriegsdienstverweigerer. Wäre ich mitgekommen, hätte ich nach ein paar Monaten irgendwo tot im Straßengraben gelegen. Und ich weiß, dass mir seine Antwort auch ein wenig Linie für mein Leben gegeben hat. Das heißt: in die bestehenden Institutionen einzutreten und ihre Macht für die eigenen Ziele zu nützen. Ich kämpfe mit der Waffe des Wortes gegen Ungerechtigkeit und soziale Kälte.

Wie würden Sie Ihre Lebens­leistung beurteilen?
Die Frage darf sich nicht stellen. Die Wolof im Senegal, ein uraltes, weises Volk, sagen: „Man kennt nicht die Früchte der Bäume, die man pflanzt.“ Das gilt auch für alle intellektuelle Arbeit. Ich weiß nicht, was von meinen Gedanken, Thesen ins Bewusstsein anderer eindringt und was es bei den Menschen bewegt. Ich weiß es nicht. Oft entzünden kleine Sätze den Funken, der Reaktionen und Veränderungen auslöst.

Zum Beispiel im Kampf gegen Hunger?

Ja. Es ist eine Schande, dass auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, alle fünf Sekunden ein Kind verhungert. 2016 starben 54 Millionen Menschen an Hungerkrankheiten, Epidemien oder Seuchen. Das wird von den politischen Systemen geduldet. Jedes verhungerte Kind ist für mich ein Mord. Vergessen Sie nicht: Der Hungertod ist eine der qualvollsten Todesarten. Das wird von der Wirtschaft und den politischen Systemen geduldet. Vergleichen wir doch einmal Vergangenheit und Gegenwart: Im Zweiten Weltkrieg gab es in sechs Jahren insgesamt 57 Millionen zivile und militärische Opfer. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Dritte Weltkrieg gegen die Völker der Dritten Welt längst begonnen hat. Und was tun die Herrschaftsschichten der reichen Welt? Nichts!

Jean Ziegler© Jörg Böthling

Wo kein Kläger, da kein Richter
Falsch. Vor hundert Jahren sind die Menschen, zum Beispiel aus Baden-Württemberg noch vor dem Hunger über die Meere geflohen. Heute könnten wir problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das sind gut fast fünf Millarden Menschen mehr als 2016 auf der Erde lebten – 7,418 Milliarden!
Heute gibt es keinen Mangel an Nahrung. Wenn doch, dann ist das von den Menschen gemacht.

Können Sie das belegen?
Acht Jahre war ich Sonderberater für das Recht auf Nahrung. Ich bin in die Hungergebiete gereist und habe regelmäßig Berichte darüber verfasst. Ich war zum Beispiel im Niger, in Brasilien, Indien, Bolivien oder Bangladesch. Die UNO hat darüber diskutiert. Aber hat sich was geändert? Nein! Im Gegenteil.
Der Hunger ist kaum zurückgegangen. In absoluten Zahlen wird er immer schlimmer. Im Moment sieht es nur anders aus, da die Bevökerung schneller wächst als Menschen im Vergleich dazu an Hunger sterben. Am Problem selbst hat sich kaum etwas geändert.

Wer ist schuld?
Da gibt es viele Aspekte. Was uns von den Opfern trennt, ist nur der Zufall der Geburt. 13 Prozent der Weltbevölkerung sind Weiße. Es waren nie mehr als 15 Prozent. Aber sie beherrschen die Welt seit 500 Jahren. Früher durch Waffen, Eroberung und Sklaverei. Heute leben wir in einer Weltdiktatur der Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals. Nach Weltbankstatistik beherrschten im vergangenen Jahr die 500 mächtigsten transkontinentalen Privatkonzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialproduktes (alle in einem Jahr auf der Welt produzierten Waren- und Dienstleistungen – die Redaktion). Diese Konzerne haben eine Macht, wie es nie ein Kaiser, ein König oder ein Papst je gehabt hat. Diese Konzerne sind jeder sozialen Kontrolle entflohen. Da stimmt doch etwas nicht.

Das ist aber nichts Neues. Das ist bekannt.
Möglich. Ich bezweifle aber, dass alle Menschen über meinen zweiten Schuldigen nachdenken: Eine der schlimmsten Gründe für das tägliche Hungersterben sind die Geierfonds. Das sind spekulative Investmentfonds mit Sitz in Steuerparadiesen, die sich vor allem mit dem Ankauf von Schuldtiteln auf dem Sekundärmarkt weit unter Nennwert befassen. Ihr Ziel besteht nur darin, maximale Profite einzufahren. Menschen spielen keine Rolle.

Wie gehen diese Fonds vor?
Es ist bekannt, dass alle Staaten, die von ihren Schulden erdrückt werden, regelmäßig für ihre Staatsanleihen eine Herabstufung aushandeln müssen. Eigentlich soll diese Herabstufung den Sinn haben, dass neue, umstrukturierte Schuldtitel herausgegeben werden können. Wenn also der Wert dieser Titel um 70 Prozent herabgesetzt wurde, erhält der Banker eine neue Schuldverschreibung mit 30 Prozent des ursprünglichen Schuldtitels. Das Problem: Die ursprünglichen Papiere verschwinden nicht, sondern sind weiter im Markt. Jetzt kommen die Geierfonds ins Spiel.

Wie?
Sie müssen wissen, diese Fonds verfügen über gigantisch gefüllte Kriegskassen – oft viele Milliarden Dollar. Geld für Anwälte – irgendwo auf der Welt – und für Prozesse, die sich über Jahre hinziehen können, ist ebenfalls im Überfluss vorhanden. Diese Geierfonds kaufen nun auf dem Sekundärmarkt die alten Schuldverschreibungen zu Niedrigstpreisen auf und verklagen dann die Schuldnerländer vor ausländischen Gerichten auf hundertprozentigen Ausgleich!

Was hat das mit den Grundnahrungsmitteln zu tun?
Ganz einfach. Ein Beispiel: 2002 fielen nach einer entsetzlichen Dürreperiode in Malawi mehrere zehntausend Menschen dem Hungertod zum Opfer. Von den elf Millionen Einwohnern waren sieben Millionen akut unternährt. Der Staat konnte den Menschen aber nicht helfen, weil er einige Monate zuvor seine 40 000 Tonnen eingelagerte Maisvorräte seiner „National Food Reserve Agency“ verkaufen musste. Der Grund: Ein Fonds hatte vor einem britischen Gericht Recht bekommen und die Verurteilung Malawis zur Zahlung mehrerer Zehnmillionen Dollar erreicht. Natürlich wurde die Zahlung fällig gestellt. Interessant in diesem Zusammenhang: Die Fonds reichen ihre Klagen bevorzugt bei amerikanischen oder britischen Gerichten ein. Da sind die Erfolgschancen am höchsten! Aber auch die Börsenspekulationen auf Grundnahrungs-, genauer gesagt allen Lebensmitteln, verschlimmern den weltweiten Hunger.

Wieso?
Steigen die Kurse, steigen die Preise für Mais, Reis oder Getreide. Die armen Menschen können sich diese Grundnahrungsmittel nicht mehr in ausreichender Menge leisten. Sinken die Kurse, sollten die Preise eigentlich fallen. Für die armen Menschen könnte das gut sein, aber entweder sind sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot oder aber die billigen Nahrungsmittel verschwinden in den Speichern einiger reicher Politiker und der Preis schießt wieder nach oben.

Wer kann das stoppen?
Zum Beispiel die Bundesregierung, indem sie derartige Spekulationen verbietet und die Hedgefonds schärfer und härter kontrolliert oder sie gleich ganz verbietet. Warum macht Ihr Finanzminister nicht Druck bei seinen Kollegen und setzt sich für eine Totalentschuldung der ärmsten Länder der Dritten Welt ein. Die 123 Entwicklungsländer haben zusammengenommen 2100 Milliarden Dollar Auslandsschulden. Das bedeutet, alles, was sie erwirtschaften, geht in die Schuldentilgung. Und das reicht nicht. Die Folge: Die Länder müssen immer mehr Rechte an ihren Rohstoffen verkaufen – ein Teufelskreis. Warum passiert nichts?! Der Grund ist klar: Damit würde er sich gegen das Großkapital stellen. Die Auslandsschulden sind ein Herrschaftsinstrument. Sie erzwingen die Privatisierung der öffentlichen Sektoren in den Entwicklungsländern.

Aber stellen Sie sich einen kompletten Schuldenschnitt vor: Dann könnten die Entwicklungsländer– gern auch mit Unterstützung der westlichen Welt – endlich in Schulen, Landwirtschaft, Kliniken oder Infrastruktur investieren. Das ist doch viel sinnvoller, als immer weniger Menschen immer reicher und immer mehr ärmer zu machen. Quasi mit staatlicher Genehmigung. Menschenwürdiges Leben für alle – das ist ein Gebot der Vernunft.

Auch Wasser kostenpflichtig zu machen ist ein Problem.
Ein großes! Wasser ist ein Grundnahrungsmittel, aber kein Menschenrecht. Schon heute fliehen Millionen vor Dürre und Trockenheit. Also vor dem Wassermangel. Es werden immer mehr. Eines Tages wird das ein größeres Problem für die westliche Welt als politischmotivierte Fluchten. Jetzt müssen wir uns nur vorstellen, Wasser aus Brunnen, Quellen oder Flüssen soll zum Beispiel vom Schweizer Konzern Nestlé zuerst privatisiert und dann profitträchtig vermarktet werden....

Eigentlich müssten Sie die Verantwortlichen für diese Pläne doch hassen?
Nein. Ich habe nichts gegen die Menschen an sich. Peter Brabeck-Letmathe, ehemaliger Präsident des Nestlé-Verwaltungsrates, treffe ich hin und wieder beim Skifahren. Ehrlich, ein Halunke ist das nicht, sondern ein kultivierter und anständiger Mann. Der tut aber meistens nur das, was seinen Shareholdern nützt. Ich war sehr gut mit Jean Paul Sartre befreundet. Er pflegte zu sagen: „Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt. Nicht, wer sie unterdrückt.“ Es geht nicht um Personen, es geht um die Gewaltstrukturen dieser Welt.

Jean Ziegler im angeregten Gespräch mit stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner© Jörg Böthling

Haben Sie Hoffnung, dass was passiert?
Mein Leben ist geprägt von Optimismus und Zuversicht. Viele Jahrzehnte wurde der These gefolgt, dass das Bevölkerungswachstum Ursache für den Hunger sei. Das ist völliger Blödsinn. Ich sagte vorhin schon, dass unsere moderne, hochtechnisierte Welt problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Welthunger als Folge von Überbevölkerung – damit soll nur das schlechte Gewissen der Industrienationen beruhigt werden. In vielen Gesprächen und Diskussionen spüre ich, dass die Zahl derjenigen, die nicht mehr nach den bisherigen gesellschaftlichen und kapitalistischen Voraussetzungen leben wollen, wächst. Von Tag zu Tag werden es mehr. Was aus dieser Bewegung entsteht, denn noch ist es nur ein ganz kleiner Anfang, welche gesellschaftliche Ordnung sich daraus entwickeln könnte, vermag heute noch niemand zu sagen. Aber, wenn diese neue planetarische Zivilgesellschaft wirklich entsteht, glaube und hoffe ich, dass alle Nationen diese neue Ordnung annehmen. Für mich steht fest: Nur die geistige Freiheit der Menschen kann diese Gesellschaft hervorbringen und die Abkehr vom Neofeudalismus schaffen.

Könnte es sein, dass Papst Franziskus eine Art Vorreiter dieser Bewegung ist?
Oh, ich bewundere Papst Franziskus. Ja, er könnte ein Pionier sein, denn er ist derzeit der größte Revolutionär auf unserer Erde.

Der Papst?
Absolut. Schauen Sie doch nur nach Rom, wie er die Kirche umkrempelt und dem Pomp den Kampf ansagt. Die stockkonservativen Kardinäle entmachtete er und setzt auf energische Leute, die das Wort Jesu Christi wieder lebendig werden lassen. Genau wie Jesus. Jesus ritt auf einem geliehenen Esel und verzichtete auf Sandalen. Jesus war für die Armen und Unterdrückten da. Jesus zerstörte den Tempel und griff die Selbstsucht der Priester an. Christus ist nicht auf die Welt gekommen, um sich des Reichtums und der Macht zu bemächtigen, sondern um diese zu zerschlagen. Im Matthäusevangelium, Kapitel 25 sagt er: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, habt ihr mir getan.“ All das macht Franziskus auch. Keinen großen Dienstwagen, keine Dienstwohnung. Stattdessen ein kleiner Flitzer und ein Zimmer in der Vatikan-Pension. Franziskus ist ein wahres Geschenk Gottes. Unser neuer Papst weiß, dass es ein neues Denken und eine neue Kategorie Mensch gibt. Menschen, die noch mehr für die neue Gesellschaft tun und gegen Armut kämpfen.

Menschen, die sich für die Unterdrückten und Ausgebeuteten einsetzen. Menschen, die für jene eintreten, die ausgeschlossen sind aus der Gesellschaft. Menschen, die nie eine Arbeit bekommen, nie eine Familie haben werden. Um die müssen wir uns kümmern, sagt der Papst, und erreicht damit immer mehr Frauen und Männer, die ebenso denken. Der Papst sagt, Menschen dürfen nicht behandelt werden wie Abfall. Ein Mensch, sagt der Papst, der bisher wie Abfall behandelt wurde, muss ab sofort behandelt werden wie du und ich. Das sind mehr als eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten. Franziskus hat recht.

Sie sind ja ganz begeistert von Papst Franziskus, dabei sind Sie bekanntermaßen doch gegen die Kirche.
Ich bin gegen die Macht, die Unterdrückung für die die Kirche seit zwei Jahrtausenden steht. Und ich bin gegen das Kapital, das die Kirche angehäuft hat. Zu Franziskus: Ja, ich bin begeistert, wie dieser Argentinier es schafft, sich an die Spitze einer neuen Bewegung zu setzen. Mit dem Herzen - nicht mit Geld. Aber er ist vielen Mächtigen ein Dorn im Auge. Deshalb ist es mein größter Wunsch, dass Papst Franziskus noch lange auf unserer Erde weilt und nicht ermordet wird.

Was hat der Fall der Mauer und das Ende der Blöcke bewirkt?
Nichts Gutes! Mehr kriegerische Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt. Eine hemmungslosere und rücksichtslosere Ausbreitung genau des Raubtierkapitalismus, vor dem Karl Marx und Friedrich Engels immer gewarnt haben. Und, eine Globalisierung, die das einzelne Individuum nicht mehr achtet, sondern bei Bedarf wegfegt. Insgesamt also ein hoher Verlust von Menschlichkeit. In dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski heißt es: „Jeder ist verantwortlich für alles vor allen.“

Schauen Sie auf Deutschland: Sie haben die lebendigste Demokratie in Europa. Es wird diskutiert und gerungen. Dennoch: Immer öfter bekommt der Außenstehende das Gefühl: Auch in Deutschland wird der Druck der Konzerne auf die demokratischen Institutionen, wie zum Beispiel der Biundestag oder die Kanzlkerin, jeden Tag stärker.

Was kann der Einzelne für eine bessere und gerechtere Welt tun?
Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand, um die kannibalische Weltordnng zu stürzen – demokratisch, friedlich. Beispiele: Wir könnten die Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel verbieten. Wir könnten das Agrardumping der EU in Afrika verbieten. Wir könnten die Totalentschuldung der ärmsten Länder in der dritten Welt durchsetzen.
Der kategorische Imperativ von Imanuel Kant ist mehr als nur eine Richtschnur. Er hat gesagt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werden.“ Und er hat auch gesagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem Anderen angetan wird, zerstört die Menswchlichkeit in mir.“ Wenn wir an diese Worte immer denken und entsprechend handeln, ändert sich die Welt. Davon bin ich überzeugt.

Welche Rolle spielt dabei die UNO, der Sie seit über 17 Jahren angehören?
Können Sie sich noch an die Zeit vom 9. bis 12. August 1941 erinnern? Damals trafen sich vor der neufundländischen Küste an Bord des Kreuzers USS Augusta der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill. Obwohl die Welt in Schutt und Asche lag, arbeiteten diese beiden Visionäre an den Grundlagen einer neuen Weltordnung. In der Atlantikcharta, die nach dem Treffen am 14. August veröffentlicht wurde, tauchte erstmalig das wunderbare Wort „Vereinte Nationen“ auf. Das hat die am 26. Juni 1945 in San Francisco unterzeichnete Gründungscharta der Vereinten Nationen antizipiert und inspiriert. Die neue Weltordnung beruhte auf vier Pfeilern:

• Recht eines jeden Volkes, dieRegierungsform zu wählen, unter der es leben möchte, und der Wiederherstellung dieses Rechts, wenn ihm seine Souveränität gewaltsam genommen wurde.
•Verhinderung aller Kriege zwischen Staaten, Durch die Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit.
• Garantie, dass die Menschenrechte aller Bewohner des Planeten gewahrt und geschützt werden.
•Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit überall auf der Welt.
Das waren die Anfänge, geleitet von einem Optimismus. Von einer unvergleichlichen Aufbruchstimmung.
Und heute? Heute ist die UNO blass und kraftlos. Der Traum, den sie ursprünglich verkörperte – die Errichtung einer gerechten Weltordnung – ist gescheitert. Gnadenlos. Vor der Allmacht der privaten Oligarchen erweisen sich ihre Interventionsmittel als weitgehend wirkungslos.

Also ein zahnloser Tiger?
Ja und Nein. Ich gebe ein Beispiel: Die UNO benötig schnellstens vier Milliarden Dollar für dringendst benötigte Soforthilfe in den Krisenregionen Südsudan, Somalia, Nordkenia und Jemen. Tatsächlich hat die UNO lediglich 270 Millionen Dollar erhalten und jetzt sterben die Menschen zu Tausenden. Alle wissen, dass das Geld da ist. Deshalb sage ich: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Unter der scheinbar sterbenden Glut glimmt noch das Feuer. Die Hoffnung vagabundiert durch die Trümmer der UNO. Denn der Horizont der Geschichte bleibt die kollektive Organisation des Planeten unter der Herrschaft des Rechts mit dem Ziel, für alle soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zu garantieren.

Herr Ziegler, sind Sie ein Träumer?
Nein, ich bin Realist. Aber in mir lebt – wie in allen Menschen – der Traum einer gerechten und friedlichen Welt. Und die ist möglich. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos sagt: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“

Thomas Pfundtner

Februar 2018

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Leser-Kommentare

  • Inken
    14.02.2018 17:11 Uhr

    Wieder interessante, mutige Fragen, die offen und aufschlussreich beantwortet wurden. Schade, dass es so wenig Menschen gibt, die den Mut haben, ihre Meinung offen auszudrücken, auch wenn sie dadurch persönlich in Schwierigkeiten kommen.
    Das sollte uns zu denken geben und uns ermutigen, Missstände anzuprangern, sie aufzudecken und für Lösungen zu kämpfen. Wir haben noch die Gelegenheit dazu - die Chance sollten wir in allen Ebenen unseres Lebens nutzen.
    Jean Ziegler hat dies in seinem Leben getan, Herr Pfundtner hat es ihm durch seine Fragen entlockt. Vielen Dank dafür!

  • Günter Wollinger
    08.02.2018 18:15 Uhr

    Danke für diesen tollen und aufschlussreichen Beitrag von Jean Ziegler.
    Wir lesen Ihre Zeitschrift sehr gern. Sie ist sehr informativ und abwechslungsreich. Kompliment.

  • Christian Modehn
    03.02.2018 20:21 Uhr

    Danke, großartig, dass die "Stadt Gottes" dieses Interview geführt hat und veröffentlicht hat. Diese Freiheit, diesen Mut, der Stadt Gottes wünsche ich mir für so viele andere Publikationen in Deutschland, die sich katholisch nennen. Dieser Beitrag passt doch gut zur Spiritualität der Steyler Missionare, denke ich.... Herzliche Grüße Christian Modehn, Berlin.

  • Rüdiger Brunner
    31.01.2018 22:23 Uhr

    Ich bin stolz auf unsere Stadt Gottes, die einen solche mutigen, anspruchsvollen und global denkenden Artikel veröffentlicht hat. Auch mir hat er einige Durchblicke geschenkt - aber auch mir bewußt gemacht, wie kompliziert alles zusammen hängt. Wo nur der Egoismus herrscht, ist, fast alles zu spät.

 
 

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Zur Person

Jean Ziegler wurde am 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun (Schweiz) geboren. Seine Mutter war eine Bauerstochter, der Vater Gerichtspräsident, Alpinist und Oberst der Schweizer Armee. Nach der Matura studierte er Rechtswissenschaften. Später Soziologie. Bis zu seiner Emeritierung 2002 lehrte Jean Ziegler Soziologie an der Universität Genf und als ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris.

Als junger Mann verbrachte Hans Ziegler einige Jahre in Paris. Diese Zeit wurde geprägt durch eine tiefe Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Heute gilt Jean Ziegler als einer der bekanntesten Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker.

Ein zweijähriger Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas führte zu einer radikalen Änderung seiner politischen Einstellungen: „Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen“, sagt er bis heute.

Von 2000 bis 2008 war Jean Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Erst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrats. Außerdem war er Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. Von 2008 bis 2012 gehörte der Schweizer dem beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrates der UN an, 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Jean Ziegler sitzt außerdem im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control.

Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen und Publikationen gehören Werke wie „Die Schweiz wäscht weißer“, „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ oder „Das Imperium der Schande“. Alle haben erbitterte Kontroversen ausgelöst und ihm internationales Ansehen eingebracht. Zuletzt erschien der Bestseller „Der schmale Grat der Hoffnung“ (Bertelsmann Verlag). In ihm zieht er Bilanz über seine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und über die, „die wir gemeinsam gewinnen werden.“