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Meine Vertraute, die Nonne

Mit zehn Jahren waren sie beste Freundinnen, dann ging Charlotte ins Kloster und Ilka auf Distanz. Heute profitieren sie beide von ihren unterschiedlichen Lebensmodellen

"Ich denke, jede gute Freundschaft hat eine Funktion", sagt Ilka Piepgras© Heji Shin
"Ich denke, jede gute Freundschaft hat eine Funktion", sagt Ilka Piepgras

Sie tanzten gemeinsam Ballett, kicherten zusammen im Konfirmationsunterricht, waren einander genug. Jeden Morgen wartete Ilka auf das Heulen des Mofas, das ihr ankündigte: Charlotte kommt – bereit für einen gemeinsamen Tag als beste Freundinnen. Auch als die beiden auf unterschiedliche Schulen wechselten, blieben sie in Kontakt – über die Mütter, die ebenfalls befreundet waren. Und dann tat Charlotte, die einfallsreiche, lebensfrohe Künstlerin, etwas, was Ilka nicht verstehen konnte: Sie ging ins Kloster. Die Protestantin, die allenfalls Weihnachten in die Kirche ging, ließ sich orthodox taufen. Mit 20 Jahren hörte sie auf die Ermahnungen eines frommen Mönches vom Athos, zog die Jeans aus und verschenkte die weichen Pullover, um im schwarzen Rock und Schleier symbolisch tot zu sein. Ilka fand das furchtbar: „Ich habe es ihr sehr übel genommen, wie man meiner Welt den Rücken kehren und sich in so eine obskure Existenz als Nonne flüchten kann. So kam mir das damals vor.“

Fast 20 Jahre lang hörte sie nur über Charlottes Familie, was ihre Jugendfreundin beschäftigte. Einmal im Jahr kam Weihnachtspost aus dem Kloster in Griechenland, dann schrieb auch Ilka, wie ihr Leben sich entwickelte: Journalistin werden, heiraten und sich trennen. „In meinen Zwanzigern hätte ich sie nicht besuchen können, so unreif und bockig, wie ich damals war. Da wäre unsere Freundschaft sicher am Ende gewesen.“ Doch mit der Geburt der Zwillinge in der zweiten Ehe kamen auch die Fragen: In welchem Glauben wollen wir die Kin­der erziehen, welche Werte wollen wir ihnen mitgeben? Ilka Piepgras´ Ehe­mann ist Katholik, sehr im Glauben zu Hause, sie war, wie sie selbst sagt, eine „schwächelnde Protestantin.“ Was glaube ich eigentlich? Wer ist Gott für mich?

Die Journalistin suchte Antworten. Und fand sie bei Diodora. Die Freundin Charlotte aus Kindertagen war inzwischen Äbtissin von drei Klöstern, hatte Jura studiert, war in ihrer Gemeinschaft eine wichtige spirituelle Persönlichkeit geworden. Ilka flog nach Griechenland, und Charlotte – nein: Diodora stand am Flughafen: „Schön, dass du endlich kommst, nach all den Jahren.“ Drei Tage blieb Ilka im Kloster, beeindruckt von der Aufrichtigkeit der Nonnen, ihrer konsequenten Armut und überwältigt von der Schönheit der Gottesdienste. „Ich habe dort eine Präsenz gespürt, die ich aus den nüchternen Kirchen hier in Berlin nicht kenne.“

Als Kinder gingen sie zusammen zum Ballett© privat

Hitzige Telefonate
Die Journalistin und die Nonne trafen sich immer wieder, wanderten über die kargen Hügel hinter dem Kloster, sprachen, stritten, lachten. Dass Ilka eine Reportage und dann ein Buch schreiben wollte über die ungewöhnliche Frau an ihrer Seite, fand Diodora gut – aber vor der Veröffentlichung wollte sie es lesen. „Das war ein großes Zugeständnis von mir, und es hat mich beim Schreiben auch sehr gehemmt! Es gab einige hitzige Telefonate, weil manches nicht erzählt werden sollte, was nicht zum neuen Weltbild meiner Freundin passte. Auf der anderen Seite verstehe ich gut, dass sie einen Ruf zu verteidigen hat. Alles in allem war sie sehr großzügig! Ihr war wichtig, dass es eine aufrichtige, ehrliche Auseinandersetzung ist.“
Die Begegnung hat beide verändert. Die fünfjährigen Zwillinge wurden katholisch getauft, vor dem Essen gibt’s Tischgebete. Ilka Piepgras geht gern mit in die katholische Gemeinde, fühlt sich beschenkt durch die Schönheit der katholischen Liturgie, aber sie hat auch die Vorteile ihrer eigenen Konfession wiederentdeckt. „Ich bin ein sehr kopfgesteuerter Mensch und schätze auch gute protestantische Predigten. Durch die Begegnungen mit meiner Freundin weiß ich jetzt auch besser, warum ich Protestantin bin.“

Spirituelle Lehrerin
Der Äbtissin öffnete das Buch manche Tür in Deutschland. Sie wurde in Gemeinden eingeladen, in München gründete sich ein Förderverein, der das bettelarme Kloster mit Spenden unterstützt. Die Freundinnen sehen sich selten, und den Alltag teilen sie nicht, aber trotzdem ist für Ilka Piepgras klar: „Meine Freundin Diodora hat für mich im weiteren Sinne die Funktion einer spirituellen Lehrerin – ganz gleich, wie selten und unregelmäßig wir uns sehen. Sie hat einmal gesagt, die Rolle der Nonnen bestehe darin, immer wieder aufs Neue ihre Herzen zu säubern, um anderen ein Licht auf deren Weg zu sein. Aber das gilt ja nicht nur für Nonnen. Ich denke, jede gute Freundschaft hat eine bestimmte Funktion: Man schaut sich etwas voneinander ab oder inspiriert sich gegenseitig. Obwohl wir so unterschiedliche Lebensentwürfe haben, profitieren wir beide sehr voneinander.“

Inzwischen hat Ilka sich auf neue spirituelle Pfade gewagt: Sie hat eine Ausbildung als Sterbebegleiterin gemacht. Diodora hat sie bestätigt: Sie sei auf einem guten Weg; das klang in Ilkas Ohren ein wenig gönnerhaft, aber: „Sie hatte ja recht. Meine Suche hat damals einen starken Anfang genommen und entwickelt sich fortlaufend weiter. Wenn man so will, komme ich Gott immer näher. Das erlebe ich sehr stark, seit ich auch Sterbebegleiterin bin: Man kommt Gott nie so nahe wie bei sterbenden Menschen!“ Der Tod ist ihr vertrauter geworden, auch wenn er seinen Schrecken nicht verloren hat. Die langen Gespräche, die sie mit ihrer Freundin geführt hat, kommen ihr bei diesem Dienst immer wieder in den Sinn. „Die Nonnen leben ja immer im Bewusstsein, jeden Moment sterben zu können. Daher auch die tiefschwarze Kleidung. Wenn man bereit ist, empfindet man jeden Moment als Geschenk, hat Diodora gesagt. Das verstehe ich jetzt alles viel besser. Der innere Dialog mit ihr geht weiter.“

Christina Brunner

Februar 2018

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