Steyler Welt

Im Land der Morgenröte

Wenn die Olympischen Winterspiele in Südkorea beginnen, werden alle den Atem anhalten: Nicht nur wegen der spektakulären Leistungen der Athleten, sondern auch voll Sorge angesichts der schwierigen politischen Situation auf der geteilten Halbinsel. Die Steyler Missionare und die Schwestern arbeiten mit den Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen

Südkorea gehört zu den exotischsten und unbekanntesten Regionen Asiens© Shutterstock
Südkorea gehört zu den exotischsten und unbekanntesten Regionen Asiens

Eine leichte Verneigung, die Hände flach auf die Oberschenkel gelegt, mit höflichem Lächeln und den notwendigen Willkommensformeln wird Pater Benedikt Kim SVD in der großen Kirche empfangen. Mit einigen weiteren Steylern leitet er an diesem Tag einen großen Besinnungstag, zu dem die Bekannten und Wohltäter der Steyler eingeladen wurden. Über 300 sind in Seoul zusammengekommen. Sie haben Interesse an Spiritualität, sie beten gern, auch bei dieser Feier werden sie die „Litanei der Barmherzigkeit Gottes“ mit erhobenen Rosenkränzen singen, mit verklärtem Gesicht und konzentrierter Aufmerksamkeit dem Vortrag zuhören. Und am Ende der Messe werden sie alle einzeln einen besonderen Segen mit einem Heilungsgebet von einem – oder noch besser – von allen Priestern erhalten. Pater Jacob Pais spricht zu ihnen über Spiritualität, über die Dreifaltigkeit und die Mission. Er ist ein guter Bekannter für die meisten von ihnen, von allen hochgeschätzt wegen seiner Einfühlsamkeit und guten Kenntnis ihrer Familien- und Arbeitssituation, beliebt wegen seines Humors, gesucht wegen seiner tiefen und aufgeschlossenen Frömmigkeit – ein Mann mit einem übervollen Terminkalender.

Steyler in Südkorea
Die Steyler Missionare machten sich im Jahr 1984 nach Südkorea auf. Damals lagen die heftigen Kämpfe um die Demokratie im Land noch keine fünf Jahre zurück. Der Glaube konnte sich in der neuen Lage gut entfalten, überall wurde von den vielen Berufungen zum Priestertum und für die Mission gesprochen. So lud Bischof Angelo Kim Nam die Steyler in die Diözese Suwon ein, damit sie in einem Priesterseminar bei der Ausbildung helfen.

Aus diesem Engagement wurde nichts, denn die beiden Filipinos und ein Australier, die sich diesen Aufgaben stellten, kämpften mit der äußerst komplizierten Sprache und stellten außerdem fest, dass sie zudem auch Chinesisch können müssten, um in der Ausbildung arbeiten zu können. Aber da die Steyler schon einmal im Land der Morgenröte waren, übergab ihnen der Bischof eine Pfarrei. Später wurden auch die Angebote für die Arbeit in Pfarreien selten, denn die koreanischen Katholiken haben genug Priester zur Verfügung. So wurden 2015 in Korea 118 Priester geweiht – in Deutschland 60. In Südkorea gibt es 5,6 Millionen Katholiken, auf jeden Priester kommen 1  260 Katholiken. Daher „brauchen“ die Bischöfe keine Priester aus dem Ausland, sie können die Pfarreien gut mit ihrem eigenen Personal betreuen.

Pater Jacob Pais segnet die Gläubigen und spricht ein Heilungsgebet über sie© Christian Tauchner SVD
Pater Jacob Pais segnet die Gläubigen und spricht ein Heilungsgebet über sie

Mit dem Wirtschaftsaufschwung in Südkorea zeigten sich allerdings neue Bedürfnisse. Migranten kommen als billige Arbeitskräfte ins Land – Filipinos, Indonesier, besonders von der Insel Timor, und Vietnamesen. Ihre schwierige soziale und gesellschaftliche Situation zu verbessern, ist ein besonderes Anliegen der SVD. Einen anderen Schwerpunkt sehen die Steyler in der spirituellen Begleitung und in Exerzitien für Priester, Schwestern und die vielen Laiengruppen, die es überall gibt. Darüber hinaus sind immer wieder auch Aushilfen in Pfarreien gefragt. Die Steyler in Südkorea sind eine relativ kleine Gruppe: fünf Koreaner, fünf Inder, vier Indonesier, drei Vietnamesen, ein Filipino. Zurzeit gibt es auch mehrere koreanische Steyler, die in anderen Ländern arbeiten: in Aus­tralien, Papua-Neuguinea, Japan und in den USA.

Schwestern für Frauen
Im Januar 1986 entschieden sich die Steyler Missionsschwestern, von Japan aus nach Südkorea zu gehen und dort die Missionsarbeit zu übernehmen. Auch für sie stand das schwierige Sprachstudium an.
Heute arbeiten dort knapp 20 Steyler Schwestern, seit 2012 bilden sie eine eigenständige Provinz. Sie stammen aus Südkorea, Indien, Indonesien, Rumänien und der Slowakei. Koreanische Schwestern wirken in anderen Ländern als Missionarinnen – in Aus­tralien, Ghana, Japan und Sambia.
Die Schwestern kümmerten sich zunächst um Heime und betreuten Kinder, aber auch in Pfarreien in der Pastoral und Katechese wirkten sie mit. Ein großes Projekt der Schwestern ist die Leitung und die Arbeit in einer „Unterkunft für Frauen“ der Caritas. Hier kommen Frauen unter, die aus verschiedensten Gründen auf der Straße landen – oft mit tragischen Geschichten von psychischen Krankheiten und Gewalt im Hintergrund. Das Ziel der Arbeit in diesem Frauen-­Zentrum ist es, ihnen wieder zu einem Kontakt mit ihren Familien zu verhelfen, wenn es irgendwie möglich ist. Für die Leiterin, Schwester Veronica Kim SSpS, geht es darum, „ihnen einfach in Liebe zu begegnen, sich ihnen zuwenden, das ist das Wichtigste. Gerade das haben sie ja verloren. Der liebende Umgang mit den Frauen hat viel verändert“, erzählt sie. „Gott braucht uns, damit diesen Frauen geholfen wird. Dieser Dienst ist ja unser Charisma als Steyler Schwestern, und ich sehe, dass die Frauen immer wieder eine schöne Veränderung erleben.“

Engagement für Migranten
Südkorea erlebte in den letzten Jahrzehnten einen sagenhaften wirtschaftlichen Aufschwung, zu einem Teil auch dank der vielen Migranten, die in den Fabriken lange Schichten unter prekären Bedingungen arbeiten. Pater Inbaraj Michael SVD ist ein Inder, der besonders die Filipinos betreut. Er beschreibt das typische Leben von Migranten: „Sie müssen acht bis zehn Stunden arbeiten, wenigstens sechs Tage die Woche, und bekommen recht niedrige Löhne. Dazu kommt, dass die Löhne ein halbes Jahr oder länger nicht ausbezahlt werden, weil die Arbeiter illegal im Land sind. Es gibt keine Boni für besondere Arbeiten, sie erhalten keine Gesundheitsversicherung – sie fühlen sich wie gemietete Maschinen, nicht wie Menschen.“

Die psychische und spirituelle Situation der Migranten stellt ein großes Problem dar: „Sie fühlen sich einsam und sind deprimiert. Sie sehnen sich nach Liebe und Verständnis, und wenn das alles fehlt, werden sie krank. Sie leben in einem unbekannten Land, einer fremden Umgebung und fühlen sich abgeschnitten von ihren Beziehungen. Damit entstehen leicht Verwirrungen, sie ärgern sich, sind zornig über die Ausbeutung, die sie erleben und der sie hilflos ausgeliefert sind“, erzählt Pater Michael.
Seit 1997 gibt es in Ansan, südlich von Seoul, das Pastoralzentrum „Galiläa“ für die philippinischen Migranten. Dem Zentrum geht es darum, die Lebensqualität der Migranten zu verbessern. „Trotz aller Schwierigkeiten kommen viele von ihnen jede Woche zur Kirche“, erzählt Pater Michael. „Wenn sie auch am Sonntag arbeiten müssen, fordern viele von ihnen eine freie Zeit gerade für die Kirche. Sie suchen Gott und einen Ort für Frieden und Ruhe, und sie erhoffen sich ihren Halt und ihre Stütze von Gott.“

Christian Tauchner SVD

Februar 2018

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