Weltweit

Mit dem Ruhestand begann das Abenteuer

Nichtstun, die Seele baumeln lassen, sich endlich um ein Hobby kümmern – das verbindet man mit Ruhestand. Bei Bobby Lechner, 70, war es anders...

Wo soll es als nächstes hingehen? Rentnerin Bobby erfüllt sich ihren Traum vom Reisen© Andrea Micus
Wo soll es als nächstes hingehen? Rentnerin Bobby erfüllt sich ihren Traum vom Reisen

Als Bobby Lechner mit 63 Jahren ihren Job aufgibt, steht für sie fest: Jetzt geht das Leben richtig los. „Ich hatte nur ein Ziel: die Welt sehen. Schon als junges Mädchen wollte ich in Amerika leben. Aber daraus ist nichts geworden. Doch vergessen hatte ich meinen Traum nie. Er war nur in all den Jahren verschüttet worden.“

Aber sie weiß auch: Von ihrer Rente kann sie sich keine teuren Weltreisen leisten. Es muss anders gehen. Was nun? Eine Freundin kommt ihr zu Hilfe. Sie hat von einer Agentur gelesen (www.granny-aupair.com), die sogenannte Au-pair-Omas vermittelt. Das heißt, sie betreut irgendwo auf der Welt in oft deutschen Familien die Kinder, kann dafür umsonst leben. Ideal! Bobby ist begeistert. „Das war unwahrscheinlich verführerisch“, lacht Bobby, die genau in sich hineinhorcht, wonach ihr der Sinn steht. Kanada? Australien? Tokio? New York? Die Wahl fällt auf Bangkok.

Es gefällt ihr in der Familie
Sie mag Asien, die Großstadt, und die Familie, die nach einer Betreuung für die beiden zwölf und zehn Jahre alten Söhne sucht, findet sie auf Anhieb sympathisch. „Der Familienvater war deutscher Manager, sie Philippinerin, beide beruflich eingespannt.“ Die Telefonate sind kurzweilig. Man mag sich. Im August 2011 sitzt sie im Flieger. Das Ticket für den Linienflug hat der Gastvater bezahlt. „Geld für meine Betreuung wollte ich nicht, ich wollte nur dazugehören“, so Bobby. Und das klappt perfekt. Sie fühlt sich von Anfang an wohl in der Familie, wird zu Ausflügen im ganzen Land und zu Einladungen und Empfängen mitgenommen. Aber es ist nicht immer nur einfach. „Am Anfang gab es Probleme mit Marco. Ich fühlte mich von ihm nicht akzeptiert. Ich habe ihn dann gefragt, ganz offen, soll ich gehen oder bleiben? Wenn der Junge mich nicht gewollt hätte, wäre ich nach Hause geflogen.“

Doch Marco wollte nur seine Grenzen austesten. Sie soll bleiben. Und von dem Moment an sind Bobby und die beiden Jungs ein prima Team. „Ich war ihr Ansprechpartner, wenn sie um 16 Uhr nach Hause kamen. Davor hatte ich frei, habe mir die Stadt angesehen, Sport gemacht, mich mit anderen Deutschen getroffen.“ Bobby fühlt sich wohl, ihre Gastfamilie auch. Was dazu führt, dass sie nicht, wie geplant, sechs Monate bleibt, sondern drei Jahre. „Ich bin allerdings ein paar Mal zwischendurch nach Hause geflogen, um Freunde und meine Schwester in Bayern zu sehen.“ Häufig bekommt sie aber auch Besuch aus Deutschland, der bei ihrer Gastfamilie willkommen ist. „Das Haus war riesig, hatte 600 Quadratmeter Grundfläche, es gab zwei großzügige Gästezimmer, in einem wohnte ich“, erzählt Bobby.

Den kleinen Noah betreute Bobby in Dubai. Er ist bis heute wie ein Enkel für sie© privat
Den kleinen Noah betreute Bobby in Dubai. Er ist bis heute wie ein Enkel für sie

Paris ist ein Traum für Bobby
Mit ihren Freunden aus der Heimat oder aus Bangkok bereist sie viele Länder, fliegt nach Myanmar, Laos, Vietnam, Kambodscha, Malaysia und Singapur. „Ich habe so viel von der Welt gesehen, mein Traum ist wahr geworden.“ Im Sommer 2014 ist ihre Zeit in Thailand vorbei. Die Jungs sind groß. Bobby kehrt zurück nach Deutschland. „Ich bin ein Teil der Familie geworden. Das wird auch für immer so sein. Ich liebe diese Jungs und sie mich“, sagt sie selbstbewusst.

In Deutschland fällt ihr schnell die Decke auf den Kopf. Im März 2015 fliegt sie nach Paris, betreut bei einem deutsch-französischen Paar zwei Kleinkinder. „Die Zeit war anstrengender, weil ich zwei und drei Jahre alte Kinder betreut habe, die mehr forderten. Außerdem war ich immer unterwegs, die Familie hatte ein Landhaus, in das wir alle zusammen jedes Wochenende fuhren. Aber Paris hat mir in den restlichen Tagen so viel gegeben. Ich hatte bis 16 Uhr frei und habe die Stadt zu Fuß erobert. Das war ungeheuer spannend.“

Nach einer Winterpause fliegt sie im März 2016 nach Dubai, zu der Managerin Nicole und deren Sohn Noah (heute 7), der Familienvater arbeitet in Saudi-Arabien, kommt einmal im Monat. „Zwischen uns hat es von Anfang an gepasst. Wir Frauen sind wie Freundinnen, in Noah sehe ich ein bisschen einen Enkel. Leider darf ich wegen der strengen Vorschriften nur drei Monate im Land bleiben, muss immer für drei Monate ausreisen. Aber ich war im Oktober 2016 wieder da und fliege bald wieder für drei Monate herunter, dieses Mal nach Kuwait, Nicole arbeitet jetzt dort.“

Für Bobby waren die vergangenen Jahre eine riesige Bereicherung. Nicht nur, dass sie jetzt perfekt Englisch und gut Französisch spricht. „Ich habe viel über mich erfahren. Ich kann gut auf andere Menschen zugehen, bin offen für fremde Kulturen, kann mich einbringen, aber auch zurücknehmen. Interessierten Frauen rät sie aber auch zur Vorsicht. „Man muss schon Glück haben und die passende Familie finden. Und man sollte die Bedingungen, unter denen man lebt, vorher besprechen. Was soll ich tun? Welche Arbeitszeit habe ich? Wie lebe ich, und wie bin ich in der Familie integriert? Auch: Wer zahlt was? Wenn alles passt, hat man eine wunderbare Zeit.“ Und weiter sagt sie: „Früher hatte ich Angst, im Alter einsam zu sein. Das ist vorbei. Ich danke dem lieben Gott, dass ich gesund bin und so viel erleben kann. Ich habe in der ganzen Welt Anschluss gefunden.“

Andrea Micus

März 2018

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