Brauchtum

Die Spitzen-Frau

Geklöppelte Spitze aus dem Salzburger Flachgau war in Europa einst begehrt wie Gold. Monika Thonhauser hat die uralte Handarbeitstechnik aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Monika Thonhauser vor ihrem Klöppelpolster. Für den Laien wirkt das „Durcheinander“ an Stöckchen und Fäden höchst verwirrend!© Christine Schweinöster
Monika Thonhauser vor ihrem Klöppelpolster. Für den Laien wirkt das „Durcheinander“ an Stöckchen und Fäden höchst verwirrend!

Hoch konzentriert sitzt Monika Thonhauser vor dem flachen Klöppelkissen. 260 Klöppel braucht sie für die besonders feine Spitze, an der sie gerade arbeitet. Mit Bedacht nimmt sie die kleinen Stöckchen aus gedrechseltem Holz in die Hand, auf denen das hauchdünne Garn aufgewickelt ist. Auf dem Klöppelpolster gibt der Klöppelbrief die Punkte für das Stecken der vielen Nadeln vor. Thonhauser hält jeweils ein Fadenpaar in einer Hand. Die vier Fäden werden dann durch „Schläge“ auf verschiedene Arten miteinander verbunden. Ein „Schlag“ bedeutet, dass die Fäden der beiden Paare je nach Muster gedreht oder gekreuzt werden. Weil die Fäden nur übereinander „gelegt“ werden, entsteht beim Klöppeln so nach und nach ein duftiges Gewebe – feiner noch als gestickte Spitze. Je nach Spitzenart und -breite können hunderte Klöppel erforderlich sein, was diese Handarbeitstechnik zur Kunst macht.

In fünf Stunden schafft Monika Thonhauser bei ihrem jetzigen Werkstück nur wenige Zentimeter Spitzenborte, aber die Arbeit sei „kontemplativ“ und von „enormer innerer Befriedigung“, sagt die Salzburgerin. Der Laie steht bewundernd vor dem scheinbaren Durcheinander der Klöppel und Fäden. Als Anfänger beginne man allerdings nur mit vier Klöppeln, versuche es dann mit zehn und bekomme so langsam ein Gespür dafür, „wie die Klöppel in die Muster fließen“, erklärt Thonhauser.

Monika Thonhauser entwirft Muster und gibt ihr Wissen in Kursen weiter© Christine Schweinöster
Monika Thonhauser entwirft Muster und gibt ihr Wissen in Kursen weiter

Mit der Lupe auf der Suche
Schon in den 1970er-Jahren war Monika Thonhauser eine begeisterte Handarbeiterin und interessierte sich auch für Spitzenborten. Dabei entdeckte sie, dass der Salzburger Flachgau im 17. und 18. Jahrhundert berühmt für Klöppelarbeiten war. Diese Fertigkeit war jedoch praktisch ausgestorben. „Mein Gott, so eine wertvolle Kulturarbeit darf doch nicht verloren gehen“, dachte die Mutter von vier Kindern vor 40 Jahren und war sofort bereit für einen Neustart. Eine Ordensfrau brachte ihr erste Schritte im Klöppeln bei, dann eine Lehrerin in Amsterdam. Im „Salzburg Museum“ ließ sich Monika Thonhauser alte Salzburger Spitzenreste ausheben und suchte mit der Lupe nach den Fadenverläufen. Daraus entwickelte sie technische Zeichnungen und Musterbriefe, die sie in insgesamt sechs Klöppelmappen veröffentlichte.

In Kursen gab sie ihr Wissen im Klöppeln an Interessierte weiter, veranstaltete Workshops und organisierte Ausstellungen im In- und Ausland. In St. Gilgen baute die aktive Salzburgerin eine Spitzensammlung im heimatkundlichen Museum auf. 2013 gelang es ihr zusammen mit dem Verein Tauriska, dass die Salzburger Klöppelei 2013 in das österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde.

In der Renaissance war geklöppelte Spitze bei der Aristokratie besonders beliebt© Christine Schweinöster
In der Renaissance war geklöppelte Spitze bei der Aristokratie besonders beliebt

Hungerlohn für die Heimarbeiterinnen
Thonhauser bewahrte die Salzburger Spielart des Klöppelns aber nicht nur vor dem Aussterben, sie erforschte die ehemalige Spitzen-Hausindustrie auch wissenschaftlich. In ihrem kürzlich erschienenen Buch (siehe Buchtipp) beschreibt sie, wie hunderte Familien im heutigen Flachgau ihr karges Brot einst mit Klöppeln verdienten. Bestimmte Muster und stärkeres Garn machten die „Salzburger Spitze“ zu einem Markenzeichen, welches besonders im Ausland für Kleidung, Tisch- und Bettwäsche begehrt war. Die heimischen oberen Schichten zogen indes die italienische, flämische und französische Spitze vor.

So waren die Salzburger Spitzenmacherinnen nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch ständig abhängig von Grenzsperren, Kriegen und Seuchen in den Nachbarländern. Wiederholt mussten die Spitzenhändler mit ihrer Buckelkraxen wegen politischer oder wirtschaftlicher Wirrnisse umkehren. Die Klöpplerinnen entwickelten hohe Fingerfertigkeit und großes Können bei der Herstellung der Spitzenborten und erdachten selbst Spitzenkreationen mit Hirschen, Bäumchen und verschiedenen Rauten. „Ich denke mit Ehrfurcht an die Klöpplerinnen, die solche Wunderwerke vollbrachten“, so Thonhauser.

Je höher der Rang, desto breiter die Spitze
Der „Spitzen-Hype“ in Europa begann in der Renaissance. Es entstanden Kleiderordnungen, die das Tragen von Spitze je nach Stand regelten – und das einfache Volk war davon ausgeschlossen. Je höher der Rang, desto feiner und breiter durfte das Gewebe sein. Die noble Gesellschaft hatte allein schon um den Hals oft Spitzenkrausen zum Preis eines kompletten Gutshofes. Kaiserin Maria Theresia ist auf einem Gemälde gar komplett in die sündhaft teure Spitze gekleidet.

Die feinste Spitze, die der Kontinent bieten konnte, war die flämische Variante: 200 Fäden aneinandergelegt ergaben lediglich eine Breite von nur einem Zentimeter. Allein für eine Manschette aus feinstem Garn brauchte eine Heim- oder Manufakturarbeiterin schon etliche Monate. Als Jahreslohn bekam sie weniger als der Händler, wenn er einen halben Meter dieser Spitzenbänder verkaufte. Ab 1800 wurden die Spitzenklöpplerinnen dann gänzlich arbeitslos: Zu diesem Zeitpunkt wurde diese kostbare Handarbeit immer mehr von maschinell gefertigter Spitze verdrängt. Dass die Kunst der Flachgauer Klöppler-Familien dennoch nicht völlig vergessen wurde, ist Monika Thonhauser zu verdanken.

Christine Schweinöster

April 2018

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