Weltweit

Wenn ein Tier das ganze Leben verändert

Unverheiratete Mütter in Nepal haben ein schweres Leben. Sie sind arm, rechtlos, haben keine Perspektive, wissen nicht, wie sie ihre Kinder versorgen sollen. Stefanie Christmann schenkt ihnen ein Tier – einen Esel, ein Nak oder einen Wasserbüffel. Das ist der Anfang eines bescheidenen Wohlstandes

Hier weiden die Naks,  weib­liche Hochland- rinder, die den Frauen  in Nepal eine verlässliche  Existenz sichern. Sie  geben wertvolle Milch© Stefanie Christmann
Hier weiden die Naks, weib­liche Hochland- rinder, die den Frauen in Nepal eine verlässliche Existenz sichern. Sie geben wertvolle Milch

Alles begann so: 1995 reiste die damals 35-jährige Stefanie Christmann beruflich nach Eritrea. Sie sah zerstörte Brunnen in dem vom Unabhängigkeitskrieg geschüttelten Land. Und sie sah Karawanen von Frauen und Mädchen, die sich mit 20-Liter-Wasserkanistern beladen vier Stunden über unwegsames Gelände von einer Wasserstelle zurückschleppten. Sie fragte eine alte Frau nach Eseln. Die könnten doch das Wasser tragen. „Sie hat mich ausgelacht“, erzählt Christmann. „Wir sind die Esel, hat sie gesagt.“

Da gründete die promovierte Germanistin mit acht Freundinnen und Freunden die „Esel-Initiative“. Die Nationale Frauen-Union Eritrea war zur Kooperation bereit. Von nun an sammelte die Initiative Spendengelder, um alleinerziehenden Frauen in entlegenen Regionen Esel schenken zu können. Das Besondere an den Eseln: Sie waren nicht nur Lasttiere, sondern wurden auch zur Einnahmequelle für die Mütter. Diese konnten Wasserhandel betreiben, Seife, Waschmittel, Zucker und Kaffee an der Hauptstraße kaufen und in ihrem weit entfernten Dorf verkaufen, Getreide für andere gegen Geld zur Mühle bringen und die männlichen Kälber verkaufen. Ihren Kindern konnten sie so das Schulmaterial bezahlen und sich selber eine Existenz aufbauen. Hangelten sie sich vorher von einem Nachbarschaftskredit zum nächsten durch, wurden sie nun zu angesehenen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft mit Vorbildfunktion.

Stefanie Christmann engagiert sich für Mütter und ihre Kinder. Immer wieder reist sie selbst nach Eritrea© privat
Stefanie Christmann engagiert sich für Mütter und ihre Kinder. Immer wieder reist sie selbst nach Eritrea

Auch Hebammen profitierten
Insgesamt vergab die Esel-Initiative rund 9 000 Esel in Eritrea, davon 300 an Hebammen, die damit schneller zu schwangeren und gebärenden Frauen gelangten. Die Geburtshelferinnen wurden geschult, bevor sie ihr besonderes „Taxi“ bekamen und konnten die jungen Mütter gegen die weit verbreitete Genitalverstümmelung aufklären. 2009 endete das Projekt, weil Ausländer keine Reisegenehmigung mehr für entlegene Regionen erhielten. „Es kamen so viele Spenden rein“, erinnert sich die 57-Jährige, „mehr als man weibliche Esel in Eritrea kaufen konnte.“ 15 Prozent der Spenden kommen nach wie vor durch das Engagement von Kindern und Jugendlichen zusammen, die an Schulfesten Geld sammeln, selbst gebastelte Esel verkaufen oder Fahrräder – Drahtesel – reparieren. Stefanie Christmann ist Autorin dreier Kinderbücher, deren Erlös zu 100 Prozent ihrem Projekt zugutekommt.Mit dem Ende ihrer Unterstützung der Frauen in Eritrea war mit Christmanns Engagement nicht Schluss. Seit 2007 bemüht sie sich um die Mütter in Nepal. Die Not der Frauen im Himalaya sieht niemand. Und tatsächlich ist es unglaublich aufwendig, dort Hilfe zu leisten. Aber auch hier hat die Esel-Initiative einen Kooperationspartner gefunden: Sahayog-Himalaya Nepal vollendet vor Ort Christmanns Arbeit.

Gerade ist Stefanie Christmann von einem fünfwöchigen Aufenthalt in Upper Dolpa, einem großen, dünn besiedelten Distrikt westlich des 8 000 Meter hohen Dhaulaghiri, zurückgekehrt. Vom Flughafen in Kathmandu braucht sie noch drei bis vier Tage bis zum Zielgebiet. Und dann geht es nur noch zu Fuß weiter über viele Pässe zwischen 5 000 und 6 000 Metern. Sie bezahlt Mulis, einen Küchentrupp und Tagesgebühren für die staatliche Erlaubnis, sich überhaupt dort aufhalten zu dürfen. „Einmal hatte ich eine schlimme Lungenentzündung oben auf 4 000 Metern, einmal wurde ich angefahren und hatte eine Rippenprellung. Damit kommt man schlecht die Pässe hoch“, konstatiert die kleine, drahtige Frau. Regelmäßig holt sie sich Flohbisse in den Häusern der Frauen, die Mahlzeiten sind karg, in den Schlafzelten gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Aber die Mütter brauchen die Naks, das sind weibliche Yaks, Hochlandrinder, weil sie sonst untergehen in der Rauheit ihrer Umgebung. Sie und vor allem ihre Kinder würden den Winter ohne das Fett und die Proteine, die die Tiere liefern, kaum überleben.

Es gibt viele Probleme in dem Land, das 2015 kurz in den Fokus der medialen Welt rückte, nachdem ein Erdbeben weite Teile verwüstet hatte. Da das Erbe oft nur einer Familie das Auskommen sichern kann, darf nur der älteste Sohn heiraten. Er wird damit zum Alleinerben. Seine Brüder gelten auch als mit seiner Frau verheiratet. Viele Männer gehen in ein Kloster – der Buddhismus ist die am weitesten verbreitete Religion – oder verlassen ihr Dorf, um in der Stadt zu leben. Die Mädchen haben immer das Nachsehen. Werden sie unverheiratet schwanger, heißen sie nyellu und gelten als große Schande für ihre Familie. Noch vor dem Geburtstermin werden sie aus der Dorfgemeinschaft verstoßen. Die 24-jährige Tsündi hat Stefanie Christmann erzählt, wie es ihr ergangen ist. „Als ich nyellu wurde, verstieß mich das Dorf.“ Für die Sommermonate fand sie Unterschlupf in einer Zeltsiedlung. Dort übernachten Händler, die ihre Waren in Nepal umschlagen wollen. Tsündi sollte das Zelt als Garküche und Übernachtungsmöglichkeit für Händler betreiben. Die Hälfte des Verdienstes ging an den Eigentümer des Zeltes. Als Gegenleistung konnte sie mit ihrer Tochter im Sommer im Zelt wohnen. Alkohol und Gewalt sind in der Zeltsiedlung allgegenwärtig, und die junge Frau war den Männern schutzlos ausgeliefert. Tsündi gehörte nirgendwo dazu, hatte keine Sicherheit. Sie brachte sich und ihr Kind irgendwie durch.

Diese Mutter ist mit ihrer Tochter vor häuslicher Gewalt geflüchtet. Alles, was die beiden haben, tragen sie bei sich© privat
Diese Mutter ist mit ihrer Tochter vor häuslicher Gewalt geflüchtet. Alles, was die beiden haben, tragen sie bei sich

Die Frauen sind einfallsreich
Dann bekam sie ein Nak. Als Stefanie Christmann sie trifft, ist das Tier seit sechs Monaten in Tsündis Besitz. Sie gehört jetzt einer Hütegemeinschaft an; ist nicht mehr allein. Das Nak ist ihre Perspektive. Inzwischen hat sie sogar schon Geld angespart und könnte im nächsten Jahr im Dorf einen Vermieter finden. Dann müsste sie nicht mehr in die Zeltsiedlung. Christmann beobachtet bei allen Frauen eine ähnliche Entwicklung: „Nicht nur ihr Leben verändert sich, sie selber verändern sich. Durch ihre Tiere sind sie wer.“ Oder Sonam. Auch sie ist alleinerziehend, ihr Sohn 14 Jahre alt. Vor drei Jahren bekam die 44-Jährige das Nak; es hat bereits zwei Kälber. Die männlichen verkaufen die Frauen meist für gutes Geld, die weiblichen behalten sie, um eine Herde aufzubauen und die Milchprodukte, vor allem kostbare Butter, nutzen zu können. Sonam hat ein Zelt gekauft und treibt im geschützten Umfeld einer Hütegemeinschaft Handel mit den Karawanen des Tibethandels. Und sie hat noch eine Einkommensquelle entdeckt: Aus der Wolle von Naks und Ziegen webt sie Taschen und Schürzen. Butter und Milch ihres Naks nutzt sie in ihrer Garküche und kommt so auf einen Spitzenverdienst. „Die schwere Arbeit auf den Feldern, die ich früher verrichtete, mache ich jetzt nicht mehr“, sagt sie. Eine Frau, die ein Arbeitstier besitzt, kann es auch vermieten. Ein anderer kann so seine Feldarbeit leichter verrichten. Die Frauen sind fleißig und nutzen jede Chance.

Für Stefanie Christmann ist das ihr Motor. Sie sieht, wie ein einziges Tier ein trostloses Leben in ein hoffnungsvolles verwandeln kann. Und sie hat noch viele Pläne. Sie möchte Gewächshäuser errichten, um der Mangelernährung in dieser Region entgegenzuwirken. Sie möchte Toiletten bauen, um die hygienische Situation zu verbessern. Sie möchte Hebammen schulen, um das Sterben der Mütter und Säuglinge zu verhindern. Einige der neuen Projekte wurden angestoßen, aber die Bedingungen vor Ort sind unvorstellbar schwierig. „Die Dörfer liegen oft mehrere Tagesmärsche auseinander – mit Pässen in eisiger Höhe. Handys haben kein Netz, manchmal funktioniert noch nicht einmal das Satellitentelefon für Notfälle“, erzählt Christmann.

Wenn die Esel-Initiative nicht hilft, tut es niemand. Christmanns Arbeit bedeutet vor allem: Kraft und Zeit. Sie hat keine eigene Familie, aber die unbeirrbare Entschlossenheit, die alleinerziehenden Frauen in den vergessenen Regionen dieser Welt zu unterstützen. Stefanie Christmann hofft, noch viele Vierbeiner zu verschenken, die ein Frauenleben von Grund auf verändern.

Anna Papathanasiou

April 2018

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