Das Gespräch

"Die Bibel passt auf einen Bierdeckel"

Für Eva Jung, Leiterin der Werbeagentur gobasil, ist klar: Die Botschaft Jesu braucht gute Werbung. Der Glaube muss runter vom Podest und rein in den Alltag. Warum einfache Sätze besser ankommen als schwierige Theologie, und warum wir 7 x 70 Tage Ostern feiern sollten, erklärt die gläubige Christin im Gespräch mit stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner

"Ich muss den Menschen sagen, wofür Glaube im Alltag nützlich ist", sagt Eva Jung.© Jörg Böthling
"Ich muss den Menschen sagen, wofür Glaube im Alltag nützlich ist", sagt Eva Jung.

Braucht Jesus Werbung?
Er hat uns dazu aufgefordert! „Geht hinaus in alle Welt und sagt es allen“ – was ist das anderes als Werbung machen? Jesus als solcher braucht keine Werbung, aber er spannt uns vor seinen Karren, seine Sache bekannt zu machen! Ja, auch eine Art Werbung. Aber: Wer kriegt das mit? Das ist ja nicht „nach draußen“. Das ist in Gebäuden, in die muss man erst mal reingehen. Es gibt natürlich Fernsehgottesdienste und auch Angebote im Internet. Wenn man Inhalt haben will, findet man das. Aber das ist passiv. Da kommen nur Leute ran, die schon wissen, wonach sie suchen.

Vielleicht sollten wir den Begriff Werbung klären. Der ist ja verschrien, und wenn es dann noch Reklame heißt! Die gilt als verlogen, damit wird überflüssiges Zeug verkauft ...
Wenn Sie Ihrer Freundin sagen, dass Sie was Tolles gefunden haben oder einen super Arzt kennen, ist das ja auch Werbung. Alles, was ich jemandem weitersage, dass man etwas Gutes da oder dort finden kann, ist eine Form von Werbung.

Also nichts Verlogenes?
Werbung funktioniert nicht, wenn sie Qualität anpreist, die es de facto gar nicht gibt. Wenn ich Werbung mache – auch für Wirtschaftskunden –, muss ich immer prüfen: Stimmt das Produkt mit dem überein, was wir in der Werbung erzählen sollen? Der Kunde kann sich noch so tolle Werbung leisten: Wenn das Produkt nicht hält, was es verspricht, ist es unglaubwürdig. Gilt im Übrigen auch für „Glaubens-Kommunikation“: Ich kann noch so tolle Sachen erzählen – wenn die Leute dann in die reale Gemeindewelt kommen, sieht die Welt leider oft anders aus.

Gute Botschaften gibt's per Handy: Christina Brunner traf Eva Jung in Hamburg© Jörg Böthling
Gute Botschaften gibt's per Handy: Christina Brunner traf Eva Jung in Hamburg

Was sagen Sie als Werbefachfrau: Verkaufen die Kirchen die Botschaft nicht gut genug?
Ja. Wir als Agentur arbeiten inzwischen viel für die Kirche. Unsere Erkenntnis, die wir auch in Vorträgen immer wieder vermitteln: Ihr schafft es nicht mehr, eure Inhalte so zu übersetzen, dass die Menschen sie verstehen. Ich gebe mal ein Beispiel aus der klassischen Wirtschaftswerbung: Wenn ich ein Auto verkaufen möchte, komme ich nicht weit, wenn ich den Leuten die Einspritzpumpe erkläre. Das interessiert die nicht. Um etwas zu verkaufen, muss man die Vorteile herausarbeiten, die für den Alltag der potenziellen Käufer relevant sind. Etwas, das die Menschen auf Anhieb verstehen. Und deshalb muss ich den Leuten nicht mit Hebräisch und Griechisch kommen und Theologie erklären, sondern muss ihnen sagen, wofür dieser Glaube im Alltag nützlich ist. Wenn ich das nicht schaffe – in kurzen Sätzen, die einleuchten –, dann habe ich meinen Auftrag verpasst.

Und warum klappt das nicht?
Es ist schwierig für die Kirche, denn sie kommt aus einer anderen Kultur. Früher war das höchste Gebäude in der Stadt (auf dem Dorf sowieso) die Kirche. In der Kirche habe ich Musik gehört, ich konnte mich kulturell bilden, hatte gesellschaftlichen Kontakt – es war Entertainment! Früher konnte man nicht jederzeit Radio hören oder den Fernseher einschalten. Man konnte nicht mal ein Buch aufschlagen, denn abends gab es kein Licht, und die meisten konnten nicht lesen. Die Kirche hatte eine sehr zentrale Rolle. Das sehe ich gar nicht negativ – es war kulturfördernd. Kirche vermittelte Bildung und gleichzeitig ihre Botschaft. Heute können wir zu jeder Tages- und Nachtzeit alles abrufen, was wir wollen. Ich brauche nicht in die Kirche zu gehen, um Gemeinschaft zu erfahren oder gebildet zu werden. In dieser neuen Konstellation muss die Kirche ihre Inhalte, das, wofür sie eigentlich steht, wieder neu transportieren. Denn die Gesellschaft lechzt nach diesen Inhalten, da bin ich mir 100-prozentig sicher.

Und diese Inhalte sind?
Werte, Spiritualität. Aber es ist nicht nur das Unsichtbare, sondern auch die Frage: Wie gelingt mein Leben – in jeder Hinsicht?

Gibt es auch Kritiker in denkirchlichen Reihen?
Na ja, zu uns kommen natürlich die, die unsere Art der Werbung wollen. Kritiker wenden sich selten direkt an uns … Aber wir machen unsere Erfahrungen. Wir konzipieren zum Beispiel viel für die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau. Für eine Aktion haben wir Bierdeckel gestaltet: Die Aufgabe war, Religion und Wahrheit zu thematisieren. Wow, das war ein dickes Brett! Wer kennt schon DIE Wahrheit?! Wir stellten uns daraufhin die Frage: „Worum geht es eigentlich im christlichen Glauben?“ Wäre doch schön, wenn man das mal auf den Punkt bringen könnte – oder vielmehr (so wie für die Steuererklärung auch mal gewünscht) auf einen Bierdeckel. Wir zitierten Jesus, der alles auf drei Punkte reduziert hatte: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Auf dem Bierdeckel stand dann „Die ganze Bibel auf einen Bierdeckel“. Die Teile gingen weg wie warme Semmeln. Aber manchen war das zu sehr Schenkelklopfer oder zu reißerisch oder zu einfach. Diese Kritik hören wir immer wieder: „Das ist nicht fundiert genug. Da macht ihr es euch zu einfach …“ Aber ganz ehrlich, Jesus hat es den Menschen auch einfach gemacht: Er hat ihnen einfache Geschichten aus ihrem Alltag erzählt, um ihnen tiefe theologische Wahrheiten zu vermitteln.

Die vertrauten Botschaften anders gesagt© Jörg Böthling
Die vertrauten Botschaften anders gesagt

Erklären Sie doch mal „Ostern“ ganz anders!
Auf meiner Homepage godnews.de habe ich zum Thema Ostern mehrere Motive gemacht. „Jesus unstoppable“. Oder „Nach sieben Wochen fasten jetzt 7x70 Wochen feiern“. Ich finde es schade, dass man viel Wert auf die Fastenzeit legt, und dann kommt Ostern, und das Feiern der Auferstehung ist ganz schnell abgehakt. Dabei könnte man jetzt auch mal richtig viel – also 7x70 Mal – feiern.
Das hier kann ich auch noch bieten: „An Ostern gibt es viel zu suchen – und vor allem zu finden.“ – „Ostern ist das Ende vom Ende.“ Das soll die Leute zum Nachdenken bringen. Ich finde es spannend, wenn einem die Botschaft auf eine Art begegnet, wie man sie normal so nicht kennt. Werbung muss ja nicht unbedingt alles zu Ende erklären: Sie muss nur den Anstoß geben, damit Menschen sagen: Das will ich mir mal näher ansehen. Mehr muss sie gar nicht schaffen.

Sie sind ein gläubiger Mensch. Hilft das bei Ihrer Arbeit?
Ja! Als ich früher in einer großen Werbeagentur gearbeitet habe und für Autowerbung Leute gesucht wurden, sagte man immer: Die müssen Benzin im Blut haben. Man muss auf das, was man macht, Lust haben. Es gibt namhafte Werbeagenturen, die von der Kirche beauftragt werden. Das ist gut fürs „Namedropping“, aber für viel mehr leider oft nicht. Die Agenturen können meist nur die Schublade bedienen, von der sie denken, dass die Kirche da reingehört. Aber sie haben keine Vision. Wir haben für die evangelische Kirche zum Beispiel mal etwas zum Thema Buß- und Bettag entworfen. Wirklich kein Wahnsinns-Thema für Werbeleute. Unser Vorschlag war, zum Buß- und Bettag mal einen „Blick unter den Teppich“ zu wagen: „Buße – Hausputz für die Seele. Aufräumen wagen, Erleichterung entdecken.“ Man muss die Inhalte verstehen, um sie „neu“ zu kommunizieren. Nur hübsch machen hilft gar nichts. Glaube muss alltagstauglich werden. Ich weiß, ich wiederhole mich da. Aber so sehe ich das eben. Glaube muss runter vom Podest und rein in den alltäglichen Gebrauch. Sonst ist er überflüssig.

Lesen Sie selbst regelmäßig in der Bibel?
Jeden Tag! Ich hab‘ die Bibel schon mehrmals komplett gelesen, immer in einer anderen Übersetzung.

Gibt es eine Lieblingsbibelstelle?
Eine?

Oh ...
Kennen Sie die Wertvollworte? Das sind Bibelspruchkarten der anderen Art: Vorne ist ein Begriff drauf, Wörter, die man in unserem Sprachgebrauch durchaus benutzt. Und wenn man die Karte umdreht, folgt die Bibelstelle. Ein Beispiel: „Gastgeber“– und auf der Rückseite: „In Jerusalem wird der Herr der Allmächtige ein großes Fest für alle Völker geben ...“ Wenn ich diesen Text ohne das Wort „Gastgeber“ gesagt bekomme, dann lese ich: „In Jerusalem“, das ist nicht um die Ecke. „Der Herr der Allmächtige“ – ja wer ist denn das jetzt? Wenn ich das lese als Nicht-Eingeweihter, macht es nichts mit mir. Wenn ich aber mit dem Wort „Gastgeber“ in Empfang genommen werde, habe ich ein Bild vor Augen. Da denke ich an mich selber: Ich richte den Tisch her, „nur das Beste für die Gäste“ – und dann lese ich diesen Bibeltext. Dann macht der was mit mir, egal, ob man an Gott glaubt oder nicht. Von diesen Karten gibt es über 100 Motive. In diesen Kartensets steckt im Prinzip meine Lieblingsbibelstellen-Sammlung drin.

Sie sagen in einem Interview: „Ich verstehe Gebet als Gespräch mit Gott, und das pflege ich eigentlich den ganzen Tag über.“ Ist Arbeiten auch Gebet?
Ich sehe Gott als Person, und zu dieser Person pflege ich eine Beziehung. Meinen Mann oder meine Freundin habe ich auch nicht den ganzen Tag auf dem Schirm. Trotzdem pflege ich diese Beziehungen. Für mich ist Beten nicht nur, sich in eine ruhige Ecke zu verziehen. Beten ist für mich ganz nah – wenn ich es brauche. Sofort. Und im besten Fall ist das nicht nur eine Einbahnstraße. Wenn ich davon ausgehe, dass Gott mit mir unterwegs ist, dann ist es auch an ihm, mir Inputs zu geben im ganz normalen Alltag. Kreativen Menschen ist oft gar nicht bewusst, dass ihre Kreativität aus der Quelle stammt, die die ganze Welt erschaffen hat. Und gläubige Menschen haben oft nicht auf dem Schirm, dass sie an einen Gott glauben, der ganz schön kreativ ist. Der auch Sachen macht, die wir uns gar nicht erlauben würden. Der uns so viel Macht in die Hand gibt, dass wir die Welt innerhalb von ein paar Sekunden in die Luft sprengen können. So viel Freiheit gibt er uns. Wir meinen oft, Gott in Kästchen packen zu können. Das finde ich schade, und deshalb reizt es mich, den Menschen dieses Spannende, dieses „Mehr“ rüberzubringen. Denkt doch mal anders! So verrückt ist Gott und so lustig auch. Woher soll denn der Humor sonst kommen? Ich finde es klasse, die Menschen in ihrem Selbstverständlichen und in ihrem Verständnis von Gott aufzurütteln – zu unterbrechen.

Christina Brunner

April 2018

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Zur Person

Eva Jung, Kommunikations-Designerin aus Hamburg, hat für viele bekannte Marken in diversen Werbeagenturen gearbeitet und zahlreiche nationale und internationale Kreativ-Preise gewonnen. 2010 gründete sie mit Freunden die Agentur gobasil GmbH (www.gobasil.com). Die 49-Jährige wurde evangelisch getauft und engagierte sich später in einer Freikirche. Mehr über ihre Arbeit auch auf godnews.de

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