Steyler Welt

Pater Marian, der Manager

In Kpalimé im Osten Togos führt Pater Marian Schwark mit den Mitteln der heutigen Zeit fort, was Steyler Pioniere vor über 100 Jahren aufgebaut haben

Was woanders nicht mehr gebraucht wird, nimmt Pater Marian gerne für seine Mission© Achim Hehn
Was woanders nicht mehr gebraucht wird, nimmt Pater Marian gerne für seine Mission

Als Pater Nicolaus Schönig und Bruder Willibrord Adolphi sich 1902 auf den Weg zu ihrem neuen Bestimmungsort machten, lagen mehrere anstrengende Tagesmärsche vor ihnen. 120 Kilometer mussten sie bewältigen, auf unbefestigten Wegen, von Lomé, der Hauptstadt von „Togoland“, bis nach Kpalimé, wo sie am 2. April den Grundstein für die Mission und die neue Kapelle legten auf einem Grundstück, das ihnen der Häuptling Gidigidi geschenkt hatte. Bruder Willibrord, ein feuriger Mann von 23 Jahren, war beim Neubau ganz in seinem Element, sodass die Missionare schon Anfang August das untere Stockwerk des Baus beziehen konnten. Die Pforten der Kapelle öffneten sie am 7. September. Man weihte sie dem Heiligen Geist.

Wenn Pater Marian Schwark heute in der Heiliggeistkathedrale von Kpalimé steht – der 1914 geweihten Nachfolgerkirche der kleinen Kapelle von damals – ist er immer wieder überwältigt. Überwältigt angesichts dessen, was die Steyler Missionspioniere vor mehr als 100 Jahren mit bescheidenen Mitteln auf die Beine gestellt haben. „Die haben in so kurzer Zeit so viel geleistet“, sagt er, den Blick auf die prächtigen Buntglasfenster gerichtet, die das Gotteshaus in ein warmes Licht tauchen. „Ich selbst bin jetzt schon 40 Jahre hier. Aber an die Verdienste der Pioniere komme ich nicht heran.“

Das 2011 aufwendig sanierte Gotteshaus: Es hebt sich unwirklich von den Hütten und Zweckbauten der viertgrößten Stadt Togos ab. Pater Schwark lenkt seinen Geländewagen in Richtung Berge. Die 700 Meter Höhenunterschied ins Bergdorf Hanyigba Todzi bewältigt er in knapp einer halben Stunde. Vor 100 Jahren bedeutete ein Besuch hier für die Missionare noch: viele Stunden Fußmarsch, auf steilen und gefährlichen Wegen. „Wenn die Missionare von damals hier oben Sonntagsgottesdienst hatten, blieben sie deshalb meist das ganze Wochenende“, sagt Pater Schwark. „Das war einerseits zeitraubend, aber andererseits haben sie dadurch auch viel mehr Zeit mit der Lokalbevölkerung verbracht als wir heute. Sie waren noch dichter dran an den Menschen, weil sie mit ihnen aßen, tranken und in den Hütten der Menschen übernachteten.“

War früher also alles besser in jenem Land, in das Arnold Janssen 1892 die ersten Missionare sandte? „Es war anders“, meint Pater Schwark. So wie das Missionsverständnis. Von „353 Taufen, 4 927 heiligen Beichten und 52 Trauungen im Jahre 1908 in Kpalimé“ berichtet der Steyler Missionsbote 1909/10. Es war die Zeit der Erstevangelisierung, von „Mission auf Augenhöhe“ ganz sicher noch weit entfernt. „Heute ist unsere Arbeit von einem ganz anderen Respekt geprägt“, meint Pater Schwark. „Wir drängen den Menschen nicht das Christentum auf, sondern möchten durch unser Zeugnis bewirken, dass sie sich fragen: Wer bin ich eigentlich? Und warum bin ich hier? Wir bekehren nicht. Es ist Gott, der die Herzen der Menschen bekehrt. Wir müssen nur Zeugnis von ihm geben.“

Die Heiliggeist-Kathedrale in Kpalimé wurde vor über 100 Jahren von Steylern gebaut© Achim Hehn
Die Heiliggeist-Kathedrale in Kpalimé wurde vor über 100 Jahren von Steylern gebaut

Jammern hilft nicht
Eine Missionsdevise aber ist geblieben: Die Sorge für die Menschen endet nicht an der Kapellentür. Schon Pater Nicolaus Schönig und Bruder Willibrord Adolphi etablierten Schulen und Krankenstationen in Kpalimé, zeigten den Menschen, wie man Lehmziegel herstellt. „Jesus hat ja auch nicht nur das Wort Gottes verkündet“, sagt Pater Schwark. „Er hat gesehen und geheilt.“ Entsprechend findet sich auch im Bergdorf Hanyigba Todzi gleich neben der Kirche eine Krankenstation. Pater Schwark „managt“ sie, genau wie die vielen Kindergärten, Schulen und Brunnenanlagen in der näheren Umgebung, auf denen kleine Schildchen davon künden, dass er beste Connections zu Wohltätern und Hilfswerken, Bistümern und Stiftungen auf der ganzen Welt unterhält. Ein Erbe seiner Zeit als Caritas-Direktor in Togo.

„Ich halte es mit dem Evangelium: Wer anklopft, dem wird aufgetan“, sagt Pater Schwark, inzwischen wieder am Steuer seines Wagens. „Wenn man etwas ändern will, hilft es nicht, zu jammern. Man muss schreiben.“ Und so stellt er unermüdlich Projektantrag um Projektantrag. „Manches wird abgelehnt“, sagt er. „Aber vieles kommt auch durch.“ Zu seinen jüngst realisierten Projekten gehört eine kleine Markthalle in Hanyigba Duga, die man stolz nach ihm benannt hat. Einer lokalen Farm, deren Ertrag 30 Familien zugutekommt, hat er Finanzmittel von Wohltätern aus Mailand besorgt. Noch im Aufbau befindet sich eine lokale Autowerkstatt, in der Pater Marian Auszubildende zum Mechatroniker unterstützt. Damit sie später auf eigenen Beinen stehen können.

Ein Glasfenster aus der Brauerei
Pater Schwarks Handy klingelt, schon wieder. Auf Französisch, Deutsch, Englisch und Polnisch plant, organisiert und verhandelt er sich durch die Weltgeschichte. Was andernorts nicht mehr gebraucht wird, wird in Kpalimé zweitverwertet. Beispiel: Die Kirche in Hanyigba Duga. Die Glocken hat der Steyler Missionar aus Polen herbeigeschafft, der Tabernakel stand mal im Münchner Pius-Kolleg der Steyler, eine Monstranz stammt aus einem aufgelösten Kloster im Erzbistum Köln. Die schönste Wandlung hat eines der Glasfenster hinter sich: Es war einmal im Kölner Brauhaus „Päffgen“ im Einsatz, seine umrundete Mitte zierte dort ein großer Bierkrug. Pater Schwark ließ ihn von einem Glasmaler durch eine Taube ersetzen. Statt für Kölsch steht das Fenster nun für den Heiligen Geist.

In der Schreinerei lernen die jungen Männer das Handwerk. Pater Marian untrerstützt sie© Achim Hehn
In der Schreinerei lernen die jungen Männer das Handwerk. Pater Marian untrerstützt sie

„Wichtig ist bei allem: Wir machen das nicht nur für die Menschen hier, sondern vor allem mit ihnen“, sagt Pater Schwark und winkt ein paar neugierigen Mädchen aus dem lokalen Kindergarten zu. Das enge Vertrauensverhältnis zwischen Missionaren und Lokalbevölkerung sieht er auch in den Taten der Steyler Pioniere begründet. „Viele erinnern sich verklärt an die Deutsche Kolonie Togo“, meint er. „Manche aus dem Volk der Ewe sagen: ‚Unser Mund spricht französisch, aber unser Herz schlägt deutsch.‘ Vor allem aber haben sie nicht vergessen, dass die Missionare – trotz aller Verbindungen von Mission und Politik, die man nicht leugnen darf – die Lokalbevölkerung gegenüber den Kolonialbeamten in Schutz genommen haben.“

Beispiel: Der Fall Adjaro. Am 23. Mai 1903 wurden Bruder Willibrord Adolphi und einige seiner Mitbrüder festgenommen, weil die Steyler den Bezirksleiter von Atakpamé, Geo A. Schmidt, wegen Sittlichkeitsvergehen angezeigt hatten. Ihr Vorwurf: Der deutsche Kolonialbeamte habe sich an einem Mädchen, der damals zwölfjährigen Adjaro, vergangen. Weitere Fälle sind überliefert, in denen die Missionare die Handlungs- und Lebensweisen bestimmter Kolonialbeamter kritisierten und für die Lokalbevölkerung Partei ergriffen. Manche haben Staub aufgewirbelt, sogar bis in den Berliner Reichstag.

„Ich bewundere ihr Gottvertrauen“
Pater Marian Schwark hat inzwischen das Gelände des neuen Missionshauses vor den Toren der Stadt erreicht. Hier wohnt er gemeinsam mit seinen Mitbrüdern Theodor und Modeste. Das Speisezimmer erinnert an eine deutsche Bauernstube, und tatsächlich haben diese Möbel mal in einem Haus in Marian Schwarks Heimat gestanden. Einer Heimat, zu der er inzwischen ein zwiespältiges Verhältnis hat. „Deutschland ist mir schon ein wenig fremd geworden“, sagt er. „Die Deutschen jammern mir zu viel, obwohl es ihnen nicht schlecht geht. Hier haben die Menschen nicht viel und strahlen trotzdem vor Freude.“

In der Eingangshalle des Missionshauses schauen sie gestreng von der Wand, in großen Bilderrahmen: Pater Nicolaus Schönig aus dem Erzbistum Freiburg und Bruder Willibrord Adolphi aus dem Bistum Essen. „Ihr Gottvertrauen ist vielleicht das, was ich am meisten an ihnen bewundere“, sagt Pater Schwark. „Wenn heute ein Missionar ernsthaft krank wird, wird er sofort ausgeflogen und in der Heimat medizinisch behandelt. Damals sind so viele Missionare schon in jungen Jahren an Malaria oder am Schwarzwasserfieber gestorben. Davon haben sich die beiden nicht schrecken lassen, sind hierhergekommen und haben Unglaubliches geleistet, bis 1918 alle Missionare ausgewiesen wurden.“
Erst 1974 durften die Steyler zurückkehren. Pater Marian Schwark gehört zu den Pionieren einer neuen Generation. Sein Handy klingelt. Eine neue Mission?

Markus Frädrich

April 2018

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