Glauben

"Das ist mein Platz"

Bruder Stan ist am Ziel seiner Sehnsucht: Als Eremit lebt er in einer der letzten bewohnten Einsiedeleien Europas im Salzburger Pinzgau

Von April bis November hat der gebürtige Belgier Stan Vanuytrecht seinen Platz in den Bergen. Für die vielen Besucher ist der Eremit ein Exot und geistlicher Begleiter zugleich© Walter Schweinöster
Von April bis November hat der gebürtige Belgier Stan Vanuytrecht seinen Platz in den Bergen. Für die vielen Besucher ist der Eremit ein Exot und geistlicher Begleiter zugleich

In diesen Tagen startet Stan Van­uytrecht in der kleinen Gebirgsstadt Saalfelden in seine zweite „Saison“. Reich beschenkt fühlt sich der 59-jährige Belgier nach dem ersten Jahr als Eremit: „Ich war abends todmüde, aber glücklich müde“, erzählt er lächelnd, während er zufrieden an seiner Pfeife pafft. Er ist der erste Ausländer am „Palfen“, dem felsigen Berg, in den sich die Klause schmiegt. Ein Einsiedler im strengen Sinn ist Bruder Stan allerdings nicht: Von frühmorgens bis in die Abendstunden kommen Einheimische hinauf, um mit ihm auf rund 1000 Metern Seehöhe zu plaudern, ihre Sorgen und Freuden mitzuteilen. „Ja, die Bewohner, die brauchen ihren Eremiten.“ Aber auch Touristen wandern durch den dichten Wald in 15 Minuten den schmalen Weg vom Parkplatz zur Klause hinauf und genießen den herrlichen Ausblick auf die Dreitausender der Hohen Tauern.

Stan Vanuytrecht hat jeden Tag viel zu tun. Er will nicht nur beten, zuhören und Trost spenden, sondern auch mit den Händen arbeiten – „Ora et labora. Bete und arbeite.“ Er mäht die Böschung, säubert den Weg, schneidet die Sträucher und tauscht den Blaumann mit der schwarzen Kutte, wenn Gäste kommen. Gleich nach seinem „Antritt“ als Einsiedler zu „Georgi“ am 23. April des Vorjahres, hat Stan die mehr als 350 Jahre alte Eremitage liebevoll gestaltet: Hat 200 Kilogramm Blumenerde hinaufgeschleppt, auch 27 Blumenkistchen und jede Menge Petunien, Geranien und Margeriten.

Bruder Stan genießt die Sicht auf die Hohen Tauernzoom© Walter Schweinöster
Bruder Stan genießt die Sicht auf die Hohen Tauern

Mit den Blumen teilt er sich das Regenwasser aus der 350-Liter-Tonne, nützt es für seine „Katzenwäsche“, zum Zähneputzen, zum Kochen der Kartoffeln, zum Bürsten seiner Wäsche mittels Waschbrett. Am Palfen gibt es keinen Strom, kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser. Dafür aber – so Stan – die „schönsten Strahlen der Welt“ – den Kerzenschein. Er genießt die Nachbarschaft eines Turmfalken im Fels und die Stille, die Kontemplation, das Gebet in den Morgen- und Nachtstunden. „Es ist so ein schöner Platz hier. Ich darf die Früchte meiner Vorgänger ernten, die alles ordentlich gehalten haben und das Vertrauen der Menschen erhielten“, sagt der Eremit, der jetzt die öffentliche und die private Kapelle restaurieren will. Ein Türchen mit einer Glocke zum Läuten hat er vor der Klause angebracht. Denn diese sei nicht Besichtigungsobjekt, sondern Rückzugsort.

Jahre der Suche
Das Medienecho auf die „Stellenausschreibung“ nach einem neuen Bewohner für die Einsiedelei in Saalfelden war groß. Pfarre und Stadtgemeinde Saalfelden wählten schließlich den Belgier Stan aus mehr als 50 Bewerbern aus. „Er hat uns wissen lassen, dass er für längere Zeit als Einsiedler in Saalfelden leben möchte“, erklärt Bürgermeister Erich Rohrmoser. Ausschlaggebend für die Wahl waren aber auch seine Lebenserfahrung und sein soziales Engagement. Sein eigenes Leben sei nicht immer einfach gewesen, betont Stan. Der Vater zweier Kinder und dreier Enkel blickt auf viele Jahre der Suche zurück: Er bricht ein Studium ab, lässt sich zum Artillerieoffizier ausbilden und ist danach zwei Jahre in Deutschland stationiert. Aus dieser Zeit stammen seine Deutschkenntnisse.

Später studiert er Vermessungswesen und arbeitet bis zu seiner Pensio­nierung 2014 für Energieversorger. Der bekennende Katholik versieht außerdem als freiwilliger Sanitäter Nachtdienste in der Notaufnahme eines Krankenhauses. 2005 beginnt er mit der Ausbildung zum ständigen Dia­kon. Im Rahmen seines Praktikums betreut er obdachlose Menschen, Alkoholiker und Drogenabhängige. 2015 wird Stan zum Diakon geweiht. In dieser Funktion arbeitet er ehrenamtlich in einer Pfarrei, besucht Patienten in der Psychiatrie.

Das Leben in der jahrhundertealten Klause ohne Strom und fließendes Wasser ist oft hartzoom© Walter Schweinöster
Das Leben in der jahrhundertealten Klause ohne Strom und fließendes Wasser ist oft hart

Medienstar wider Willen
„Als ich von der Eremitage in Saalfelden gelesen habe, dachte ich mir: Das ist mein Platz. Hier will ich sein.“ Die Stille am Morgen und am Abend sowie der intensive Kontakt mit den Besuchern tagsüber sind für ihn die ideale Kombination. Das anfangs enorme (Medien)-Interesse an seiner Person sei ihm dann doch zu viel gewesen – mit täglichen Interviews und sogar einer Drohne mit Kamera, die ihn durch das Fenster fotografiert. Mittlerweile ist aber Normalität eingekehrt. „Griaß enk“, sagt der Belgier im Dialekt zu Besuchern, die ihm Obst und Schokolade mitgebracht haben. Und Holzscheite, die am Fuße des Berges für ihn aufgeschichtet bereitstehen.

Auf dem Holzofen wird nicht nur gekocht, er muss sogar bei warmem Wetter geheizt werden. Dann nämlich, wenn nach starkem Regen Bettlaken und Kleidung nass sind. Der Diakon zeigt ins Innere seiner kargen Behausung am Fels. Hier plant er, den Korridor mittels LED-Lampe zu beleuchten. „Weil ich mir bei den niederen Türen den Kopf anstoße“, schmunzelt der 1,93 Meter große Mann, der sein Handy mit einer kleinen Solarplatte lädt. Es schlägt eine Minute vor 7, 12 und 19 Uhr Alarm, um ihn an das Läuten der Glocke mit dem Seil zu erinnern. Zweimal die Woche marschiert Stan ins Tal, um einzukaufen und sich in einer Sportanlage zu duschen. Weil er aber nach dem Aufstieg erneut verschwitzt ankommt, will der talentierte Heimwerker nun einen 110-Liter-Regenwasser-Kanister zum Kaltbrausen in die Klause einbauen.

Bruder Stan nimmt die Nöte und Anliegen der Besucher in sein Gebet aufzoom© Walter Schweinöster
Bruder Stan nimmt die Nöte und Anliegen der Besucher in sein Gebet auf

Mitgefühl gelernt
Stan hat ein feines Gespür für Menschen in Not. So erkannte er auch sofort den stillen Hilfeschrei einer Besucherin, die aufgewühlt auf der Bank vor der Klause saß. Sie entfaltete einen Brief, der eine schlimme Nachricht enthielt. „Warum nur, warum?“, fragte sie. „Wir können Gott nicht verstehen, dafür sind wir zu klein“, sagt der Einsiedler, fügt aber hinzu: „Aber wir dürfen schreien, weinen, böse sein.“

Einem anderen Gast, der ihm vom Verlust eines geliebten Menschen erzählte, bietet er an: „Willst du beten?“ und ergänzt: „Wenn nicht, dann bete ich für dich.“ Stan möchte seinem Gegenüber spürbar machen, „dass Gott einen wie ein Mantel umfängt“. Diese Gnade werde allen zuteil, „die nach ihm dürsten“, sagt er. Er selbst habe oft mit seinem Leben gehadert – nach seiner Scheidung, nach dem beinahe finanziellen Ruin. Dann erzählt er von dem Erlebnis, das dazu führte, dass er sich zum Diakon ausbilden ließ. Ein Drogensüchtiger war zusammengebrochen. „Bitte, halte meine Hand“, fleht dieser Stan im Krankenwagen an. Der reicht sie ihm – ohne Handschuhe. „Warum mach’ ich das?“, fragt er sich und gibt sich selbst die Antwort: „Weil ich die Menschen liebe. Und woher kommt die Liebe? Von oben.“

Christine Schweinöster

Mai 2018

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1664 ließ sich der erste Eremit am Berg nieder. Als Unterkunft diente ihm eine Klause, die er an den Felsen baute. Die Einsiedelei von Saalfelden ist eine der wenigen in Mitteleuropa, die noch von Eremiten bewohnt wird. Die „Saison“ für den jeweiligen Bewohner dauert von Ende April bis November. Während der Wintermonate ist die Klause nicht bewohnbar. Auf Bezahlung hat der Eremit keinen Anspruch: Er muss für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen.