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Heimat - wo die Seele zu Hause ist

Ihr Haus mit dem schönen Garten? Weg! Das Gotteshaus im Ort? Abgerissen! Marina und Bodo Eitze haben ihre Heimat verloren und wohnen jetzt in einem neuen Dorf. stadtgottes war zu Besuch bei den Braunkohle-Umsiedlern

Bodo und Marina Eitze schauen mit gemischten Gefühlen auf ihr neues Dorf© Achim Hehn
Bodo und Marina Eitze schauen mit gemischten Gefühlen auf ihr neues Dorf

Junge Bäume säumen den Straßenrand, während an ihnen die Autos leise über die glatte Asphaltdecke rollen. Im Bushäuschen machen es sich die Wartenden gemütlich und lassen den Blick über den gestalteten Marktplatz mit der Kapelle im Hintergrund schweifen. Schick, neu und modern nennen die einen diesen Ort. Steril, unnatürlich und kalt nennen ihn die anderen. Zu denen gehören Bodo und Marina Eitze. Das pensionierte Ehepaar lebt in Neu-Immerath. Ein Neubaugebiet, wie es viele in ländlichen Gebieten gibt. Doch die Neubaugebiete zwischen Grevenbroich und Erkelenz (Niederrhein) haben einen bitteren Beigeschmack: Sie sind entstanden, weil alte Dörfer dem Braunkohle­-Tagebau weichen mussten. Weil unter Immerath, Borschemich, Otzenrath und 13 anderen Dörfern im Rheinischen Braunkohle-Revier 1,3 Milliarden Tonnen des fossilen Brennstoffs liegen, die darauf warten, verheizt zu werden.

Nur acht Kilometer liegen zwischen Alt- und Neu-Immerath. Doch emotional betrachtet, sind es Meilen. Zumindest für Marina Eitze. Der ehemaligen Chefarzt-Sekretärin steigen Tränen in die Augen, wenn sie von der Umsiedlung spricht. Sie ist in Immerath geboren und aufgewachsen. „Das war meine Heimat, und die ist weg“, sagt die 66-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie auf 170 Quadratmetern gelebt. Sie hatten ein großes Treibhaus, einen riesigen Garten. Viele Tiere. Rechts und links keine direkten Nachbarn. „Es war unser Paradies“, sagt der Kfz-Meister und erzählt weiter: „Vor unserem Haus stand eine sehr alte Eiche. Immer, wenn ich von einer Reise zurückkam und die Eiche sah, wusste ich, ich bin zu Hause.“

Wehmütig schaut sich Bodo Eitze Fotos seines alten Hauses an© Achim Hehn
Wehmütig schaut sich Bodo Eitze Fotos seines alten Hauses an

Dieses Gefühl von Heimat und Geborgenheit stellt sich bei den Eitzes im neuen Haus nicht ein. In der ersten Nacht lag Marina Eitze lange wach: „Ich wollte wieder nach Hause.“ Ihr Mann ergänzt: „Es war, als käme ich in eine Ferien­wohnung. Ein Zuhause auf Zeit.“ Der Umzug nach Neu-Immerath ist fast neun Jahre her. Was am meisten schmerzt: „Wenn Menschen umziehen, haben sie auch nach Jahren noch die Möglichkeit, zum alten Haus hinzufahren, es den Enkeln zu zeigen und zu sagen, schau mal, hier haben Oma und Opa gewohnt. Das können wir nicht!“, sagt Marina bitter. Denn dort, wo Marina und Bodo Eitze gelebt haben, ist jetzt ein Loch.

Die Basilika wurde abgerissen
Anfang des Jahres musste das letzte Mahnmal den Baggern weichen: der Immerather Dom. Die Basilika aus dem Jahr 1891 wurde unter großer Anteilnahme abgerissen. Schon im Oktober 2013 wurde sie entwidmet. Das Taufbecken, vier der sechs Glocken, Statuen und Figuren zogen in die neue Kapelle in Immerath um. Vom Garten aus konnten die Eitzes die beiden Türme sehen. Als sie weg waren, ging das letzte Stück Heimat. Von ehemals 1200 Immerathern sind etwa 600 ins neue Dorf umgesiedelt. Neben den „Alten“ haben viele Familien mit Kindern die Chance genutzt, sich in dem Neubaugebiet ein Eigenheim zu schaffen. Wenn die beiden sich Bilder ihres alten Hauses ansehen, haben sie gemischte Gefühle. Marina Eitzes Herz wird wohl immer an ihrem „Paradies“ hängen. Bodo Eitze hat seinen Frieden gefunden. „Ich habe mich mit der Situation abgefunden.“

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Gräber der Ordensfrauen

Neben dem Soldaten- und dem Gemeindefriedhof mussten auch die Gräber von etwa 40 Ordensschwestern umgesiedelt werden. Das alte Immerather Krankenhaus wurde ursprünglich durch den Orden der Töchter vom Heiligen Kreuz betrieben. Vom Garten ihres alten Hauses aus konnte das Ehepaar Eitze den Friedhof der Ordensfrauen sehen. „Eines Tages kamen Lastwagen mit Särgen. Die alten Gräber wurden ausgehoben und die Überreste der Nonnen in die Särge verteilt. Eine unheimliche Geschichte“, erzählt Bodo Eitze.

Steffi Mager

Mai 2018

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Was ist für Sie Heimat?

„Meine Wurzeln sind zu Hause bei meinen Eltern in Boisheim. Ich schlafe, wenn ich dort bin, auch noch in meinem alten Kinderzimmer. Heute sieht es jedoch anders aus, wobei meine Kinderbibel immer noch in diesem Zimmer steht. Mein Lebensmittelpunkt ist Köln geworden. Wenn ich mit dem Auto über die Brücke fahre begrüße ich den Dom: „Tach Jong“. Ich bin ein Kölsches Mädsche geworden. Bei der Geburt meiner Söhne war mir auch ganz wichtig, dass ich in Köln entbinde, damit sie echte Kölner werden.“
Mirja Boes, 46, Komikerin


„Heimat ist das, wo man sich ärgert, wenn Rechtsradikale in die Nähe der Macht kommen. Heimat ist aber auch da, wo bestimmte Emotionen in mir aufsteigen, wo ich Gerüche wahrnehme und sage, das ist mein Geruch. Das können Bratkartoffeln, der Geruch der Metro oder eine frische Brise sein. Es gibt Orte, wo ich ein heimatliches Gefühl habe, da merke ich, hier fühle ich mich zu Hause, Städte wie New York, Paris, Berlin.“
Ulrich Wickert, 75, Journalist und Autor


„Für mich ist Heimat dort, wo meine Familie ist, das ist jetzt Nordrhein Westfalen, das Ruhrgebiet. Auf der anderen Seite verbinde ich damit aber schon auch die Landschaft in Norddeutschland. Ich bin gerne auf dem Deich, lasse mich dort ordentlich durchpusten, schwimme auch gerne im Meer, besonders in den Wellen.“
Bärbel Höhn, 65, Politikerin


„Meine Heimat ist das grüne Herz Österreichs – die Steiermark. Dort bin ich aufgewachsen, dort wurden meine Emotionen geprägt, dort habe ich Erziehung und Bildung erfahren, dort sind meine kulinarischen Wurzeln. Das sind meine Eltern und Geschwister. Zuallererst ist es das Wahrnehmen der Welt.“
Johann Lafer, 60, Koch & Sachbuchautor