Chinas Kirche - „liebenswert und spannend“

31.05.2017, China

 

Der Steyler Missionar Pater Martin Welling leitet seit 2012 das China-Zentrum in Sankt Augustin. Anfang der Woche kam er von einer China-Reise zurück – kurz vor dem Weltgebetstag für die Kirche in China. Wir haben mit ihm über die Lage der Christen in dem Land, die Verhandlungen zwischen China und dem Vatikan und Eindrücke seiner Reise gesprochen

Moderne Chinesische Kirche in Hejian© China Zentrum / Pater Welling SVD
Moderne Chinesische Kirche in Hejian

Pater Welling, Sie sind frisch von einer China-Reise zurückgekehrt. Wen haben Sie dort getroffen und welche Eindrücke bringen Sie mit?
Wir haben unter anderem Bischof Lishan und andere Priester der Diözese Peking getroffen, während in Shanghai der Bischofsstuhl gegenwärtig unbesetzt ist. Des Weiteren haben wir Pfarreien, ein Waisenhaus, zwei Altersheime mehr in Städten in der ländlichen Gegend besucht, wo wir doch sehr beeindruckt waren von dem missionarischen Eifer der Katholiken dort, wie sie versuchen, bisweilen auch gegen die Vorschriften, den Menschen das Evangelium nahezubringen.

Anders als die protestantischen Hauskirchen hat die katholische Kirche ihre Basis auf dem Land. Hier finden sich aber nur noch kleine Kinder – „Kinder ohne Nestwärme“, weil sie oft ein ganzes Jahr oder länger von ihren Eltern getrennt sind, die als Wanderarbeiter oder „Wander-Unternehmer“ in den großen Städten Chinas arbeiten und nur selten nach Hause kommen – und alte Leute, die nicht selten mit der Erziehung der kleinen Kinder physisch und psychisch überfordert sind. Hier ist es schwer, eine passende Pastoral zu finden. Die Kirche wird sich mehr und mehr auf die Städte konzentrieren müssen, um den wandernden Schäfchen dort Kraft und Trost zu vermitteln. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Kirche Chinas liebenswert und sehr spannend zugleich ist!

Vergangenen Mittwoch, am 24. Mai, war der Weltgebetstag für die Kirche in China. Wie war Ihr Eindruck von der Situation der Christen – besonders von der Untergrundkirche vor Ort?
In China gibt es nur eine katholische Kirche, die sich allerdings verwirklicht in zwei Gemeinschaften: einmal in der sogenannten Patriotischen Vereinigung, die offiziell bei der Regierung registriert ist und sich – zähneknirschend – deren Kontrollen unterwirft, also die „offene“ oder „offizielle Kirche“, und die andere Gemeinschaft, die sich jeglicher Registrierung und Kontrolle vehement widersetzt, die sogenannte „Untergrundkirche“. Beide stehen treu zum Papst und zur weltweiten katholischen Kirche!

Es gibt allerdings auch Gruppen der Untergrundkirchen, die sehr fundamentalistisch, echt „militanter“ Untergrund sind. Diese sind nicht bereit, irgendwie mit der kommunistischen Regierung Kompromisse einzugehen und sich etwa registrieren zu lassen. Sie wollen nicht nur nicht mit der Regierung zusammenarbeiten, sondern auch nicht mit der „offenen Kirche“. So haben sie keine eigenen Kirchengebäude, müssen in Wohnungen die Heilige Messe feiern, in Verstecken die Priesteramtskandidaten heranbilden, leben immer in der Sorge, entdeckt und bestraft zu werden, weil ihre unregistrierten Versammlungsorte illegal sind. Beispiele dafür gibt es zu Hauf – auch in den Hauskirchen, wo die Leute wegen illegaler religiöser Handlungen verhaftet werden. Sie nehmen all das in Kauf und erwarten das von allen Katholiken Chinas.

Andere Gruppen der Untergrundkirche haben ihre eigenen Gebetshäuser, bisweilen teilen sie sich diese sogar mit der offenen Kirche. Sie können fast öffentlich arbeiten, werden aber immer wieder ermahnt und auch bedroht, sich registrieren zu lassen. In manchen Provinzen und Gegenden ist die Kirche sehr stark, dort unternehmen die lokalen Beamten nur wenig, aber in anderen kommt es schon immer wieder zur Auflösung von Veranstaltungen, kurzzeitigen Verhaftungen. Es ist interessant, zu sehen, mit welchen Tricks und mit welcher Kreativität diese Gemeinden versuchen, Schlupflöcher in den Gesetzen und Verordnungen zu finden, um doch ein reges, lebendiges Gemeindeleben und eine intensive, außerhalb der Kirchengebäude verbotene, Evangelisierung durchzuführen. Respekt!

Chinesischer Gläubige betet in einer Wallfahrtskirche© Kirche in Not
Chinesischer Gläubige betet in einer Wallfahrtskirche

Der Weltkirche-Bischof Ludwig Schick hat zum Anlass des Weltgebetstages für die Kirche in China betont, die aktuellen Verhandlungen zwischen Vatikan und China seien in einer sehr wichtigen Phase, ein Konsens bei den Bischofsernennungen könne ein Meilenstein sein.

Sollte es dazu kommen, wäre dies tatsächlich ein Meilenstein in der Geschichte der chinesischen Kirche, aber es ist nicht klar, ob sich ihre Situation dadurch verbessern oder vielleicht sogar verschlechtern würde. Hier geht es schließlich um die Frage, wer am Ende die Macht über die katholische Kirche Chinas hat, China oder der Heilige Stuhl.

In den 90er Jahren geschah das noch recht informell, China und der Vatikan haben Bischofsernennungen zumeist im Geheimen unkompliziert abgesprochen. Bestimmte Geschehnisse um das Jahr 2000 herum, allen voran die Heiligsprechung der chinesischen Märtyrer am höchsten Festtag der kommunistischen Partei, haben die Chinesen dann veranlasst, gegen Einwände des Vatikan eigene Bischöfe zu ernennen, unter anderem sogar unter polizeilichem Zwang, mittels Entführungen oder Hausarresten. Die Selbsternennung der Bischöfe durch die Volksrepublik China wurde unterdessen zum unabdingbaren Prinzip erhoben. Unter dem neuen Papst Franziskus und unter Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin begannen dann im April 2014 neue Verhandlungen.

Bis Ende 2016 haben sich die Delegationen schon fünf Mal getroffen. Die Teilnehmer wurden nie öffentlich gemacht, auch wenn viel durchsickerte, die Inhalte sind eigentlich geheim und so schwirren viele Halbwahrheiten im Dschungel der kirchlichen Gerüchteküche herum.

Das Hauptthema scheint aber zu sein, wer wie die Bischöfe ernennt, vor allem, wer das letzte und entscheidende Wort dabei hat. Der Heilige Stuhl hat laut dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Kirchenrecht einen Alleinanspruch auf Bischofsernennungen.

Die Volksrepublik China wiederum erhebt nach ihrem Grundgesetz für sich selbst auch diesen Anspruch, da es dort nach Paragraph 36 heißt: Die religiösen Organisationen und Angelegenheiten dürfen von keiner ausländischen Kraft (sprich: Vatikan) beherrscht werden. Die Verhandlungen sind äußerst schwierig. Ob sie gut stehen oder nicht, darüber streiten sich die China-Spezialisten auf der ganzen Welt und ebenso die Geistlichen in China selbst. Abwarten!

Wie optimistisch sind Sie und welche Konsequenzen hätte eine Einigung des Vatikan mit China – etwa bei den Bischofsernennungen?
Unter den verschiedenen Antworten von Bischöfen und Priestern, die ich in China auf diese Frage erhalten habe, hat mich eigentlich eine besonders überzeugt – ein Bischof meinte: Wenn wir es auch unter vielen Opfern schaffen – etwa mit einer wie auch immer gearteten Anerkennung der illegitimen Bischöfe – eine von allen Seiten anerkannte Bischofskonferenz Chinas zu etablieren, dann gibt es einen zentralen, eindeutigen Kommunikationskanal zwischen der chinesischen Kirche und der Regierung. Zugleich würden wir auf Augenhöhe stehen mit den Bischofskonferenzen weltweit und könnten unseren Beitrag als vollwertiges Mitglied der katholischen Weltkirche leisten!

Allerdings könnte so etwas zu noch größeren Spannungen in der chinesischen Kirche führen:
Ich habe die „militanten“ Untergrundchristen angesprochen. Sie lehnen konsequent die Verhandlungen des Vatikan mit China ab. Man begegnet dort Priestern und Bischöfen, die zum Teil über 30 Jahre ihres Lebens im Gefängnis und Arbeitslager verbracht haben, weil sie nicht auch nur einen Deut von der Treue zu Rom und zum Papst abweichen wollten. Papst Pius XII. hatte ja 1949 jegliche Zusammenarbeit mit Kommunismus unter die Strafe der Exkommunikation gestellt, sie waren gehorsam und haben unendlich viel Leid erfahren. Viele verstehen nicht, dass im Gegensatz zu der von Pius XII. verkündigten „Wahrheit“ schon Benedikt XVI. 2007 in seinem Brief an die chinesische Kirche zur Zusammenarbeit ermutigte und Franziskus seit 2014 mit den Kommunisten verhandelt, die streng genommen gar keine mehr sind.

„Wahrheit bleibt doch Wahrheit“ brach es aus einem Priester heraus, der über 35 Jahre im Arbeitslager geschuftet hat und jetzt ganz ärmlich im tiefsten Untergrund lebt. Und während diese großartigen Christen, vor allem diese greisen Bischöfe, fast alle Frieden und Ruhe ausstrahlen, im Geist der Vergebung für ihre Peiniger sprechen, sagen: „Wir haben lange gelitten, aber wir werden auch jetzt gehorchen“, sind nicht alle Untergrundchristen dazu bereit. Sie verehren ihre alten „Märtyrer“, helfen ihnen, pflegen sie und sind ob der neuesten Entwicklungen erfüllt von Zorn und bitterer Ohnmacht. Sie wollen sich nicht beugen! Nie!

Andere Gruppen der Untergrundkirche denken ähnlich wie die Katholiken der „offenen“, „offiziellen“ Kirchen: es wäre ja gut, wenn es einen Konsens zwischen dem Vatikan und China gäbe, aber fast alle sind sich sicher: „Die vatikanische Delegation wird fürchterlich über den Tisch gezogen“. Der Argwohn sitzt tief, denn die Verhandlungen sind geheim, es wird nicht einmal offiziell veröffentlicht, wer da den Vatikan vertritt. In der vatikanischen Delegation gibt es dem Vernehmen nach nur einen einzigen Chinesen, der aber nicht in China lebt. Es entscheiden also fast ausschließlich Nicht-Chinesen über das Schicksal Chinas, die mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht leben müssen. Der Hongkonger Kardinal Tong versuchte in einem langen Artikel dem tiefen Misstrauen zu begegnen und den Zweiflern zu versichern, der Papst werde nicht gegen seine eigenen Prinzipien verstoßen!

Chinesische Christen in Hebei empfangen deutsche Gäste. Auch auf dem Bild: Weihbischof Steinhäuser und Pater Wellingzoom© China Zentrum
Chinesische Christen in Hebei empfangen deutsche Gäste. Auch auf dem Bild: Weihbischof Steinhäuser und Pater Welling

Vielleicht sind ja noch vertrauensbildende Maßnahmen geplant, denn sonst bliebe ein Bild im Gedächtnis, bei dem Katholiken, die ihr halbes Leben der Treue zur Weltkirche und zum Papst geopfert haben, unbeachtet am Rande jenes Weges bleiben, auf dem die Delegation mit den illegitimen und teils exkommunizierten Bischöfen zur Vertragsunterschrift mit den chinesischen Behörden schreitet! Wie sollen die Gemeinschaften der chinesischen Kirche dann zusammenfinden? Ich bin überzeugt von der Liebe des Papstes zu China und von seiner Weisheit. So wird er vielleicht doch einen Weg aus diesem Dilemma finden.


Chinas Wirtschaft lahmt zurzeit, der Kampf gegen die Armut gestaltet sich als schwierig, 82 Millionen Menschen fehlt das Nötigste zum Leben. Wie sehr ist Ihnen Armut auf Ihrer Reise begegnet und inwiefern waren chinesische Christen davon betroffen?
Auf unserer Reise konnten wir diesmal nicht in die wirklich armen Berggegenden Chinas fahren. Es gibt immer noch sehr viele Arme, es tut weh und fordert zu mehr Einsatz auf. Dennoch muss man fairerweise sagen: es gibt wohl kein Land auf der Erde, das in den letzten Jahrzehnten so intensiv und erfolgreich gegen die Armut großer Teile der Bevölkerung gearbeitet hat wie China. Natürlich kann man nicht die Augen verschließen vor der Riesenschere zwischen den Superreichen und den Hunderten Millionen armen Menschen in China. Die Gefahr, die darin steckt, hat die Kommunistische Partei Chinas klar erkannt. Hoffen wir, sie handelt entschlossen und schnell, wie sie auch alle Infrastrukturprojekte behandelt, was zeigt: wenn sie wollen, können sie!

Wie haben Sie die neuen Bestrebungen Chinas zur Wiederbelebung der Seidenstraße aufgenommen? Glauben Sie, dass damit auch eine kulturelle Öffnung Richtung Westen einhergehen könnte, wie sie einst durch die Seidenstraße gegeben war?
Darüber wurde bei unserem Besuch sehr viel gesprochen. Die beiden Seidenstraßen (ein Gürtel, eine Straße) werden viele Nationen und Wirtschaften vernetzen und haben durchaus auch mit Armutsbekämpfung zu tun, denn die damit geschaffenen Infrastrukturen nutzen China und den ländlichen Gebieten. Ferner schickt China zu solchen großen Projekten fast immer seine eigenen Ingenieure, auch seine eigenen Arbeiter, seine eigenen Maschinen und bisweilen sogar sein eigenes Material. China wird stark von diesem – eigentlich symbolischen – Konzept profitieren. Es wird dadurch vielleicht sogar der wichtigste globale Player: „Uns hätte nichts Besseres passieren können als dieser Trump“, meinte ein Chinese aus der Wirtschaft. Wo Trump Löcher in die internationalen Vernetzungen schneidet, bauen die Chinesen schnell einen Arm der Seidenstraße hinein!

Die kulturellen und sogar religiösen Implikationen sind durchaus Gegenstand der Forschung in höchsten chinesischen Kreisen. Selbstverständlich gibt es Implikationen, vor allem, weil beide Straßen durch muslimische Gegend führen, vor denen China durchaus Respekt, wenn nicht Sorgen wegen terroristischen Einflusses hat. Wie genau diese kulturellen und religiösen Begegnungen dann Einfluss auf China haben werden, wird man schlicht abwarten müssen. Aber China schaut genau hin!

Claudia Zeisel

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„Es ist interessant, zu sehen, mit welcher Kreativität diese Gemeinden versuchen, eine außerhalb der Kirchengebäude verbotene Evangelisierung durchzuführen. Respekt!“
— Pater Martin Welling, Leiter des China-Zentrums in Sankt Augustin