Papua-Neuguinea

Ein Baby in einem Bilum in Papua-Neuguinea© Jörg Löffke

In Papua-Neuguinea werden die Rechte der Frauen mit Füßen getreten,
die Männer sind die Herrscher. Ein Ort, wo das ganze Leid der Frauen sichtbar wird, ist die kleine Aids-Station der Steyler Missionsschwestern in Mount Hagen. Dort kämpfen die Schwestern um das Schicksal jeder einzelnen Frau

Vorsichtig sticht die Krankenschwester mit einer sterilen Nadel in den Finger der schwangeren Frau. Das Blut lässt sie auf den Streifen des HIV-Schnelltests tropfen. Aufmerksam schaut die junge Frau zu. Sie sieht müde aus. Schon in den frühen Morgenstunden ist sie mit dem Bus aus einem zwei Stunden entfernten Dorf nach Mount Hagen aufgebrochen. Ihr Mann begleitet sie. „Wir haben gehört, dass man sich hier testen lassen kann“, sagt er. Die Steyler Missionsschwester Davida Strojek, 43, nickt.

Auch in dem Dorf, aus dem das Ehepaar kommt, gibt es eine solche Aids-Station und die Möglichkeit zum Schnelltest. „Wenn ihre Nachbarn sie aber in der Station sehen würden, würde sich das schnell herumsprechen und je nach Ergebnis würde die Familie verstoßen oder sogar vertrieben werden“, erklärt Schwester Davida.

Auf das Ergebnis müssen die beiden nun warten. Es ist dieser eine Tropfen Blut, der in 15 Minuten über das Schicksal einer Familie entscheidet. Was passiert mit ihr, wenn sie positiv ist? Wird ihr Mann sie verstoßen? Was ist mit den zwei Kindern, die das Paar bereits hat? Sind sie vielleicht auch infiziert? Und was ist mit dem Ungeborenen unter ihrem Herzen?

Während die Krankenschwester bei dem Ehepaar bleibt, kommen ein Mann und seine vier Frauen in die Station. Im Hochland ist die Vielehe weitverbreitet. Bis zu acht Frauen hat ein Mann. Und von jeder Frau bekommt er fünf und mehr Kinder. Statussymbole, die die Kraft eines Mannes zeigen. Die meisten Frauen sind daher „dauerschwanger“. Das erklärt, warum der Altersdurchschnitt in Papua-Neuguinea bei unter 18 Jahren liegt. Der Mann ist ein sogenannter „big man“, er hat im Clan zu entscheiden, die Frauen haben keinerlei Recht auf Mitsprache. 

Die "bigmen" haben das Sagen

„Meine Frauen werden getestet“, sagt er am Empfang. Eine nach der anderen gibt ihren Namen an. Bevor sie getestet werden, haben sie heute das Glück, von Dr. Suran Fernando, 36, untersucht zu werden. Der australische Arzt, der aus Sri Lanka stammt, kommt alle drei Monate für eine Woche nach Mount Hagen, um in der Aids-Station zu helfen. Ansonsten sind die Schwestern auf sich allein gestellt. Eine Versorgung durch Hausärzte gibt es nicht. „Möchten Sie sich auch testen lassen?“, fragt die Krankenschwester am Empfang. „Nein“, ist die knappe Antwort.

Dass Männer auch ein Risiko für Frauen sind, kommt solchen „big men“ nicht in den Sinn. Dabei sind es gerade sie, die durch den Geschlechtsverkehr mit mehreren Frauen oft die Überträger des Virus sind. Schon in jungen Jahren bekommen sie von ihren älteren Brüdern und Vätern vorgelebt, dass sie das Recht haben, Frauen für ihren Spaß zu benutzen. Einige haben schon mit zwölf Jahren das erste Mal Geschlechtsverkehr, mit 16 können sie heiraten. Die Männer sind faul, hängen auf dem Markt ab und rauchen Marihuana. Die Frauen schuften in den Gärten und mühen sich mit den vielen Kindern ab.
Gewalt in der Ehe und Gruppenvergewaltigungen sind ebenso traurige Wahrheit in Papua-Neuguinea.

„Sie nehmen sich die Mädchen einfach von der Straße weg. Schon die 13-Jährigen“, erzählt Schwester Davida. Die Polizei ist machtlos oder schaut einfach weg. Das ist der Grund, warum die Schwester die beiden einheimischen Novizinnen zu ihrer Ausbildungsstätte mit dem Auto fährt. Zu Fuß dauert der Weg keine 20 Minuten. Aber er ist einfach zu gefährlich. Die Novizinnen tragen deswegen auch ihr Habit. „Das schützt ein wenig“, sagt Schwester Davida. 

Schwangere warten vor einer Krankenstation in Papua-Neuguinea© Jörg Löffke

Das Paar, das noch immer auf das Ergebnis wartet, hatte wie fast alle Menschen in Papua-Neuguinea ungeschützten Sex. Kondome werden in der Aids-Station erst dann kostenlos verteilt, wenn ein Ehepartner positiv getestet worden ist. Die junge Frau schaut zu Boden. Sollte sie positiv sein, ist alles aus. Sie kann weder lesen noch schreiben. Das Formular, das dokumentiert, dass sie über den Schnelltest aufgeklärt worden ist, hat sie mit einem „X“ unterschrieben. Die Krankenschwester versucht, ein lockeres Gespräch mit dem Paar zu führen. Fragt nach den anderen beiden Kindern. Doch nur der Mann antwortet, die Frau verharrt in ihrer Starre. Später wird sie sagen, dass sie große Angst vor dem Ergebnis hatte.

Eine Mutter mit ihrer Tochter kommt in die Station. Die Frau will, dass ihre Tochter getestet wird. „Möchtest du das auch?“, fragt Schwester Davida das Mädchen. Ihre Miene ist versteinert, sie antwortet nicht. „Wir müssen wissen, ob für sie ein guter Brautpreis drin ist“, sagt die Mutter. Brautpreise werden hier schon seit Jahrhunderten bezahlt. Sie gehören zur Kultur. Wie Ware werden die Mädchen von ihrem Vater oder Onkel angepriesen. Ein Mädchen ohne das Virus erzielt natürlich einen höheren Preis. Bezahlt wird in Kina, der Landeswährung, oder ganz traditionell mit Schweinen. Schweine haben bei den Naturvölkern immer noch einen höheren Stellenwert als Frauen. Der meiste Teil des Brautpreises wird auch erst dann gezahlt, wenn das erste Kind geboren wurde, denn ohne Kind sind Ehefrauen weniger wert.

Das alles weiß das Mädchen, das nicht älter als 16 Jahre ist. Wieder sieht die Steyler Missionsschwester das Mädchen an. Kaum merklich nickt es, denn es weiß, dass es sich nicht weigern darf. Der Test wird durchgeführt. 15 Minuten, dann ist das Ergebnis da. Ohne ein Wort sitzen Mutter und Tochter nebeneinander und warten. Dann die Nachricht: zwei Balken! Die Kleine ist positiv! Noch während eine der Krankenschwestern erklärt, was das bedeutet, steht die Mutter auf, flucht und verschwindet. Allein. Was aus dem Mädchen wird? „Ich weiß es nicht. Zu seinen Eltern wird es nicht zurückkönnen“, sagt Davida.

Das sind die Erlebnisse, die Schwester Davida noch lange begleiten. Manchmal sitzt sie abends in ihrem Zimmer und weint wegen der Mädchen. Die jungen Frauen kennen das Weinen um ihrer selbst nicht. Sie ertragen ihr Schicksal. Ein Schicksal, das viele mit ihnen teilen. Es ist traurige Normalität im Hochland. „Ich baue mich dann mit schönen Erlebnissen wieder auf.“ Eine junge Familie kommt ihr in den Sinn. Die Eltern sind positiv, aber das Kind dank der Hilfe von den Schwestern und ihren Medikamenten negativ. Der kleine Sohn ist es heute, der seine Eltern daran erinnert, dass sie ihre Medikamente nehmen müssen. Wenn HIV-Infizierte sie auch nur drei Tage nicht einnehmen, dann braucht es 14 Tage, um das Versäumte aufzuholen.

Schwester Davida Strojek© Jörg Löffke

Die Medikamente sind kostenlos. Dafür sorgt die australische Regierung. Die Australier setzen sich sehr stark für die Aids-Bekämpfung in Papua-Neuguinea ein. Auf großen Plakaten klären sie die Menschen über Aids und HIV auf. „Die australische Regierung hat Angst, dass Aids auch in ihr Land kommt, daher schenken sie uns die Medikamente und bezahlen die Ärzte, die zu uns kommen. Dabei sterben die meisten HIV-Infizierten nicht an Aids, sondern an Malaria und Tuberkulose“, sagt Schwester Davida. Und gegen diese Krankheiten schickt die Regierung in Canberra viel zu wenig Medikamente. Vor diesen Krankheiten haben die Australier keine Angst, sie sind heilbar. „Bei uns verläuft Malaria in den meisten Fällen tödlich. Dabei gibt es diese Medikamente. Das ist für mich so unfassbar!“

Vieles können die fast 70 Steyler Missionsschwestern, die heute in ganz Papua-Neuguinea leben und arbeiten, aus europäischer Sicht nicht begreifen. Schon seit 1899 missionieren sie hier, helfen Frauen beim Entbinden, unterrichten an Schulen und sind in Gemeinden aktiv. „Ich gehe regelmäßig in die Schulen, kläre über Aids, Sexualität und die Rechte der Frauen auf. Aber es ist schwer“, sagt Davida. Umso mehr kann sie sich über kleine Erlebnisse freuen. Etwa jenes mit dem Ehepaar, das eigens aus dem Dorf hergekommen ist. Das Ergebnis des Tests ist da. Ein Balken. Aufatmen. Die Frau ist negativ.

 
 
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