Glauben

Und führe uns nicht in Versuchung

Wer kennt sie nicht, die „zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“? In der Werbung scheint es noch „süß“ und reizvoll zu sein, einer Versuchung genüsslich nachzugeben. Aus der Erfahrung unseres gelebten Christenalltags hingegen wissen wir aber auch, dass der Versuchung zu unterliegen alles andere als lebensförderlich ist und auch nicht glücklich macht. Ist es aber wirklich denkbar, dass Gott den Menschen in Versuchung führt?

In unserem gesamten Leben stehen wir immer wieder vor großen und kleinen Entscheidungen. Jede beeinflusst unser Handeln, und wie wir handeln, beschreibt uns selbst. Es gibt aber auch Entscheidungen, die uns gar nicht mehr als solche bewusst werden. Diese Entscheidungen liegen vielleicht schon lange zurück oder wir halten sie nicht für wichtig. Oft sind es solche, die wir immer wieder treffen müssen; über die wir nicht mehr groß nachdenken. Was bedeutet diese Entscheidung für mich und andere? Ist sie gut oder schlecht?© Jonas Otte
In unserem gesamten Leben stehen wir immer wieder vor großen und kleinen Entscheidungen. Jede beeinflusst unser Handeln, und wie wir handeln, beschreibt uns selbst. Es gibt aber auch Entscheidungen, die uns gar nicht mehr als solche bewusst werden. Diese Entscheidungen liegen vielleicht schon lange zurück oder wir halten sie nicht für wichtig. Oft sind es solche, die wir immer wieder treffen müssen; über die wir nicht mehr groß nachdenken. Was bedeutet diese Entscheidung für mich und andere? Ist sie gut oder schlecht?

Keine andere Bitte des Vaterunsers hat zu so vielen Missverständnissen und Fehlinterpretationen geführt, wie diese letzte. Selbst die Macht der Gewohnheit, sie vielleicht sogar mehrmals am Tag auszusprechen, hat den Stachel des Erschreckens über diese Formulierung für viele wache Beter nicht genommen. Wen wundert es da, dass der Wunsch nach einer anderen Übersetzung – im Sinne von: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Oder auch: „Lass uns in der Versuchung nicht unterliegen.“ – seit langem schon in kirchlichen Kreisen ernsthaft diskutiert wird.

Kann Gott einen Menschen versuchen? Auf diese Frage gibt die Bibel scheinbar recht gegensätzliche Antworten. Auf den ersten Blick ist die Auskunft des Jakobusbriefes eindeutig: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung" (1,13). Was sollen wir dann aber - so der Einwand vieler frommer Christen – beispielsweise von Gottes Befehl an Abraham denken, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern? Im 22. Kapitel des Buches Genesis steht doch geschrieben: „Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe." Gerade hier wird bei näherem Hinsehen deutlich: „Auf die Probe stellen“ ist etwas anderes, als „in Versuchung führen“. Ja, Gott prüft und erprobt den Glauben Abrahams, aber er versucht ihn nicht zum Bösen! Gott möchte vielmehr wissen, ob Abraham - als Vater aller Glaubenden, wie ihn die Bibel auch nennt – ihm, seinen Gott, auch dann die Treue hält, wenn von ihm sein Ein und Alles – seinen einzigen Sohn – verlangt wird. 

Gott stellt uns auf die Probe
Kennen wir das nicht auch im eigenen Leben? An Gott glauben, wenn alles gut geht: Das ist nicht schwer. Aber was ist los, wenn unser Glaube durch widrige Umstände - wie eine schwere Krankheit oder auch der Verlust eines lieben Menschen - herausgefordert wird? Wie steht es um meine christliche Überzeugung, wenn es Konsequenzen hat, sich zu seinem Glauben zu bekennen, wie es ja in vielen Ländern unserer Welt sehr wohl bittere Realität ist? Wo ist unsere Freundschaft zu Gott, wenn ihr auch ein Verzicht abverlangt wird? Gott erspart uns im Leben die Versuchung, die Erprobung nicht. Er lässt sie zu, aber nicht um uns damit aufs Glatteis zu führen, sondern um uns die Chance zu geben, tiefer hineinzuwachsen in die Beziehung zu ihm. Im bereits oben zitierten Jakobusbrief heißt es sogar: „Wenn ihr mit eurem Glauben immer wieder hart auf die Probe gestellt werdet, sollte euch das Anlass zur Freude sein. Denn durch solche Bewährungsproben wird euer Glaube fest und unerschütterlich. Lasst euch durch nichts beirren, sondern bleibt bis zuletzt treu, damit ihr in jeder Beziehung zu reifen Christen werdet und euch niemand Glau¬bensschwäche vorwerfen kann.“ (Jak 1, 2-4)

Wir sollten auf das Reich Gottes setzen
Noch deutlicher wird das hier Gesagte in der Versuchungsgeschichte Jesu, wie sie uns die Evangelien überliefert haben. Es ist der Heilige Geist selbst, der Jesus bei seiner Taufe im Jordan empfangen hat, noch vor seinem öffentlichen Wirken in die Wüste treibt und wo er der Versuchung durch den Widersacher ausgesetzt ist. „Gott selbst versucht Jesus nicht, erst recht versucht er ihn nicht zum Bösen. Aber er führt Jesus in eine Situation hinein, in dem er vom Satan versucht wird.“ Meint der anerkannte Neutestamentler Gerhard Lohfink. Auch hier gibt es wieder Berührungspunkte zum Heute: Wie versucht sind wir doch im persönlichen als auch im kirchlichen Bereich, mehr auf die eigene Macht und Überlegenheit zu setzen, als auf das Reich Gottes; mehr dem eigenen Wohlstand zu vertrauen, als auf geschwisterliches Teilen und selbstverständlich auf Recht und Gesetz zu pochen, statt auf Barmherzigkeit und Verzeihen. Dass diese Rechnung noch nie aufgegangen ist, wird uns gerade heute schmerzhaft bewusst. „Die Bitte kann deshalb nur meinen: ‚Führe uns nicht in eine Erprobungssituation, die über unsere Kraft geht.’ ’Führe uns nicht in eine Situation, in der die Macht des Bösen stärker ist als wir.’“ (Lohfink) Genau hier kommt der zweite Teil der Bitte zum Tragen „…sondern erlöse uns von dem Bösen“. Statt vor dem Bösen in die Knie zu gehen, gehen wir vor Gott auf die Knie und bitten ihn, er selbst möge das Böse von uns nehmen, ja mehr noch: er möge uns von allem Übel erlösen.

Pater Norbert Cuypers SVD

Lesen Sie hier die bisherigen Folgen unserer Glaubensserie.

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Zur biblischen Zeit

Und führe uns nicht in Versuchung: Der Weg des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten hin zur Freiheit im Gelobten Land ist ein langer Weg des Lernens, eine Schule des Vertrauens auf Gottes Führung und Fürsorge. Der Weg ist gepflastert mit Gefahren, Prüfungen und Auseinandersetzungen, im Äußeren wie im Inneren. Dieser Weg ist vorgezeichnet als Modell für jeden Menschen. Auch Jesus ruft Jüngerinnen und Jünger in seine Nähe, damit sie sich mit ihm auf einen Weg machen. Es gilt, sich von vielem zu lösen, vieles zu lernen, die Wirklichkeit mit neuen Augen zu sehen.

Wir alle sind zur größeren Freiheit berufen, und wir alle müssen einen Weg dorthin zurücklegen. Denn um uns darauf einlassen und um damit umgehen zu können, müssen wir erst die entsprechenden Eignungen entwickeln. Das ist der Weg, den das Leben jeden Menschen führen will. Wer die Herausforderungen, denen wir uns dabei stellen müssen, als bloß lästiges Übel ansieht und verdrängt, riskiert, sich gegen Gottes Ruf zum größeren Leben zu verweigern. Die Versuchung kommt aus unserer Angst, wir könnten etwas verlieren oder verpassen, wenn wir uns mehr Gott überlassen.

Wer einwilligt, diesen Weg des Lernens zu gehen, der darf auch Fehler machen. Die Bibel zeigt in ihren Geschichten, dass wir Gott viel näher kommen, wenn wir uns mit unseren Fehlern in seine Vergebung hineinstellen, als wenn wir vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, nichts wagen und uns hinter unseren vermeintlichen Sicherheiten verschanzen (vgl. Lk 15,11-32; Lk 7,36-50).

P. Thomas Heck SVD

Foto-Projekt

Die Redaktion stadtgottes hat die Fotoklasse um Prof. Stefan Enders an der Fachhochschule Mainz beauftragt, sich fotografisch mit dem Vaterunser auseinanderzusetzen. Jeden Monat stellen wir Ihnen einen Studenten oder auch Absolventen dieser Fotoklasse vor, der zu der jeweiligen Textzeile seine eigene Interpretation erarbeitet hat.

Jonas Otte, 30, gewann mit 16 Jahren bei einem Fotowettbewerb den ersten Preis und eine Reise nach China. Da stand sein Berufswunsch endgültig fest. Nach Praktika bei Fotografen in Los Angeles und San Francisco begann er Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Mainz zu studieren. Zahlreiche internationale Exkursionen der FH und weitere freie Reportagen und Projekte prägten seinen Schwerpunkt der Reportagefotografie. Nach Studienabschluss als Diplom-Designer arbeitet Jonas heute als freier Fotograf und Gestalter.