Ein Jahr ist zu kurz für Heimweh

Ruth ist für ein Jahr Missionarin auf Zeit in Bolivien. Was sie dort erlebt, schildert sie in ihrem Rundbrief.

Als Missionarin auf Zeit (MaZ) arbeite ich gemeinsam mit zwei bolivianischen Trierer Josefsschwestern im Comedor Popular Infantil Niño Jesús (etwa: Kindervolkskantine Jesuskind). Dort bekommen 60 bis 70 Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse täglich drei Mahlzeiten unter der Woche, nachmittags ist Hausaufgabenbetreuung und anschließend freie Zeit zum Spielen. Für einen kleinen Teil der Kinder ist der Comedor ein Internat, da ihr Schulweg so weit ist.

Die vergangenen Monate hier vergingen für mich wie im Flug, waren dafür aber gut gefüllt. Immer freitags gehe ich in eine Kinderkrippe und dienstags gebe ich ein paar Jungs vom Internat Computer-Unterricht. In der Kinderkrippe mit bis zu zehn Kleinkindern ist es oft laut, aber mindestens genauso lustig. Mit den beiden Betreuerin verstehe ich mich ziemlich gut und wenn die Kinder mal keine Lust auf Legosteinbauen haben, sondern sich lieber gegenseitig mit weichen Gummibällen abschießen möchten, dann bauen wir Großen manchmal selbst und lassen hinterher von den Kindern erraten, was wir da Tolles fabriziert haben... Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Bausteinebauen entspannend sein kann.

Die Internatsschüler, denen ich Computer-Unterricht gebe, machen nachmittags eine Ausbildung, haben abends Schulunterricht und morgens Leerlauf. Was mir hier besonders gut gefällt ist, dass meine Arbeit nicht so sehr von meinem restlichen Leben getrennt ist: Mit den Schwestern, die ja unsere „Vorgesetzten“ (der Comedor gehört ihnen) sind, treffen wir uns auch oft außerhalb unserer Arbeitszeiten. Mit den Kindern, die unter der Woche im Comedor übernachten, aber manchmal auch zwei Wochen am Stück bleiben, bin ich am Wochenende schon ein paar Mal an den Fluss zum Planschen, Schwimmen und Felsenspringen gegangen. Und mit den Jungs vom Computer-Unterricht war ich auch schon Wally spielen (Volleyball mit Wand, meine neue Lieblingssportart).

Sopachuy ist ein Dorf und Dorf bedeutet, man ist weniger anonym. Genau das kann aber auch das Schöne daran sein: Es ist quasi unmöglich für mich, bis zum Platz im Dorfzentrum zu gehen, ohne jemanden zu treffen, den ich kenne und mit der oder dem ich noch kurz rede. Ich freue mich über die vielen lieben Menschen, die ich kenne, über die Fortschritte beim Lesen, die die Erstklässler im Comedor machen und sogar über meine neu erworbenen Kartoffelschäl- und Zwiebelschneid-Skills. Ich freue mich über meinen Quechua-Wortschatz, der sich langsam aber sicher vergrößert. Quechua ist echt eine interessante und spannende Sprache. Einmal habe ich tatsächlich eine alte Señora auf der Straße etwas auf Quechua gefragt. Das einzige Problem, das sich dabei ergibt, ist, dass wer etwas auf Quechua fragt, auch die Antwort auf Quechua bekommt und dann wird es erst richtig kompliziert. Zumindest für mich.

In letzter Zeit kam es häufiger vor, dass ich Termine in meinen Kalender eintrage. Dabei fiel mir auf, dass ich durch immer weniger Monate scrollen muss, bis zu dem Monat mit dem einen Datum. Etwa drei Monate bleiben mir noch in Bolivien. Dann muss ich zurück nach Deutschland. Ein Jahr ist zu kurz für Heimweh.

Ruth Memmert

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