Leben ohne Perspektive

Sr. Benigilda Y. Ladia SSpS arbeitet in BidiBidi, dem weltweit größten Flüchtlingscamp. In ihrem Brief beschreibt sie die Situation der Frauen und Kinder, die nicht nur um Angehörige trauern, sondern auch den Verlust der Selbstständigkeit verkraften müssen.

©SSpS

Ich habe mit den Südsudanesen in der katholischen Diözese Yei schon gearbeitet, bevor der Konflikt 2016 aufkam. Damals erlangte das Land seine Unabhängigkeit vom Norden. Der Wiederaufbau begann und viele der Flüchtlinge, die heute in Uganda leben, wohnten in den neun Gemeinden der Diozese Yei. Während des Bürgerkrieges waren sie auch schon Flüchtlinge in Uganda gewesen. Sie sind es irgendwie schon gewohnt, vertrieben zu werden und lange Jahre in der Fremde zu bleiben. Trotzdem: Viele sehnen sich danach zurückzukehren, denn natürlich ist Heimat was anderes als das, was sie gerade haben. Im Südsudan können sie ihr eigenes Land beackern, sie haben ihr eigenes Haus, das groß genug ist, die ganze Familie unterzubringen, sie haben ihre eigenen Tiere, sie finden Arbeit in ihrem Beruf. Sie können Feuerholz sammeln und Gras holen, um die Dächer ihrer Häuser zu reparieren, ohne Angst. Das ist etwas ganz anderes als hier im Lager zu leben und zum Nichtstun verdammt zu sein.

Für die Schulkinder gibt es hier keine vernünftige Schule, kein Lehrmaterial und abends kein Licht, um Hausaufgaben zu machen. Also haben sie keine Lust zu lernen oder gehen gleich gar nicht mehr zur Schule.

Als Team von Steyler Schwestern und Missionaren begleiten wir sie seit November 2017. Wir treffen uns fast täglich mit Kindern, Jugendlichen und Frauen, die hier die Mehrheit der Bewohner darstellen. Mit verschiedenen gruppendynamischen Methoden helfen wir ihren, den Schmerz der Vergangenheit und der Gegenwart rauszulassen. Der Verlust von Angehörigen und Eigentum ist immer wieder Thema bei den Treffen. Wir trauern, beten und hören ihnen zu, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

Das Nichtstun und der Mangel an Lebensnotwendigem – sie sind ja abhängig von der täglichen Ration Mais, Öl und Bohnen und der Hilfe der NGOs hier im Lager – sind eine ständige Quelle der Unzufriedenheit und verstärken die tiefe Sehnsucht nach Hause zurückkehren zu können. Als sehr talentiertes Volk wollen sie für sich selbst sorgen und stolz auf sich sein, anstatt endlos in der Warteschlange zu stehen.

Unser Team versucht mit allen Kräften, sie durch Liturgie, Traumabewältigung, Spieltherapie, kreativen Unterricht und Kinderbetreuung zu stärken. Wir fördern Kinder und Jugendliche, die außerhalb des Lagers zur Schule gehen und besuchen die Alten und Kranken in ihren Zelten.

Die Flüchtlinge in BidiBidi sind schon froh, dass sie nicht mehr immer wieder um ihr Leben rennen müssen. Sie sind dankbar, dass man sie in Uganda willkommen heißt, aber es muss mehr passieren. Sie sehnen sich nach einem normalen Leben als Bürger an einem Ort, der nicht irgendeinem anderen gehört und an dem sie nicht mehr angefeindet werden. Papst Franziskus sagt ja, dass Willkommen-Sein der erste Schritt ist, aber die Rechte der Flüchtlinge als Menschen mit Würde zu achten, sie als ganze Person zu fördern und ins normale Leben zu integrieren, ist sehr notwendig.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Aus welchem Land suchen Sie Neuigkeiten?