Steyler Welt

„Als Reisebruder habe ich viel erlebt!“

Bruder Franz Xaver Romer träumte einst von der Mission in Südamerika. Dort ist er nie hingekommen, stattdessen aber hat er die ganze Schweiz bereits und dabei einiges erlebt, wie er in unserer Serie "Schatz der Alten" erzählt

Bruder Franz Xaver Romer wurde 1930 in Benken geboren, trat 1961 ins Noviziat ein und legte 1969 seine Ewigen Gelübde ab. Seit 1964 lebt er in Steinhausen und wirkte von dort aus über 40 Jahre lang als „Reisebruder“ für die stadtgottes und den Michaelskalender. Seit fast 20 Jahren übernimmt er als Pensionär den Sakristanendienst in der Hauskapelle.

Für die Missionen habe ich mich schon früh interessiert. Ein Auftritt von Bruder Josef Koller aus der Marienburg in unserem Jünglingsverein in Benken hat mir im Missionsjahr 1960 sehr imponiert. Jedenfalls trat ich dann 1961 bei den Steylern ein und absolvierte bis 1963 das Noviziat in St. Gabriel in Österreich. Die ganze Zeit dachte ich mir, dass ich wohl einmal nach Südamerika in die Mission gehen würde. Das hätte mir sehr zugesagt. 1964 hieß es dann, dass man in der Verlagsadministration in der Schweiz Unterstützung brauche.

Im selben Jahr kam ich dann als Büro-Aushilfe in den Verlag nach Steinhausen, wo man mich dann als Reisebruder haben wollte. Meine Antwort: Ich kann ja gar nicht Auto fahren. Dass ich dann die Führerscheinprüfung im kleineren Ort Zug statt in St. Gallen machen konnte, hat mich beruhigt: Hier war es einfacher. Im Herbst 1964 kam ich dann ins Missionshaus von Steinhausen, wo ich bis heute geblieben bin und wo es mir sofort gefiel: Die „Aushilfe“ dauerte also über 55 Jahre.

© privatDieses Schicksal konnte ich gut annehmen, auch wenn es nichts mit Südamerika wurde. Ich sagte mir einfach: Das hat ein anderer so für mich entschieden. Am 8. Januar 1965 begann dann meine eigentliche Tätigkeit, leider nicht – wie von mir so sehr erhofft – mit einem VW, sondern mit einem Renault R4. Mit diesem Fahrzeug wäre ich nie über die Alpen ins Wallis gefahren, sodass ich mein Leid dem damaligen Regional klagte. Und so kam ich später zu meinem Wunschauto VW-Käfer. Wir hatten fast überall stadtgottes-Austräger, die ich im Jahresverlauf jeweils möglichst alle besuchte – eben als Reisebruder. Ich war in der kompletten Innerschweiz unterwegs, später auch in Bern und im Kanton Fribourg. Im Sommer 1966 fuhr ich erstmals ins Wallis, das zu meinem Lieblingskanton wurde. Dort gab es eigentlich immer nur Sonnenschein, während es hier in Steinhausen doch oft sehr neblig ist.

Oft ging ich von Haus zu Haus, um neue Abonnenten für die stadtgottes zu gewinnen. Da habe ich mich immer gut vorgestellt: Mein Name ist Bruder Franz Xaver, ich bin vom Missionshaus in Zug. Ich habe mich selbst als religiösen Handelsreisenden verstanden. Das Anklopfen an fremden Türen ist mir nicht immer leichtgefallen. Viele hatten auch schon Zeitschriften anderer Orden abonniert. „Wir haben den Missionar“, hieß es dann, oder: „Wir lesen schon das Antonius-Heft.“ Angenehmer war es, meine etwa 400 Förderer zu besuchen, die die stadtgottes zu den Leserinnen und Lesern brachten.

Mir selbst hat das Magazin immer gut gefallen. Bis heute schaue ich es mir gerne an und schätze die vielen interessanten Themen. Bis 2008 blieb ich Reisebruder, bevor ich mit 78 Jahren dann ganz aufhörte. Mit dem VW bin ich hier im Dorf mit meinen jetzt über 88 Jahren aber immer noch unterwegs – meistens fahre ich zum Friedhof und mache dort meine Spaziergänge.

© privatBesonders gefallen hat mir als Reisebruder, dass ich so vielen unterschiedlichen Menschen begegnen durfte. Und da gab es natürlich auch spezielle Erlebnisse. Auf einer Werbetour im freiburgischen Gurmels hat mich einmal eine Frau aufgefordert (es war gerade die Zeit des Maisingens), ein Lied zu singen. Nur dann werde sie die stadtgottes abonnieren. „Das kann ich doch nicht“, sagte ich immer wieder. Die Frau beharrte darauf, sodass ich allen Mut zusammengenommen und die erste Strophe der Nationalhymne gesungen habe. Die Frau abonnierte die stadtgottes, spendete für eine Taufgabe sowie eine heilige Messe und unterstützte zusätzlich ein Missionsprojekt.

Ein anderes Mal hatte ich in der Stadt Bern Adressen vom Pfarramt erhalten und stand plötzlich mitten in der japanischen Botschaft. Der Concierge dort war katholisch und sagte zu seiner Frau, die gerade vom Einkaufen zurückkam: „Da ist ein Vertreter von Gottesstadt da, wahrscheinlich eine Sekte.“ Die Frau korrigierte ihn: „stadtgottes heißt das, und er ist katholisch!“ – und abonnierte sie gleich.

Aufgezeichnet von Roger Tinner

September 2019

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Bisherige Folgen der Serie

In unserer Serie "Der Schatz der Alten" stellen wir Ihnen jeden Monat einen besonderen Schatz aus der Steyler Ordensfamilie vor. Hier finden Sie die bisherigen Folgen:

Sr. Tarcildis SSpS

Br. Heinz Helf SVD

P. Gerhard Lesch SVD

Sr. Marianeldis SSpS

P. Herbert Scholz SVD

P. Hermann Bickel SVD

Br. Adolf Stegmaier SVD