Das Gespräch

"Am Mittelmeer entscheidet sich unsere Zukunft!"

Italien, Spanien, Kroa­tien – in jedem Sommer zieht es Tausende an die Strände der Adria. Doch das Mittelmeer ist ein empfindliches
Ökosystem, das extrem bedroht ist. stadtgottes-Redak­teurin Christina Brunner sprach mit dem Meeresschützer und Biologen Robert Hofrichter

Meeresbiologe Dr. Robert Hofrichter© Lennart Preiss

Meeresbiologe Dr. Robert Hofrichter

Ihr neues Buch „Im Bann des Ozeans“ steht schon auf den Bestsellerlisten. Was fasziniert Sie an Ozeanen?
Die meisten Menschen sind ja vom Meer fasziniert! Es ist doch auch großartig, welche Rolle das Meer im globalen System spielt. Meine naturwissenschaftliche Laufbahn hat mit dem Wasser angefangen. Als Sechsjähriger hockte ich schon an unserem Gartenteich in Bratislava und beobachtete, welche Larven sich da entwickeln. Mit zehn Jahren habe ich in Kroa­tien, damals noch Jugoslawien, das Schnorcheln und Tauchen entdeckt. Damals war die ganze Unterwasserwelt noch völlig anders! Das Meer war voller Fische. Die Felsen waren bewachsen mit Braunalgen, die wichtige Lebensräume auch für Millionen kleiner Schnecken, Krebschen und Würmer bildeten. Heute sind da oft nur nacktes Kalkgestein und zu viele Seeigel. Es ist kein Lebensraum mehr da für diese Lebensgemeinschaften.

Das Mittelmeer hat Sie seit damals nicht mehr losgelassen.
Es ist einfach was Besonderes! Die Wissenschaft, wie Mathematik, Astronomie, Kunst und Medizin und viele weitere, kommt aus der Mittelmeerregion. Im fruchtbaren Halbmond in der Levante (jenseits der Ostküste) hat sich die ganze sesshafte Zivilisation entwickelt. Man weiß heute, dass sich die Ausbreitung der Menschheit aus Afrika entlang der Küsten abgespielt hat. Der Neandertaler hat schon sehr gut gewusst, wie Austern und Miesmuscheln schmecken, er hat Delfine und Mönchsrobben gejagt. Das Meer prägte die Menschheit seit ihrem Anfang!

Und diese Faszination wollen Sie mit Ihrem Buch weitergeben?
Zunächst mal ist es meine persönliche Begeisterung, von der ich erzählen möchte. Aber ich möchte diese Geschichten auch erzählen, um für den Meeresschutz zu werben. Denn das Meer ist stärker gefährdet als je in der Geschichte!

Als Taucher und Meeresschützer haben Sie sicher in sehr kurzer Zeit viele Veränderungen gesehen?
Alles hat sich radikal geändert! Ich war gerade an unserer Feldstation in Dahab am Roten Meer. Dort habe ich 2002 mit der Beobachtung angefangen. Ein tolles Riff, direkt vor der Haustür, voller Fischschwärme, Schnapper, Napoleonfische und der ganzen Lebensgemeinschaft. Kurz: alles, was zum Riff gehört. 15 Jahre später ist es zu 70 Prozent tot. Um das zu sehen, muss man nicht einmal Experte sein.

Die hohen Temperaturen setzen den Korallen zu. Neue Touristengruppen kommen, deren Umweltbewusstsein völlig unterentwickelt ist: Sie treten auf die Korallen, ihr Lärm stresst die Tiere. Und das Meer ist total überfischt. Alle Tauchplätze sind voll mit den Leinen der Fischer, hunderte Kilometer Riff umwickelt von Netzen. Und größere Fische oder gar Fischschwärme sieht man kaum noch.

Dr. Robert Hofrichter im Gespräch mit stadtgottes-Redakteurin Christina BrunnerWas soll man tun?
Wenn jetzt 1000 Schüler in die „Schule am Meer“ zu mir kommen, habe ich die Möglichkeit, ihnen etwas zu erzählen. Soll ich ihnen sagen: Wenn ihr mal Kinder habt, werden die nicht mehr erleben, was ihr noch sehen konntet? Ich möchte ihnen etwas mitgeben, auch wenn ich weiß, dass man nicht wirklich viel tun kann. Vielleicht kann ich helfen, dass sich ihr Konsumverhalten ändert. Denn erst muss ich ein Umweltbewusstsein schaffen, dann kommt das Handeln!

In den 90er-Jahren redeten alle von der Algenplage im Mittelmeer. Jetzt ist das Wasser dort viel klarer. Geht es dem Mittelmeer besser?
Wissenschaftlich ist „Algenplage“ nicht korrekt, aber ich weiß, was Sie meinen. Man nannte das schon vor langer Zeit mare sporco – schmutziges Meer. Das Phänomen ist tatsächlich zurückgegangen, weil es speziell in der Po-Ebene mehr Kläranlagen gibt. Aber die Nordadria ist sehr seicht, weniger tief als manche unserer Seen. Und da hinein kommt dann ein berühmter Fluss, der Po, mit den ganzen Industrie- und Landwirtschaftsabfällen – es ist fast unmöglich, das aufzuhalten. Und es sind ja nicht nur die Dinge, die man filtern kann. Gefährlicher sind die unsichtbaren Stoffe, die viel heimtückischer sind als das, was man mit bloßem Auge sieht.

Also geht es dem Mittelmeer immer noch schlecht?
Ja. Es ist eine Kombi aus mehreren Faktoren: Überfischung ist ein Pro­blem. Und die Methoden sind verheerend, denn Bodenschleppnetze zerstören sehr schnell die ganze Lebensgemeinschaft am Meeresboden. Dazu kommt die Verschmutzung im weitesten Sinne: Überdüngung und chemische Verunreinigungen, die durch die Flüsse oder aus der Atmosphäre kommen. Die sind überall. Deshalb sind Pinguine in der Antarktis genauso belastet wie jeder Hai oder die Lebewesen der Tiefsee.

Und Plastik?
Das Plastik-Problem wird immer schlimmer, denn Mikroplastik lässt sich kaum durch Kläranlagen entfernen. Wir untersuchen ja mit den Schülern Plankton im Mikroskop und sehen schon jetzt oft mehr Mikroplastikteile als Plankton. Dazu sehr viele kleine Fasern und rote, hellblaue, gelbe Fäden, wahrscheinlich aus Fleece-Stoffen.

Dr. Robert HofrichterDa muss den Schülern doch mit einem Blick klar werden, wie wichtig Natur- und Meeresschutz sind?
Ich glaube, dass es für die Zukunft ein großes Problem ist, dass (nicht nur) Kinder so der Natur entfremdet sind. Es wachsen Generationen heran, die solche Dinge wie Lagerfeuer, Wandern, im Wald sein ... nicht mehr kennen. Denn es gibt diese Natur immer weniger, und man darf vieles nicht mehr, was man früher konnte. Das verändert die ganze menschliche Gesellschaft. Die Naturent­fremdung ist eine reale Gefahr, ohne Empathie wird man nichts schützen.

Was tun?
Bildung! Es kann gar nicht genug Bildung geben. Bildung ist die Grundlage für eine Veränderung des Bewusstseins. In jedem Sommer kommen rund 1000 Kinder und Jugendliche in unsere „Schule am Meer“. Das ist ein Geschenk und eine Verantwortung für uns als Meeresschutzorganisation MareMundi. Wir wollen sie anstecken mit unserer Begeisterung. Denn diese paar Tage mit uns prägen viele. Sie fahren nach Hause und sagen: Mama, nimm dir eine Stofftasche zum Einkaufen. Für einen Apfel oder drei Karotten brauchen wir kein Plastiksackerl! Oder kaufe keine Haisteaks mehr. Jede große Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

Das Mittelmeer ist jetzt ja nicht nur Urlaubsziel für uns und ein ganz besonderes Ökosystem, sondern auch eine viel benutzte
Fluchtroute. Was Sie lieben und schützen wollen, ist für viele Flüchtlinge zum Friedhof ge­worden. Das ist bitter, oder?

Man kann nicht Naturschutz betreiben, ohne sich mit den Menschen zu beschäftigen. Man kann das nicht trennen. Deshalb ist das bei MareMundi auch ein Thema. Wir versuchen, mit unserer Webseite „get-the-future.com“ die größten Probleme der Menschheit auf einfache Weise zusammenzufassen. Überbevölkerung ist ein Grundproblem, und daraus resultieren soziale Ungleichheit, Armut und eben Migration. Was in Afrika geschieht, ist schlimm für Menschen und Natur, denn nur hoch entwickelte und sozial stabile Staaten können sich dem Naturschutz widmen. In einem Land wie Syrien oder Jemen ist an so was nicht zu denken. Ein hungriger und vom Krieg bedrohter Mensch wird die Natur nicht schützen können: Er muss sehen, dass sein Kind überlebt.

Wenn man das Meer schützen will, müssen wir uns auch mit diesen Fragen beschäftigen. Denn in den nächsten 25 Jahren wird sich die Bevölkerung in Afrika verdoppeln, und damit wird sich die Situation noch verschlimmern. Der Migrationsdruck wird massiv steigen.
Das Mittelmeer hat also nicht nur biologisch und kulturwissenschaftlich eine enorme Bedeutung, sondern ist für Europa ein Schicksalsmeer. Denn dort fällt die Entscheidung zwischen Stabilität und Nicht-Stabilität auch bei uns.

Christina Brunner

Mai 2018

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Zur Person

Dr. Robert Hofrichter, geboren 1957, ist Biologe, Zoologe und Naturfotograf und lebt in Salzburg. Seine Meeresschutzorganisation MareMundi ermöglicht in der "Schule am Meer" in Krk rund 1000 Jugendliche aus Österreich naturkundliche Exkursionen (www.mare-mundi.com). Robert Hofrichter ist Autor diverser Bücher. "Das geheimnisvolle Leben der Pilze" landete auf der Spiegel-Bestsellerliste. Im März erschien sein neues Buch: "Im Bann des Ozeasns, Expeditionen in die Wunderwelt der Tiere."