Interview

"An Religion kommt man nicht vorbei"

stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox sprach mit Matthias Brandt, einem der bekanntesten Schauspieler Deutschlands, über seinen Beruf, Fantasie, Humor und die Kirche

Wofür sind Sie Ihren Eltern dankbar?
Ich bin ihnen für vieles dankbar. Sie haben an ihre Liebe keine Bedingungen geknüpft – das ist das Beste, was einem Kind passieren kann. Ich bin auch dankbar dafür, dass sie meinem Denken und Fühlen keinerlei Grenzen gesetzt haben. Ich wurde in keine weltanschauliche oder ideologische Richtung gedrängt. Meine Eltern haben mich immer darin bestärkt, mir meine eigene Meinung zu bilden.

Also starteten Sie bestens vorbereitet in Ihr eigenständiges Leben?
Das muss man ja dann doch alleine lernen.Aber ich hatte immer einen großen Freiheitsdrang, deshalb war ich da nicht ängstlich.

Wer war der Held Ihrer Kindheit?
Es gab einen literarischen Held, das war Karlsson vom Dach, der große Anarchist der Kinderliteratur, und ich hatte einen Held in der Realität, das war Günter Netzer. Seit ich laufen kann, bin ich Fußballfan. Heute aber nur noch als Zuschauer.

Auch die kindliche Fantasie haben Sie sich bewahrt.
Ja, ich habe die Verbindung dazu zum Glück nie verloren. Für ein Kind ist alles, was es sieht und empfindet, Realität. Für Kinder gibt es diese Trennung zwischen Fantasiewelt und Realität nicht. In der Schauspielerei ist das ja ähnlich.

Fantasie kann auch eine Flucht sein.
Ich finde die Welt zwar wahnsinnig kompliziert, aber ich lebe sehr gerne in ihr. Ich habe gar nicht das Bedürfnis der Welt dauernd zu entfliehen.

Als Schauspieler schlüpfen Sie in verschiedenste Lebenswelten. Viele davon dürften Ihnen fremd sein.
Die meisten sind mir fremd. Aber auf der anderen Seite macht gerade das den Reiz aus. Sich fiktiv in Situationen zu begeben, in die man im wahren Leben - hoffentlich- nie kommt. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es natürlich Bereiche gibt, auf die man sehr neugierig ist. Ich lebe privat das Leben, für das ich mich entschieden habe, das heißt aber auch, dass ich hundert andere nicht lebe. In die schaue ich dann mal kurz rein. Spannende Sache!

Kommen Sie beim Schauspielern schon mal an Ihre Grenzen?
Ja, ich glaube, das ist in gewisser Weise sogar wichtig. Wenn man nicht dazu bereit ist, an Grenzen zu gehen, kann man in diesem Beruf nicht zu interessanten und substanziellen Ergebnissen kommen.

Sie machen einen sehr besonnenen Eindruck.
Was Sie als Besonnenheit bezeichnen, ist zum großen Teil meinen skandinavischen Genen geschuldet. Meine Mutter war Norwegerin, das sind bekanntermaßen ruhige Zeitgenossen, die die Dinge eher überlegt angehen. Die aber, wenn sie sich dann ärgern oder aufregen, auch leicht übers Ziel hinausschießen. So bin ich auch. Aber ich versuche, das dann schnell wieder einzurenken.

Können Sie gut um Verzeihung bitten?
Heute besser als früher. Ich glaube, früher war es mir eher unangenehm, da hab ich versucht,  Probleme wegzuschweigen. Die Lebenserfahrung hilft einem, wie in vielen anderen Situationen, da schon weiter. 

Können Sie über sich selbst lachen?
Eigentlich immer. Humor ist eine extrem hilfreiche, wenn nicht notwendige Eigenschaft, um durch das ganze Durcheinander des Lebens zu kommen.

Welche Attribute sind Ihnen neben dem Humor noch wichtig?
Empathie und Verlässlichkeit.

Glauben Sie an Schicksal?
Ich weiß nicht so richtig, was ich mir darunter vorzustellen habe. Aber wenn ich es nicht genau weiß, kann ich auch nicht leugnen, dass es das gibt. Ich glaube auf jeden Fall an die Macht der Gedanken.

Lassen Sie uns über Kirche und Glauben sprechen.
Ich habe die Kirche in meiner Kindheit als ziemlich autoritäre Institution kennengelernt und deswegen keine Bindung aufgebaut. Ich komme auch nicht aus einem religiösen Elternhaus. Aber ich habe keine Berührungsängste, und kenne viele Menschen, die der Kirche verbunden sind, ich tausche mich auch gerne mit ihnen aus. Als denkender, philosophisch interessierter Mensch, der über einen wie auch immer gearteten Sinn, einen Grund unserer Hierseins nachdenkt, kommt man an der Religion ja nicht vorbei. Ich würde mich als Agnostiker (ein Agnostiker geht davon aus, dass sich die Existenz eines Gottes sowie übersinnlicher Wesen wie Engel oder Geister nicht beweisen lässt, Anmerk. der Red) bezeichnen. Das heißt ja tatsächlich erst einmal nur, dass man weiß, dass man nichts weiß. Ich kenne auch viele Agnostiker in der Kirche, die sagen, dass sich Nichtwissen und Glaube nicht ausschließen. Wer weiß, wo das bei mir noch hinführt? (schmunzelt).

Haben Sie für sich eine Antwort gefunden, was der Grund des Hierseins ist?
Nein. Das kann ja auch eine Lebensbeschäftigung sein, die Antwort zu suchen. Wenn ich diese Frage jetzt beantworten würde, wäre die Suche zu Ende, das möchte ich aber gar nicht. Ich melde mich dann wieder, wenn ich es weiß (lächelt).

Sie haben gesagt, dass Sie es beeindruckt, wenn jemand in der Kirche verortet ist und diese Glaubensgemeinschaft lebt. Welche Art von Gemeinschaft leben Sie?
Eine private, freundschaftliche, familiäre Gemeinschaft. Im Privaten sind das sehr gewachsene Strukturen und Beziehungen. Eine berufliche Gemeinschaft habe ich auch. Ich bin, wie gesagt,  grundsätzlich interessiert an Menschen, die anders sind als ich.

Würden Sie sich eher als Optimisten oder als Pessimisten bezeichnen?
Interessanterweise hätte ich mich bis vor zehn Jahren eher als Pessimisten bezeichnet. Das hat sich grundlegend geändert. Obwohl es von der politischen Weltlage her durchaus Gründe gäbe, die Dinge eher negativer zu sehen, stehe ich dem Leben heute sonniger, positiver gegenüber, als ich das lange Zeit getan habe.

Melanie Fox

Januar 2019

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Zur Person

Der mehrfach ausgezeichnete TV- und Theaterschauspieler, Hörbuchsprecher und Autor, 57, ist vielen aus dem „Polizeiruf“ bekannt. Der jüngste Sohn des verstorbenen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt ist verheiratet und hat eine Tochter.