Das Gespräch

Angst ist ein Gottesgeschenk

stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner traf den früheren Fernsehmoderator und engagierten Friedenskämpfer Franz Alt. Herausgekommen ist ein hochinteressantes Gespräch

Franz Alt war langjähriger Leiter des ARD-Magazins "Report Baden-Baden"

Herr Alt, was ist ein konservativer Revolutionär?
Ein konservativer Revolutionär ist ein Mensch, der heute versucht, die Schöpfung zu bewahren. Wir leben ja in einer Zeit, und bei der Hitze im vergangenen Sommer haben es nun auch hoffentlich die Letzten bemerkt, in der wir das Ende der Menschheit einläuten. Eine aktuelle Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung belegt, dass unser Planet in eine Heißzeit hineingeht. Das Klima bleibt also nicht mehr so, wie wir es kennen. Ehrlich, bei den Gedanken an das, was kommen könnte, möchte ich nicht mein Enkel sein. Neue Wüsten, überschwemmte Länder, Dürrekatastrophen und vieles mehr.

Wenn wir also nicht schnellstens die Energiewende, die Verkehrswende, die Bauwende, die Wasserwende, die Waldwende organisieren, wird es übel ausgehen. Also, wir müssen allerhand anders machen. Das nenne ich konservative Revolution. Und zwar im besten Sinne des Wortes. Conservare aus dem Lateinischen bedeutet bewahren, retten, schonen. Wir müssen, wenn wir überleben wollen, als Spezies mehr tun für die Bewahrung der Schöpfung, als das heute der Fall ist.

Warum gehen die Menschen dafür nicht mehr auf die Straße? Was hat sich geändert?
Die Veränderungen, die wir jetzt erleben, sind schleichende Prozesse. Deshalb dauert es, bis die Menschen aufwachen. Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, höre ich oft: „Ach Sie mit Ihrem Klimawandel. Noch sind die Bäume grün. Der Schwarzwald steht doch noch.“ Wenn der Schwarzwald aber weg ist, dann ist es zu spät. Wir dürfen nicht vergessen: Wenn der Klimawandel eines Tages voll durchschlägt, kann es Tausende Jahre dauern, bis das Klima sich wieder in Balance befindet. Das ist der Unterschied. Wenn eine unmittelbare Gefahr droht, wie ein Kriegsausbruch oder 1983 die Stationierung atomarer Waffen, wenn es also ein konkretes Datum gibt, das den Menschen Angst macht, dann gehen sie auf die Straße. Das ist der Unterschied.

Sie waren damals auch dabei, oder?
Sicher! Wir hatten ein konkretes Datum, und wir hatten einen konkreten Feind. Das waren die Atomwaffen. Oder, wenn wir es personalisieren wollen,  Ronald Reagan und Helmut Kohl. Beim Klimawandel und bei der Zerstörung der Natur ist das anders. Obwohl wir alle beteiligt sind, wollen wir es nicht sehen. Und dann ist es schwer, das Denken und Handeln zu verändern. Lieber verlangen wir von der Politik bestimmte Dinge, als dass wir uns selber ändern.

Wir können doch nicht mehr so tun, als ob wir noch 50 oder 100 Jahre Zeit hätten. Warum kommt das nicht in das Bewusstsein? Die Zahlen liegen doch konkret auf dem Tisch.
Ich glaube auch, dass die Zeit jetzt reif wird für eine konservative Revolution. Ich habe vor 25 Jahren meine ersten Fernsehsendungen zu Umweltschutz und Klimawandel gemacht. Schon damals habe ich Szenarien aufgezeigt, genau wie wir sie jetzt erleben. Die Wüsten breiten sich aus. Das Wasser wird knapp. Stürme und Hitzesommer. Hunderttausende Tote durch Überflutungen. Damals hieß es abwertend– der Alt übertreibt. Vor 25 Jahren! Heute sagen meine ARD-Kollegen, wenn sie über solche Themen berichten, dass sie eigentlich meine Bilder aus dem Archiv nehmen könnten. Oder Zuschauer. Sie rufen mittlerweile an und verlangen mehr Berichte über diese Themen. Das hat sich schon geändert. Ich glaube, wir brauchen erst Katastrophen, um aufzuwachen. Katastrophen sind Lernhelfer.

Ein Beispiel bitte.
Deutschland im vergangenen Jahrhundert. Wir waren wesentlich verantwortlich für zwei Weltkriege. Bis wir begriffen haben, dass eine Freundschaft mit Frankreich, Freundschaft mit Polen oder England, den Niederlanden, viel vernünftiger ist, als gegen diese Länder Kriege zu führen. So sind wir Menschen.

Trotzdem Einspruch. Gerade heute zeigt sich in der Entwicklung, dass Frankreich, Polen und auch Deutschland trotz des Lernens aus dem Zweiten Weltkrieg genauso wieder auf rechtspopulistische, nationalistische Gaukler reinfallen.
Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Überall in Deutschland gehen  junge Leute für ein  geeintes Europa auf die Straße. Oder nehmen Sie München. Da haben 25 000 gegen die CSU-Flüchtlingspolitik protestiert. Das hatten wir lange nicht mehr. Das alles sind Menschen, die in diesen Fragen eher auf Papst Franziskus hören als auf Horst Seehofer. Dass in dieser Situation der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Marx sagt: „Die CSU ist nicht mehr christlich in ihrer Flüchtlingsposition“, finde ich ermutigend. Kirchen haben beim Nationalsozialismus zu lange geschwiegen. Jetzt sind sie wachsamer geworden. Auch die Gesellschaft ist wachsamer geworden. Frau Le Pen hatte großen Auftrieb in Frankreich, aber Herr Macron war doch stärker. Die Vernunft hat gesiegt. In Polen gehen Hunderttausende junge Leute auf die Straße gegen ihre neonationalistische Regierung. In Ungarn gibt es Widerstand gegen den Neonationalismus. Bei uns gegen die AfD. Das zeigt, wir haben doch gelernt aus der Geschichte.

Aber die Angst bleibt...
... die sollte positiv umgedreht werden. Angst ist ein guter Ratgeber. Ich bin überzeugt, Angst ist ein in uns eingebautes Gottesgeschenk. Ich habe Helmut Schmidt nie verstanden, als er zu der Friedensbewegung gesagt hat: „Ihr habt Angst, und ich stelle die Raketen auf.“ Ich bin sicher, er hatte Angst vor seiner eigenen Angst. Das gilt es zu erkennen. Wir sollten mit der Angst arbeiten, um sie in produktive Energie umzusetzen. Natürlich haben wir Grund, heute Angst zu haben. Wenn ich aber an die Ursachen für meine Ängste gehe, dann beginne ich dagegen zu kämpfen. Gegen Atomenergie. Gegen Atomwaffen. Gegen Neonationalismus. Gegen die Gefahren, die heute bestehen. Also, Angst nicht verdrängen, sondern produktiv nutzen, um Neues zu lernen.

Anderes Thema. Was glauben Sie: Wann ist die Herzensbildung verloren gegangen und wodurch?
Nach der Aufklärung vor 300 Jahren hat die Menschheit große technische und wirtschaftliche Sprünge gemacht. Die Atombombe als solche ist ja eine tolle Erfindung. Ein Atomkraftwerk ist als solches eine tolle Erfindung. Die Frage ist nur: Welche Folgen hat das? Spätestens seit Tschernobyl mussten wir lernen, dass Atomenergie nicht geht. Wir müssen unsere Grenzen anerkennen. Wir leben nicht in einer grenzenlosen Welt. Wir leben in einer begrenzten Welt. Das weiß jeder, der sein eigenes Leben betrachtet, 80 oder 100 Jahre und dann ist Schluss. Es gibt kein grenzenloses Wachstum. Außer beim Krebs. Und der Krebs macht nicht gesund, sondern er führt zum Tod. Das Wachstum, das wir heute im Bereich der Ökonomie anstreben, mit immer größerem Wachstum – das ist eine Verkrebsung der Wirtschaft. Das Einzige, was ewig wächst, ist der Krebs. Was wir brauchen, ist mehr Qualität in der Wirtschaft. Also eine bessere, eine ökologische, eine nachhaltige.

Kein Wachstum mehr?
Wachstum ja, aber intelligentes Wachstum. Geistiges, moralisches, ethisches Wachstum, kulturelles Wachstum. In geistlichen Bereichen wachsen wir kaum. Aber dort, wo unser Wachstum von Natur aus begrenzt ist, im materiellen Bereich, da spielen wir Gott und glauben, ewig wachsen zu können. Das ist eines unserer Grundprobleme unserer Zeit. Wir sind schon zu Großem berufen. Davon bin ich als Christ überzeugt.

Das ganze Interview lesen Sie in der Januarausgabe der stadtgottes. Bestellen Sie sich hier Ihr kostenloses Probeheft

Thomas Pfundtner

Januar 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 12.01.2019
    Wieder ein lesenswertes Interview, mit Gedanken, über die es weiterhin nachzudenken gilt. Schade, dass es vor 25 Jahren nicht viele mit der Weitsicht einer Herrn Alt gab. Immerhin gibt es heute einige Unternehmer, die sich dafür einsetzen, Qualität zu produzieren mit Menschen, deren Arbeit gewürdigt wird und die davon leben können, ohne mit der Produktion Lebensräume zu zerstören. Nachhaltigkeit hat an Bedeutung gewonnen, wenn alle daran mitarbeiten wird auch wieder Mitmenschlichkeit und Empathie an Bedeutung gewinnen. Angst als Impuls etwas Neues zu versuchen? Da gibt es im Bereich der Erziehung so manches, was ich nicht akzeptieren kann. Einsicht ist da wohl der bessere Impuls.

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Im zweiten Teil des Gesprächs, das stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner mit dem früheren Fernsehmoderator und engagierten Friedenskämpfer Dr. Franz Alt...

[weiter...]

Krieg und Frieden, Politik und der Papst – das sind die Themenschwerpunkte des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser. stadtgottes-Autor Thomas...

[weiter...]

Zur Person

Dr. Franz Alt wurde am 17. Juli 1938 in Untergrombach (Baden) geboren. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten in Freiburg im Breisgau und Heidelberg Theologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Eigentlich wollte er Priester werden, entschied sich dann aber doch für den Journalismus und promovierte 1967 über Konrad Adenauer. Von 1968 bis 2003 arbeitete er überwiegend beim Südwestfunk und wurde das Gesicht des Politmagazins „Report“, das er über 20 Jahre lang moderierte.

Schon in jungen Jahren wurde er CDU-Mitglied (1963), trat aber 1988 aus der Partei aus, weil sie weiterhin an der Kernenergie festhielt. Bis heute hat Franz Alt 13 Bücher geschrieben, die sich mit Glauben, Jesus Christus, Frieden und Ökologie beschäftigen. Für sein Engagement erhielt der Journalist zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Goldene Kamera, den Adolf-Grimme-Preis oder den Menschenrechtspreis AWARD.