Das Gespräch

"Antisemitismus war nie weg aus Europa"

Wohl kaum jemand kennt sich in Israel besser aus als er: Richard Chaim Schneider ist Jude, lebt in Tel Aviv und berichtet regelmäßig von dort

Israel feierte gerade seinen 70. Gründungstag. Wie steht das Land heute da?
Es gab einmal eine Zeit, da saßen Links und Rechts mit einem gemeinsamen Ziel im gleichen Boot. Auch wenn die Menschen unterschiedlicher Auffassung waren, wurde miteinander geredet und gestritten – für eine gemeinsame Sache. Heute erscheint das Land zerstrittener, gespaltener und zerrissener denn je. Die israelischen Rechten, die ja seit vielen Jahren regieren, ist es gelungen, die „Linke“ zu diskreditieren, und jeden Andersdenkenden auszugrenzen. Da ist es nicht ganz leicht, einen unbeschwerten Geburtstag zu feiern.

Warum können Sie ohne Israel nicht leben?
Das ist ganz einfach: Spätestens seit Auschwitz ist jedem Juden klar, dass Israel eine lebenswichtige Rückversicherung ist.

Wofür?
Dass wir einen Ort haben, zu dem wir fliehen können, wenn die nächste Judenverfolgung beginnt.

Ist das auch der Grund, dass Sie Ihren zweiten Vornamen offiziell nur mit C abkürzen, anstatt Chaim auszuschreiben?
Nein. Das hat eine andere Geschichte. Meine Eltern, die beide ungarische Holocaust-Überlebende waren und in München lebten, haben für mich, wie das sehr viele Holocaust-Überlebende gemacht haben, nach dem Krieg einen Namen ausgesucht, der so unjüdisch wie nur möglich sein sollte. Der Hintergedanke ist einfach: Für den Fall einer erneuten Judenverfolgung und Flucht, sollte kein Name stehen, an dem sofort zu erkennen ist, dass ich Jude bin.

Mein hebräischer Name ist Chaim Josef. Nach meinem in Auschwitz vergasten Großvaters, väterlicherseits. Richard ist nicht jüdisch. Meine Eltern wählten diesen Namen auch unter dem Aspekt, dass, es diesen Namen in allen Sprachen gibt. Sollte ich also in ein anderes Land fliehen müssen, könnte ich den Namen behalten.

Aber das C von Chaim...
.... Moment. Ich muss etwas ausholen. Ich bin ja in der Bundesrepublik, in München aufgewachsen. Was ich immer wieder erlebt habe war: Wenn ich mich irgendwo als Richard Schneider vorstellte, war alles völlig normal. Aber, sobald die Menschen irgendwie erfuhren, dass ich Jude bin, veränderte sich ihr Verhalten.
Jedes Mal! Mal zum Positiven. Mal zum Negativen. Egal wie, aber plötzlich verhielten sich die Menschen anders. Daraufhin habe ich während des Studiums, als ich meine ersten Seminararbeiten schrieb, entschieden, ich nehme meinen zweiten Namen Chaim bei allem mit auf. Dann ist das Thema gegessen und jeder weiß jeder sofort, dass ich Jude bin und kann sich damit auseinandersetzen. Oder auch nicht. So habe ich dann über viele Jahre meine Sachen gezeichnet. Auch meine Filme. Was immer ich gemacht habe. Aber als ich als ich 2006 Studioleiter in Tel Aviv geworden bin, wurde ich von der ARD gebeten, nur noch mit Richard C. zu zeichnen.

Als ich fragte, warum, hieß es, der Name sei zu lang für die Bauchbinde (Untertitelung – Anm. d. Red.) in der der Autor genannt wird...

Merkwürdig ...
...fand ich auch, also fragte ich nach. Nun hieß es, um mich vor den Palästinensern zu schützen. Das erschien mir noch fragwürdiger und ich sagte zu den Verantwortlichen: Die Palästinenser sind doch nicht blöd. Selbst die können mich googeln und wissen in zwei Sekunden Bescheid darüber, wer ich bin und was ich. Vielleicht gab es Angst vor negativen Zuschauerreaktionen? Ich weiß es nicht. Aber es ist auch nicht mehr wichtig.

Hat Israel ein Einwanderungsproblem?
Israel hatte immer ein Einwanderungsproblem, wenn es in der Welt ruhig war. Es ist wirklich banal, aber in dem Moment, in dem es wieder irgendwo Judenverfolgungen gab oder gibt, hatte Israel kein Einwanderungsproblem. Es ist so banal.

Einwanderungen aus wirklich zionistischen Motiven, finden heute fast nur noch in religiösen Kreisen statt. Dazu kommt, und das ist seit der Staatsgründung so, dass die Juden die über viel Geld oder eine sehr gute Bildung verfügten, lieber in die USA oder nach Kanada auswanderten. Die anderen gingen dann nach Israel.  Das sieht man jetzt auch gerade bei den Auswanderern aus Frankreich. Die meisten von ihnen gehen nach Amerika oder Kanada, bevorzugt Richtung Montreal, weil dort ihre Sprache gesprochen wird.

Im Moment hat Israel kein Einwanderungsproblem, denn die aktuellen Entwicklungen in Europa und Amerika tendieren ja sehr stark nach rechts.  

Sie vertreten klar die Meinung, dass es jüdischer Überlebensgrundsatz ist, dass es nie wieder einen zweiten Holocaust geben darf. Wie ist denn in Israel derzeit die Stimmung, angesichts der rechtspopulistischen und teilweise auch schon rechtsradikalen Entwicklungen in Deutschland und Europa?
An erster Stelle muss dabei tatsächlich Frankreich genannt werden. Nicht wegen Marie Le Pen und ihrer Partei. Nein, man muss Frankreich an allererster Stelle nennen, weil dort ein extremer muslimischer Terror gegen Juden herrscht. Erinnern Sie sich – einen ersten großen Höhepunkt erreichte dieser mit dem Angriff auf die jüdische Schule in Toulouse 2012, bei dem drei Kinder und ein Religionslehrer ermordet wurden – von einem jungen Muslim.

Seitdem gab es immer wieder Anschläge. Kleine und große. Erst vor kurzer Zeit wurde ein achtjähriger jüdischer Junge auf offener Straße von Muslimen zusammengeschlagen. Eine Frau wurde in ihrem Haus ermordet, weil sie Jüdin war. Die Juden in Frankreich leben in Angst vor weiteren Übergriffen und fürchten um ihr Leben. Das hat Folgen, besonders für Israel...

Welche?
Überall auf den Straßen ist Französisch zu hören. In Tel Aviv wurden zahlreiche Patisserien und Boulangerien eröffnet. Frankreich gilt für viele Juden auch wirklich als verlorenes Territorium, weil nicht geglaubt wird, dass die dortige Regierung den muslimischen Terrorismus in den Griff bekommt. Tatsache ist: Wenn Israel auf Europa blickt, steht die Angst vor dem muslimischen Anti-Semitismus oder Anti-Zionismus im Vordergrund. Pauschal gesagt, halten die Menschen und auch die  rechte Regierung die meisten europäischen Regierungen für zu schwach, um den Radikalen energisch entgegentreten zu können und das Terror-Problem in den Griff zu bekommen.

Kein Wunder, dass Ministerpräsident Netanjahu mit seinen Amtskollegen der Viségrad-Länder (Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei– die Redaktion) so wunderbar versteht, weil man da sozusagen im selben Geiste ist. Da wird energisch durchgegriffen – völlig unabhängig davon, was das noch mit Demokratie zu tun hat. Tatsache aber ist: Auch in Schweden, den Niederlanden, Belgien Großbritannien und vielen anderen Ländern sind Juden wieder bedroht. Das Gefühl, dass dies nicht nur eine Episode ist, sondern noch schlimmer werden könnte, ist überall in den jüdischen Gemeinden zu spüren. Das Gefühl, dass Europa ein sicherer Ort für Juden ist, findet man kaum noch.

Wie wird Deutschland gesehen?
Positiv und negativ. Was soll ich zuerst erzählen?

Das Positive.
Deutschland ist nach wie vor für die Jugend ein Anziehungspunkt – ganz besonders Berlin. Wenn man in Tel Aviv ins Restaurant geht, und sich mit den jungen Kellnern, die vor der Armee oder dem Studium etwas Geld verdienen wollen, unterhält, und sie erfahren, dass ich aus Deutschland stamme, heißt es immer: „Ich war gerade in Berlin“ oder „ich will demnächst nach Berlin.“  Die Hauptstadt ist nach wie vor ein ganz wichtiger Anziehungspunkt, gerade für die jungen Leute. Einerseits aus Geschichtsinteresse, andererseits wegen des pulsierenden Lebens dort und der einmaligen Kulturszene.

Aber natürlich machen sich die Israelis auch Sorgen...

...jetzt kommt das Negative.
Sorgen über das Erstarken der AfD, die das Rad der Geschichte zurückdrehen will und immer wieder mit antisemitischen Provokationen mehr als aus der Reihe tanzt. Es ist aber nicht nur der Aufstieg der AfD, der Juden nervös macht. Es ist wie fast überall in Westen Europas diese Mischung aus antisemitischen Ressentiments (oft unbewusste Abneigung – Anm. d. Red.) von Neonazis, Linksextremen und Muslimen. Nach den Wahlen 2017 war der Schock über den zweistelligen Erfolg der AfD in den jüdischen Gemeinde groß. Nun säßen über 90 Nazis im Parlament, welche Zukunft habe man da noch. Und dass ausgerechnet Alexander Gauland von der AfD gleich nach der Wahl freundlich versicherte, die Juden hätten keinen Grund zur Beunruhigung, war das für viele Anlass genug, sehr wohl beunruhigt zu sein.

Ich erinnere mich an den Sohn sehr guter Freunde, der in Berlin lebt. Er gehört zur dritten Generation und sagte mir: „Wir hatten in Deutschland kein Problem mehr, anders als unsere Großeltern, die KZ-Überlebende waren und unsere Eltern, die nun in Deutschland haderten. Doch nun stehe ich da und denke über die Zukunft meiner eigenen Kinder nach. Und mir wird klar: In Deutschland haben sie keine mehr, so wie in ganz Europa.“ Das gibt zu denken, finden Sie nicht?

Und Sie selbst. Wie bewerten und erleben Sie die rechte Gefahr in Deutschland und Europa?
Was wir derzeit in Deutschland erleben, ist eine Zeitgeistentwicklung, die wir in ganz Europa haben. Lassen Sie mich noch einmal nach Frankreich zurückkehren. Ich glaube nicht, dass wir uns zurücklehnen können und glauben können, der ehemalige Front Nationale ist, nur weil er die Wahlen verloren hat, weg vom Fenster. Immerhin hat Marie le Pen 34 Prozent gekriegt. Das darf man nicht vergessen.

Wenn Präsident Macron scheitern sollte, dann ist die rechte nationalistische Bewegung auch ganz schnell wieder da. Lassen Sie noch zwei drei neue Anschläge geschehen, dann haben Sie das Ganze wieder sehr präsent.

Ich glaube in der Tat, dass wir in einer Zeit leben, in der die Situation für Juden in Europa grundsätzlich schwieriger geworden ist. Wenn nicht vielleicht sogar für uns Juden unmöglich wird, hier weiterzuleben.

Bitte geben Sie ein Beispiel aus Ihrem persönlichen Erleben.
Als ich das letzte Mal in München war, saß ich in einem Restaurant im wohl betuchten Stadtteil Bogenhausen. Am Tresen standen vier sehr gut gekleidete Männer – Münchner Bildungsbürgertum. Sie unterhalten sich über Kultur im Allgemeinen, das Theater und die Oper. Plötzlich kamen sie auf Johann Wolfgang von Goethe zu sprechen.

„Wisst Ihr, dass in Goethes Faust ein Satz gegen die Juden stand“, fragte einer die anderen, um fortzufahren: Er musste diesen Satz wieder streichen. weil die Juden ihm angedroht hatten, es würde ihm Schlimmes passieren, wenn er diesen Satz stehen ließe...“

Allein diese Behauptung ist einfach Quatsch, aber der Mann redete weiter: „Ist ja auch kein Wunder. Schon in der Bibel steht, dass die Juden ein rachsüchtiges Volk sind und alle bis ins 90. Glied verurteilen und verfolgen...“

Das war ein ganz normales, unwidersprochen hingenommenes Geplauder.  Was aber daran das neue oder eigentlich doch wieder das alte Europa war?

Erstens: Gebildete Menschen reden wieder so einen Unsinn. – in aller Öffentlichkeit.  Zweitens: Sie haben überhaupt keine Hemmungen mehr, es zu sagen. Drittens: Es wird überhaupt nicht mehr reflektiert, was da eigentlich gesagt wird.

Aber, und jetzt kommt es: Wenn Sie zu dem Herren gehen und ihm sagen, dass er ein Antisemit ist, wird er das weit von sich weisen.

Das ist erschreckend, oder...?
... ja. Aber es ist mittlerweile Alltag. Früher war es so, dass ich als jüdischer Journalist viele antisemitische Post bekommen habe. Anonym, selbstverständlich. Aber auch das hat sich seit zehn Jahren verändert. Die Briefe sind nicht mehr anonym, sondern werden mit Namen, Adresse, oft sogar mit der Telefonnummer oder Email-Adresse verschickt.

Auch das ist für mich ein Beweis, dass der Antisemitismus nie weg war. Das wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nur unterdrückt und verschwiegen. Nach dem Motto: Wir dürfen ja nicht darüber reden... Mittlerweile ist viel Zeit vergangen und das Alte ist wieder da. Ich glaube, Antisemitismus ist ein Teil der kulturellen DNA des Abendlandes.

Ist Deutschland stark genug, das aufzufangen?
Natürlich haben Deutschland und die Deutschen viel aus ihrer verheerenden Geschichte gelernt. Das ist schon ein guter Schutzmechanismus vor einer Wiederholung eines Dritten Reichs mit der systematisch organisierten Judenvernichtung. Allerdings habe ich im Moment das Gefühl, der wiedererstarkte Antisemitismus, der Hass auf die Juden und alles Fremde wird nicht wirklich ernst genommen. Für mich ist die Schaffung einer Planstelle, wie des  „Antisemitismusbeauftragten“ nur Kosmetik – das Übertünchen eines Problems, das viel tiefer geht. Das Problem Antisemitismus gehört nicht in ein Amt oder in eine Kommission. Die Auseinandersetzung muss in der gesamten Gesellschaft stattfinden – von links nach rechts, oben nach unten. Hier sind Politik und Staat gefordert. Da passiert viel zu wenig.

Was bedeutet Israel für Sie?
Eine vielschichtige Frage. Da muss ich etwas weiter ausholen. Als Europäer, der seit vielen Jahren in Israel lebt, wirkt der europäische Kontinent für mich immer öfter wie ein wunderschönes Museum, das ich liebe, gern besuche und immer wieder hineingehe. Gleichzeitig wirkt Europa auf mich,  als ob es sich darauf ausruhe, dem Rest der Welt eine Kultur geschenkt zu haben, die über Jahrhunderte alles dominierte und von der wir auch in Zukunft noch profitieren – mit Neuen aus Literatur, Musik, Theater, Malerei. Aber besonders wichtig wäre eine neue Philosophie der Staatskunst, der Bewahrung von Demokratie, Liberalismus und Freiheit in Zeiten des Terrorismus und der digitalen Revolution. Das heißt,  neue ethisch verantwortliche Ansätze zur Lösung unserer globalen Probleme. Und wer, wenn nicht Europa, könnte diese liefern?  USA? Russland? China? Wohl eher nicht. Aber im Moment scheint es so, als ob das alte Schiff Europa einen längst nicht mehr zeitgemäßen Kurs fährt und nicht in der Lage ist, umzusteuern.

Dagegen habe ich in Israel das Gefühl, dies ist das ideale Land, um die Zukunft zu erleben – mit allem Positiven und allen Gefahren. Es scheint so, als ob Israel das „Versuchslabor“ für die westliche Welt geworden ist. Das Leben ist hektischer, schneller, intensiver und bedrohlicher von innen und außen als irgendwo anders im Westen. Fragen, mit denen Israel seit 70 Jahren umgehen muss, haben nun auch Europa und Deutschland erreicht: Wie wird Terrorismus wirkungsvoll bekämpft, ohne die Persönlichkeitsrechte aller einzuschränken? Wie geht man mit Fundamentalismus um, sowohl dem Inneren als auch dem, der von Außen kommt? Wo sind die fast unsichtbaren Grenzen, die tabu sind, wenn nicht ein totalitäres Regime schaffen will? Wie wird erreicht, dass eine multiethnische Gesellschaft nicht  spaltet sondern zusammenwächst? Wie werden Rassismusprobleme gelöst oder wirtschaftliche Stabilität in schwierigen Zeiten erhalten?

Sicher, das Leben ist härter und brutaler als in weiten Teilen Europas. Aber es ist auch spannender und intensiver, obwohl auch ich jeden Tag über die Realität im Alltag verzweifeln könnte und politische Entwicklungen beobachte, die mir Angst machen.

Aber, und das fasziniert mich besonders, weil ich in Israel intensiv mitverfolge, welche Fehler zwar gemacht werden, aber auch welche Lösungen gefunden werden. Es ist ein Land, indem auch Regierung und Gesellschaft versagen, aber auch neue kreative Antworten auf Herausforderungen gefunden werden...    

In den 1980er und 1990er Jahren war Tel Aviv für mich eine hässliche Stadt am Meer, die sich nicht von vielen Städten rund ums Mittelmeer unterschied. Ganz anders Jerusalem: Um den Nahen Osten zu fühlen und zu verstehen, musste ich im Zentrum des Konflikts, an der Nahstelle wischen Palästinensern und Israelis, zwischen Judentum und Islam und dem Christentum sein – eben in Jerusalem. Ich hatte eine kleine Bude im Stadtviertel Rehavia und später in Nachlaot.

In meinem Lieblingslokal  „Bassugra’im“ (deutsch: In Klammern) war ich bald Stammgast, gehörte ich einfach dazu, war Mensch unter Menschen, nicht der Journalist.

Aber dann veränderte sich das Lokal schleichend. Nicht nur die Einrichtung. Das Publikum war anders geworden. Immer mehr Menschen saßen mit Kippa nd Kopftüchern an den Tischen. Und auch die Karte war völlig umgestellt. „Wir haben umgestellt“, antwortete eine Kellnerin auf meine Frage, „wir sind jetzt ein koscheres Restaurant.“ Weiter sagte sie: „Schau dich doch um. Das ganze Viertel wird orthodox. Wenn wir überleben wollen, müssen wir koscher kochen. “

Sie hatte Recht. Ganz Jerusalem hatte sich gewandelt – in allen Vierteln boten immer mehr Restaurants koschere Küche an. Ich sah auf den Straßen mehr und mehr religiöse Juden. Natürlich war Jerusalem stets religiöser als Tel Aviv. Doch es hatte gute Nachbarschaften und Freundschaften gegeben. Fromme und nichtreligiöse Juden ließen sich in Ruhe, lebten friedlich nebeneinander, es gab keine Probleme.

Aber irgendwann begannen die religiösen Juden ihre Viertel zu verlassen, weil sie mehr Wohnraum benötigen. Vor allem die besonders orthodoxen Familien mit sechs oder sieben Kindern brauchten mehr Platz und zogen in einst säkuläre Bastionen. Damit begannen die Probleme.

Inwiefern?
Es begann fast immer nach dem gleichen Schema: Eine fromme Familie zog in ein Mehrfamilienhaus. Kurz darauf kam die erste Beschwerde, dass es in dem Haus keinen Shabbat-Lift gäbe. Das ist ein Aufzug, der stets in jedem Stockwerk hält, denn es ist frommen Juden ja verboten am Shabbat Feuer zu machen. Also dürfen sie auch keine Elektrizität benutzen. Wenn aber der Lift automatisch fuhr und in jedem Stockwerk hielt, musste der fromme Jude nichts machen und konnte ihn benutzen. Also wurde der Lift umprogrammiert. Das sprach sich rum und weitere streng religiöse Familien zogen ein. Doch das war nicht alles. Nun beschwerten sich die Frommen, wenn die Säkularen am Shabbat Musik hörten, Partys feierten oder Fernsehen schauten. Nach und nach zogen die nichtfrommen Familien aus, das wollten sie sich nicht antun. Sie hatten, gelinde gesagt, die Schnauze voll. Genauso erging es mir, als mein Lieblingslokal koscher wurde.

Ich habe kein Problem damit, koscher zu essen. Ich habe auch kein Problem mit besonders frommen Menschen. Ich habe selbst in einer streng gläubigen Familie gelebt, ich bin das gewohnt. Aber, ich erwarte, dass meine Art zu leben ebenfalls respektiert wird. Wenn aber in mein Leben eingegriffen und mir so meine Freiheit genommen wird, gehe ich. Also zog ich nach Tel Aviv.

Und das war...
... eine völlig andere Welt. Tel Aviv ist das Herz des Zionismus, es ist die erste hebräische Stadt, 1909 von einigen Familien gegründet. Tel Avi ist die Abkehr vom Erbe der Väter. Das bedeutet, jüdisches Leben außerhalb der Religionsgesetze. Es heißt, solange in Tel Aviv gelebt und gefeiert wird, ist der jüdische Staat am Leben. An dem Tag, an dem dieses Herz aufhört zu schlagen, ist das Schicksal Israels besiegelt.

Tel Aviv ist aber nicht nur das kulturelle Zentrum des jüdischen Staates, sondern auch das Wirtschaftszentrum.

Wieso?
Nach Silicon Valley hat sich Tel Aviv zum zweitwichtigsten Hightech-Zentrum der Welt entwickelt. Es wird liebevoll „Silicon Wadi“ (Wadi = Tal) genannt. Hier programmieren und gestalten junge Israelis die Zukunft. Zu ihnen kommt die Welt, um Geschäfte zu machen. Nicht nur Amerikaner und Deutsche. Nein, Firmen aus China, Indien und Afrika geben sich die Klinke in die Hand. Start-Up-Unternehmen schießen aus dem Boden. Die Inhaber und ihre Mitarbeiter sind hervorragend ausgebildet. Sei es durch die Universität oder die Armee. Sie sind die neue Elite der Gesellschaft, die etwas bewegen und verändern will. Tel Aviv ist perfekt aufgestellt für die Genration oder das Web 5.0.

Ich vergleiche Tel Aviv gern mit New York: Eine Stadt, die nie schläft, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr pulsiert. Tel Aviv ist ebenso energetisch, liberal, pluralistisch, multiethnisch und hedonistisch wie New York – mit einem Strand, der die Stadt so richtig lebenswert macht.

Wird Israel überleben?
Selbstverständlich. Das Land ist wirtschaftlich sehr gut aufgestellt, auch wenn es zum Beispiel im Rentensystem viele Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Natürlich ist Israels Wirtschaft auf Export ausgerichtet.

Es gibt in Israel regelmäßige Treffen der Unternehmenchefs mit Netanjahu, bei denen es um die wirtschaftliche Entwicklung und Zukunft des Landes geht. Da wird Klartext geredet und es werden Forderungen gestellt. Zum Beispiel, wenn geplante Gesetze negativ für die wirtschaftliche Entwicklung sind und Fortschritt und Wohlstand gefährden. Das kann sich Israel nicht leisten, denn Investitionen würden ausbleiben und hochqualifizierte und hervorragend ausgebildete Kräfte abwandern.

Israel wird aber auch deshalb überleben, da 'Wunder mit eingeplant sind'. Ohne diese Wunder hätte Israel nicht überlebt. Gerade dieser Glaube an das Wunder, der Glauben an das Unmögliche hat die Menschen in Israel von Anfang an bis heute beflügelt und unterscheidet sie grundsätzlich von vielen Europäern. Dafür drei Beispiele:

Früher brauchte man das Wasser, um die Wüste zum Blühen zu bringen und erfand die Tröpfchenbewässerung. Einst brauchte man das Wunder auf dem Schlachtfeld und es entstand eine der mächtigsten Armeen der Welt. Heute erleben wir das Wunder im High-Tech-Bereich. Da kommt niemand mehr an Israel vorbei.

Und Israel überlebt noch aus einem ganz banalen Grund, auch wenn niemand das offiziell bestätigen würde: Das Land ist eine Nuklearmacht. Wer Israel vernichten will, weiß, dass er damit den gesamten Nahen Osten auslöscht.

Letzte Frage? Wie halten Sie es mit dem Glauben?
Eigentlich müsste ich jeden Tag Buße tun – wie wir alle. Ehrlich, ich bin kein richtig frommer, praktizierender Jude, sondern eher ein traditioneller. Mir geht es ähnlich wie vielen Christen, an Feiertagen sitze ich mit der Familien zusammen. Wir essen und feiern. Aber, ob man dann noch in die Synagoge oder die Kirche geht, bleibt offen. Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Ein Jude kann für oder gegen Gott sein, aber nie ohne ihn“ – dieser Satz gefällt mir. An den halte ich mich gern.

Thomas Pfundtner

November 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 25.10.2018
    Ein ehrliches, offenes Gespräch mit direkten Fragen und klaren Antworten. Auch Herr Schneider bestätigt meine Befürchtungen, dass das Leben bei uns wieder mehr eingeschränkt und einseitiger wird, wenn wir uns nicht bei jedem noch so minimalen, auch verbalen Angriff auf Minderheiten wehren. Es kann gar nicht oft genug betont werden, dass unsere Kultur von der Vielfältigkeit lebt - und das schon seit Jahrhunderten. Warum können Menschen nicht leben, ohne sich über andere zu erheben? Jeder Mensch, der viel sieht, viel erlebt, viele verschiedene Kulturen kennenlernt, erweitert seinen Horizont, gewinnt für sein Leben. Das macht uns reich. Mich macht es traurig, dass jüdisches Leben nicht uneingeschränkt offen gelebt werden kann. Die Menschen, die am lautesten schreien, haben es nicht verdient, am besten gehört zu werden. Es wäre so toll, wenn sich die schweigende Mehrheit Gehör verschaffen würde.

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Die Geschichte von Adam und Eva fasziniert uns bis heute. Der Bestsellerautor und Pulitzer-Preisträger Stephen Greenblatt erzählt sie und zeigt uns...

[weiter...]

Zoni Weisz, 81, hat als Einziger aus seiner Familie die Verfolgung durch die National­sozialisten überlebt. Heute setzt der Niederländer, der zum Volk...

[weiter...]

Zur Person

Richard Chaim Schneider wurde am 6. Januar 1957 in München als Sohn ungarischer Shoah-Überlebender geboren. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte  und Philosophie. Danach arbeitete er mehrere Jahre als Regieassistent, Regisseur und Dramaturg an verschiedenen Staats- und Stadt-Theatern. Unter anderem in Amsterdam, Bonn und Wien. Später, nach einem Forschungsaufenthalt in Jerusalem, schrieb er für zahlreiche Printmedien. Seit 1989 berichtet er für die ARD regelmäßig aus dem Nahen Osten. Von 2006 bis Ende 2015 leitete Richard C. Schneider die ARD-Fernsehstudios in Tel Aviv, wechselte dann für gut ein Jahr als Studioleiter nach Rom. Im Frühjahr 2017 kehrte er zurück  nach Tel Aviv. Darüber hinaus hält der mit vielen Preisen ausgezeichnete Journalist zahlreiche Vorträge über das heutige Israel, betreibt einen Videoblog und schreibt für überregionale Zeitungen und Magazine.

"Alltag im Ausnahmezustand"

Seit über 30 Jahren berichtet Richard C. Schneider für Fernsehen und Zeitungen aus dem Nahen Osten. In seinem Buch „Alltag im Ausnahme-Zustand. Mein Blick auf Israel“ beleuchtet der Journalist in sechs thematischen Kapiteln so ziemlich alles, was sich in Israel seit der Gründung vor 70 Jahren ereignet hat – von der Gründungsgeschichte über wirtschaftliche Entwicklungen bis hin zur aktuellen Politik des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Aber keine Angst, „Alltag im Ausnahmezustand“ ist kein Fachbuch für Experten, sondern reflektiert und differenziert in spannendem Erzählton über das moderne und historische Leben in Israel.

DVA-Verlag, 20 Euro. 29,90 CHF.