Titelthema

Auf frommen Wegen

Pilgern ist in. Auch junge Leute schnüren die Wanderschuhe, um auf frommen Wegen den Sinn ihres Lebens zu suchen. Viele kommen verändert zurück

©Action press/Knut Müller

Der Jakobsweg verbindet Glaube, sportliche Erfahrungen und kulturelle Begegnungen. Im Bild: die Stefanskirche in Villambistia

Auf dem Jakobsweg ist die Hölle los. 301 036 Pilger sind 2017 in Santiago angekommen, so viele wie nie zuvor. Die Herbergen sind voll, in den einst verlassenen Dörfern warten Cola-Automaten und Pilger-Menüs auf Rucksackträger mit Jakobsmuschel. Auch in Fátima wurden mehr Beter als je zuvor gezählt: rund 9,4 Millionen. Und allein im Januar 2018 kamen mehr als 25 000 Pilger ins Heilige Land. Pilgern ist in.

„Pilgern boomt, weil auch das Wandern einen Boom erfährt. Gerade junge Menschen entdecken diese ganz eigene Faszination, zu Fuß unterwegs zu sein, Natur, Menschen, Kultur zu begegnen. Und pilgern ist eine Spezialform des Wanderns: Man geht nicht einfach von A nach B, es kommt noch etwas hinzu, was ich nur schwer beschreiben kann. Eine ganz eigene Emotion.“ Das sagt Martin Thull – er ist Fachmann fürs Pilgern. Neun Jahre war er insgesamt auf dem Jakobsweg unterwegs – von Görlitz bis nach Santiago. Jedes Jahr investierte der gelernte Theologe und Journalist zwei oder drei Wochen in fromme Wege. Und genoss es: „Jeder Tag ist neu, man weiß nie, wo man abends landet, ob man überhaupt ankommt, ob man ein Bett findet, zur nächsten Herberge weitergehen oder vielleicht sogar zurück muss.“

Was lockt die Pilger, Tausende von Kilometern unter die Füße zu nehmen, Regen, Staub und stinkende Herbergen zu ertragen, um am Ende mit Tränen in den Augen in der Kathedrale von Santiago die Statue des heiligen Jakobus zu umarmen? Der Entertainer Hape Kerkeling, der mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ eine Millionen-Auflage erreichte, erklärt es so: „Nach dem Göttlichen bin ich schon lange auf der Suche. Als mir dann klar wurde, dass ich in so etwas wie einer Lebenskrise stecke, wollte ich meine Zweifel in einer Auszeit ins Reine bringen, um ganz banal zu mir und zu Gott zu finden.“ Schon das Gehen allein wirkt, hat Martin Thull beobachtet: „Erlebnisse und Erinnerungen, die vergraben schienen, kommen wieder hoch. Man macht ja nichts anderes, als einen Fuß vor den anderen zu setzen: von morgens sieben bis zum Nachmittag. Da kommen viele Sachen hoch.“

Es reist sich besser mit leichtem Gepäck
Martin Thull sagt, er sei als Wanderer aufgebrochen und als Pilger angekommen. Und er habe dabei viel gelernt. „Ich bin gelassener geworden. Ich habe oft die Erfahrung gemacht: Reg dich nicht auf, es gibt eine Lösung. Du kannst auch mal warten, irgendwie ergibt es sich.“ Und: Es habe überhaupt keinen Zweck, über das Wetter zu schimpfen: „Das Wetter ist. Die Energie für einen Wutausbruch über Regen kann ich woanders besser gebrauchen.“ Wenn der 70-Jährige, der als Medienfachmann zu vielen Tagungen eingeladen ist, mit seinem kleinen Köfferchen anreist, erregt er stets Aufsehen: „Die Kollegen fragen dann immer, ob ich nicht übernachte. Aber warum soll ich denn für eine zweitägige Verbandstagung mit einem Riesenkoffer kommen? Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen.“ Wissenschaftler unterscheiden zwischen Pilgern und Wallfahrern: Den Pilgern ist der Weg an sich wichtig, den sie zur Selbstfindung nutzen, während Wallfahrer einen heiligen Ort besuchen. Das tun vor allem die über 60-Jährigen, während ein Drittel aller Pilger jung, also zwischen 20 und 29 Jahre alt ist.

Auf den Spuren von Elisabeth von Eisenach nach Marburg
Und viele berichten später, so wie Martin Thull, dass der lange Weg sie verändert hat. Manchmal sind es gewaltige Umbrüche: Andreas Stüdli, Krankenpfleger und Flugbegleiter, brach vor zehn Jahren nach Santiago auf. Als er zurückkam, kündigte er seinen Job und seine Wohnung und trat ins Priesterseminar ein. Ein Ex-Banker hängt inzwischen entlang der Pilgerwege Nistkästen auf. Eine Gruppe von Brustkrebs-Patientinnen ging, begleitet von Experten der Sporthochschule Köln, zum Grab des Apostels – und die Wissenschaftler staunten, wie gut es den Frauen auch noch Jahre später ging.

Vom Hype um den Jakobsweg, in Deutschland auch ausgelöst durch das Buch von Hape Kerkeling, profitieren auch andere Pilgerstätten. Und immer mehr spirituelle Wanderwege entstehen, wie etwa der Wolfgangweg von Regensburg nach Salzburg oder der Martinusweg quer durch Europa. Die Internetseite www.sakrallandschaft-innerschweiz.ch macht Lust auf „Himmlische Pfade“ durch die Schweiz. Martin Thulls Favorit ist die Via Regia von Görlitz nach Eisenach. „Nur zwei Steigungen, also leicht zu gehen. Der Weg führt durch wunderbare Wälder, tolle Städte und: Man versteht die Sprache!“ Von Eisenach nach Marburg entspricht der neugestaltete Elisabethpfad dem historischen Jakobsweg – auch der ist für Martin Thull ein Geheimtipp.

Sogar „um die Ecke“ warten Orte, die als heilend erfahren werden: ein Marienbild, das Grab eines Heiligen, das Kloster einer engagierten Ordensfrau oder eine besondere Reliquie wie in Aachen oder Trier. Um solche Orte ins Bewusstsein zu rücken, hat Thull ein Buch geschrieben: „Pilgern im Dreiländereck. Unterwegs zu 50 Wallfahrtsorten in Deutschland, Belgien und den Niederlanden. „Spirituelle Inseln in der Hektik des Alltags“, nennt Thull seine Auswahl. „Himmel und Erde berühren sich dort.“

Christina Brunner

Juli 2018

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