Reportage

Auf Knien in die Kirche

Jedes Jahr pilgern Tausende kubanische Gläubige am 17. Dezember zur Wallfahrtskirche in Rincón – um vom heiligen Lazarus von Krankheiten geheilt zu werden. Dafür nehmen sie teilweise unmenschliche Strapazen auf sich

Gut besucht ist die Wallfahrtskirche. Viele kommen regelmäßig am 17. Dezember jedes Jahr

Eng aneinandergepresst drängen die Menschen zum Altar, immer mehr strömen von draußen in die Wallfahrtskirche von Rincón. Zu Tausenden sind sie in das kleine Dorf gekommen, das eine Stunde Busfahrt von der Hauptstadt Havanna entfernt liegt. Hier wollen sie dem heiligen Lazarus, dem Patron der Aussätzigen, huldigen – so wie jedes Jahr in der Nacht zum 17. Dezember. Viele Gläubige haben Gaben mitgebracht, tragen Blumen und Kerzen in der Hand.

Nicht alle pilgern zu Fuß. Einige rutschen auf nackten Knien über die staubigen Straßen oder robben bäuchlings über den Asphalt. Andere wiederum ziehen mit schmerzverzerrtem Gesicht schwere Stein- oder Zementblöcke hinter sich her, die sie an ihren Knöchel gekettet haben. Sie lösen damit ein Versprechen ein, das sie dem heiligen Lazarus gaben, als sie ihn um Genesung baten für sich oder andere.

Ärzte neben der Wallfahrtskirche

„Je größer die Strapazen, umso stärker der Dank an den Heiligen“, erklärt Elva Regina Polledo Campillo. Die 71-Jährige aus Havanna ist auch schon oft mitgepilgert. „Es ist nicht leicht, sich die Qual der Menschen anzuschauen“, gibt sie zu, „auch für mich als Kubanerin nicht, die den Anblick gewohnt ist.“ Neben der Kirche stehen Ärzte bereit, um sich um Verletzte zu kümmern, um die selbst zugefügten Wunden der Pilger fachmännisch zu versorgen.

@Ralf NiemzigAls „Volksfeststimmung“ beschreibt Elva die Atmosphäre in Rincón. „An der Straße bieten Händler Kerzen und Heiligenfiguren an.  Vor den Häusern haben die Anwohner Lazarus-Altäre aufgebaut.“

Doch die Pilger huldigen nicht nur dem Lazarus aus der Bibel, erklärt die Kubanerin, die katholisch getauft ist.  „Viele Kubaner sehen in ihm auch den Babalú Ayé.“ Das ist eine von vielen Gottheiten der Santeria – so heißt die afro-kubanische Religion, eine Mischung aus Naturreligion und Katholizismus.

Die Santeria entstand bereits ab dem 17. Jahrhundert, als die Sklaven, die in das von Spanien kolonialisierte Kuba verschleppt wurden, ihre afrikanische Religion mitbrachten. Im Zuge der Christianisierung vermengte sich die katholische Heiligenverehrung mit dem Glauben an die Orishas, die afrikanischen Götter. Der Babalú Ayé ist ebenso wie Lazarus für Krankheiten zuständig.

@Ralf NiemzigElva sieht in der Verschmelzung der afrikanischen Gottheit mit Lazarus keinen Widerspruch zur katholischen Kirche. „Für mich ist das gelebte Tradition“, sagt sie. Auch der staatlich propagierte Atheismus auf Kuba konnte die Santeria nicht eindämmen, die inzwischen einen neuen Aufschwung erlebt.

Am Altar geben die Pilger ihre Gaben ab. Wer dorthin auf Knien oder dem Bauch gerutscht ist, darf nun aufstehen, die Steine am Fuß werden entfernt. Der Priester legt die Hand auf den Kopf des Gläubigen. Die Nachtmesse beginnt.

Später, während der neue Tag heranbricht, ruhen sich die Gläubigen auf dem Rasen neben der Kirche aus, bevor sie den Heimweg antreten. Nächstes Jahr sind sie wieder da. Wer jedoch zu der Überzeugung gelangt, der heilige Lazarus habe ihn trotz aller Strapazen nicht erhört, der bestraft ihn: Die Figur des Heiligen wird auf den Kopf gestellt.

Ulla Arens

Dezember 2019

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